Prüfungstage

Manche Menschen scheinen selbst im dichtesten Prüfungsdschungel noch Energien humboldtschen Ausmasses – um an dieser Stelle der Dschungel-Analogie gerecht zu werden – wecken zu können. Andere sehen in der Prüfungsphase die längst überfällige Erweiterung der Hölle um einen zehnten Kreis. Dieser Artikel ist ein Ausruf an all jene, die sich im dichten Netz der Prüfungen gefangen fühlen und endlich dem stechenden, achtäugigen Blick der Arachne Zukunftsangstia entfliehen wollen.

Um diesen Artikel in eine leserliche Form zu bringen, müssen wir zunächst von der Existenz zweier hypothetischer Studenten „A“ und „B“ ausgehen.

Student „A“, zugunsten der Leserlichkeit Alf getauft, wird in seinen ersten 19 Lebensjahren die Matura souverän absolvieren, sich für einen Studiengang entsprechend seiner Stärken einschreiben, und am Ende des ersten Universitätsjahres erfolgreich, mit einem gesunden Blutdruck von 120 systolisch zu 80 diastolisch die anspruchsvolle Prüfungsphase bestehen. Wenn wir weiterhin die SpinnenMetapher bemühen, dann ist Alf die Schlupfwespe. Der stechende Blick des Spinnentieres mit seinen giftig triefenden Fangwerkzeugen aus Leistung und Druck wecken in ihm ungeahntes Potenzial. So ist es ihm möglich, mit seinem langen Stachel in die Haut der Arachne Zukunftsangstia einzudringen, dort seine Eier abzulegen, die eigene Zukunft zu sichern und dem Spinnenungeheuer ein vorzeitiges Ende zu bescheren.

Student „B“, im Nachfolgenden Bilbo genannt, wird seine ersten 19 Jahre auf der Erde unter der Maxime „Null Bock“ verbringen, die Matura auf Grund einer Namensverwechslung unverdient bestehen und mit einem herausragenden Blutdruck von 200 systolisch zu 130 diastolisch durch die ersten Prüfungen an der Uni rasseln. Ihm kann man, ohne schlechtes Gewissen, das Prädikat Stubenfliege zuteilwerden lassen. Gefangen im Netz der Herausforderung ergibt er sich bereitwillig. Gelähmt und resigniert blickt er seinem Schicksal in Spinnengestalt entgegen. Ein willkommener Snack für die Arachne Zukunftsangstia.

Sicherlich hat Alf sich intensiv auf die Prüfungen vorbereitet, wohingegen Bilbo seinem Clash of Clans-Account mehr Bedeutung beigemessen haben dürfte als seiner akademischen Laufbahn. Doch die beiden unterscheiden sich nicht nur durch den tatsächlichen Lernenaufwand, sondern auch im Umgang mit der Prüfungssituation. Um die absurd anmutende Kluft zwischen Alfs und Bilbos Prüfungsverhalten zu verdeutlichen, werfen wir im nachfolgenden einen tabellarischen Blick auf den Tag vor der Prüfung und den Morgen des Prüfungstages.

Der Tag vor der Prüfung

Tagesablauf Alf Tagesablauf Bilbo
9:00 Uhr der Wecker klingelt. Alf macht sich ein Müsli mit Früchten und Nüssen. Powerfood für Geist und Körper. 9:00 Bilbo schläft noch. Es war eine lange Nacht.
9:30 Alf geht eine Runde joggen. Er findet, die körperliche Leistungsfähigkeit wirkt sich positiv auf seine geistige Leistungsfähigkeit aus. 9:30 Bilbo speichelt im Schlaf auf sein Kissen. Kreative Gemüter erkennen in dem Speichelfleck die Umrisse von Texas.
10:30 Frisch geduscht, bemerkt Alf eine innere Unruhe. Der Prüfungsgedanke macht ihn nervös. Mit einer kurzen Meditation erdet Alf sein Inneres. Dann holt er seine Lernkärtchen raus. 10:30 Bilbo hat im Schlaf eine Mücke eingeatmet. Er röchelt kurz und schläft weiter.
12:30 Uhr Alf ist mit seinen Lernkärtchen den bereits gelernten Stoff in Ruhe durchgegangen. Zeit für das Mittagessen: Lachs, Reis und Karottengemüse. Alf entspannt sich kurz auf der Couch und hört Musik. 12:30 Der Harndrang weckt Bilbo aus seinen Träumen. Eigentlich wäre jetzt der Zeitpunkt um zu Lernen, aber sollte er nicht schon lange mal seine CDs sortieren? Und außerdem wollte er doch noch ein neues Regal kaufen.
13:00 Uhr Alf beschließt die übrig gebliebenen Lernkarten nochmal durchzugehen. 13:00 Bilbo prügelt sich auf dem IKEA-Gelände um einen Parkplatz.
15:00 Kurze Pause. Alf trifft sich mit Freunden im Kaffee. Die frische Luft tut ihm gut. 15:00 Das Regal sieht komisch aus. Irgendwie schräg. 1 Brett und 8 Schrauben sind übrig.
17:00 Uhr Alf ist wieder zuhause. Er geht nochmal in Ruhe den Stoff durch. 17:00 Überall liegen CDs, das Regal ist beim ersten Belastungstest gebrochen. Bilbo fragt in der Whatsappgruppe seines Semesters was morgen dran kommt.
19:00 Uhr Alf richtet seine Sachen für die Prüfung. Wasser, ein Brot, erlaubte Unterlagen und Bücher, Studierendenausweis, Wörterbuch, Taschenrechner und Batterien, Füller, Bleistift und Radiergummi. 19:00 Uhr Bilbo ärgert sich. Er hätte früher lernen sollen. Wütend macht er sich sein erstes Bier auf. Ist das überhaupt das richtige Buch?
21:00 Uhr Alf nimmt ein Entspannungsbad. 21:00 Uhr Bilbo fühlt sich angetrunken. Der Lernstoff wirkt neu und fremd. Er öffnet sein fünftes Bier.
22:30 Uhr Alf legt sich ins Bett. Zu den sanften klängen von Jack Johnson schläft er ein. 22:30 Uhr Bilbo bestellt eine Familienpizza. Sie liegt schwer im Magen. Er fühlt sich müde.

Tag der Prüfung

7:00 Uhr Der Wecker klingelt. Genug Zeit für ein gesundes Frühstück 7:00 Hat Bilbo überhaupt einen Wecker gestellt?
8:00 Uhr Alf geht heute ein bisschen früher los. Er möchte einen zeitlichen Puffer haben, falls auf dem Weg etwas unvorhergesehenes passiert. Den Prüfungsraum hat er im Raumfinder online gefunden und in seinem Kalender notiert. 8:00 Bilbo wacht schlagartig auf. Panik! Wann ist er eingeschlafen? Er kann sich nicht erinnern. Das Pizzastück auf seiner Brust ist hart und kalt, muss wohl schon eine Weile her sein. Wo findet die Prüfung eigentlich statt?
8:45 Einlass. Alf sucht sich einen angenehmen Platz für die Prüfung. 8:45 Bilbo hat keine Ahnung wo er hin soll und einen Platten.
9:00 Die Prüfung beginnt. Alf ist rechtmäßig für die Prüfung eingeschrieben und wird ein gutes Ergebnis erzielen. 9:15 Beschämt setzt sich Bilbo an einen der letzten freien Plätze. Hätte er gewusst, dass er sich zu Semesterbeginn gar nicht auf der Universitätwebseite für den Kurs eingeschrieben hatte, dann hätte er sich den Stress wahrscheinlich gespart.

Dieses Szenario ist stark überzeichnet, aber die Grundgedanken dahinter bilden einen sinnvollen Leitfaden für Studierende:

Rechtzeitiger Start:

Fang früh genug an, sodass du in den Tagen vor der Prüfung lediglich bereits gelerntes wiederholen musst.

Bedingungen einhalten:

Achte auf strukturelle Voraussetzungen wie Prüfungsräume und das korrekte Einschreiben zur Prüfung.

Entspannen:

Wenn du grundsätzlich Probleme mit der Stressbewältigung hast, kann Meditation vielleicht Abhilfe schaffen. Online findest du eine Menge Material zu Meditationstechniken.

Fit bleiben:

Achte zudem auf dich und deinen Körper, unter anderem durch die Ernährung (z.B. Brainfood), ausreichend Schlaf und sportlichem Ausgleich.

Lernstruktur:

Strukturiere dich mit vernünftig gewählten Lernphasen und ausreichend Lernpausen. Einige Tipps dazu findest du im Artikel hier.

Wecker:

Stell dir rechtzeitig einen Wecker der dich auch wach kriegt. Im Zweifelsfall stelle dir einen zweiten Wecker oder platziere deinen Wecker so, dass du aufstehen musst, um ihn zu deaktivieren.

Vorbereitung:

Lege dir alle wichtigen Gegenstände für den Prüfungstag bereits am Abend zuvor zurecht.

Cool bleiben:

Mach dir zu guter Letzt bewusst, dass dein Wert als Person nicht von irgendwelchen Prüfungsergebnissen abhängt. Du bleibst du, auch wenn du eine Prüfung mal nicht bestehen solltest. Scheitern gehört genau wie der Erfolg zu einer durchschnittlichen Studentenbiografie und beides kann dich persönlich weiterbringen, wenn du daraus die richtigen Schlüsse ziehst.

In diesem Sinne, viel Erfolg!

Kommentar schreiben

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Universität Basel auf: