Easy to Learn, Hard to Master – Was du beim Lernen beachten solltest

„Hey, kommst du später mit in die Bar?“ – „Ich kann nicht. Muss noch lernen.“

Solche oder ähnliche Dialoge spielen sich täglich tausendfach in Freundeskreisen junger Studierender ab. Betroffene Personen klagen über mangelnde Freizeit, soziale Isolation und Stresssymptomatiken. Die Folge sind Überforderung, Unlust bis hin zur Prokrastination. Doch ist ist es überhaupt möglich, sich diesen Phänomenen zu entziehen und was steckt wirklich hinter dem so leichtfertig gebrauchten Wort „lernen“?

Mehrere Prüfungstermine liegen zeitlich nah beieinander. Deadlines für Hausarbeiten und die notwendige Nachbearbeitung von Lehrstoff sorgen für zusätzlichen Druck. Da kann schnell die Motivation verloren gehen. Mit diesen Tipps kannst du das verhindern:

1) Dokumentiere deinen Lernerfolg
Beim sogenannten Selfmonitoring ist es entscheidend, dass du dir deine Erfolge bewusst machst. Ob gross oder klein, spielt dabei keine Rolle. Im Idealfall trägst du die Lernerfolge auf einem im Alltag sichtbaren Kalender ein.

2) Belohne dich
Klar, die grösste Belohnung ist sicherlich die erfolgreiche Prüfung nach einer anstrengenden Lernphase. Aber man kann sich schon davor selbst belohnen. Stecke dir dabei realistische Lernziele. Wenn du diese erreicht hast, dann schenke dir eine Belohnung: Ob du ein leckeres Essen zubereiten, etwas Sport treiben oder einer Runde auf der Couch chillen möchtest, ist dir überlassen.

3) Nutze deine Ängste
Die Angst vor dem Versagen lähmt dich? Dann probiere einen einfachen Umdenktrick aus und mache dir die Angst zum Freund: Statt die Konsquenzen des Versagens als dunklen Schatten im Hinterkopf mit sich herumzutragen, können einfache Gedanken nach dem Schema „Die Angst hilft mir, mich an den Tisch zu setzen“ oder „Ohne ein bisschen Angst würde ich vermutlich nicht so intensiv lernen“ aus einem hemmenden Angstgefühl eine effiziente Lernstütze machen.

So funktioniert Lernen
Hermann Ebbinghaus beschrieb bereits 1885 in seinem Buch „Über das Gedächtnis“, wie Probanten zusammenhangslose Silben besser erinnern konnten, wenn sie sich diese wiederholt einprägten.

Dabei wirken beim Speichern der Information unterschiedliche Gedächtnissysteme. Im Kurzzeitgedächtnis können zwischen fünf und neun Elemente wie Wörter, Symbole oder Sätze für etwa vier Minuten gespeichert werden. Ausserdem können diese Elemente durch gedankliches Wiederholen im Kurzzeitgedächtnis aufrechterhalten werden, sofern man dabei nicht gestört wird. Zusätzlich verfügt der Mensch über ein Langzeitgedächtnis, in welchem alle Erinnerungen eines Lebens bis über die gesamte Lebensspanne abgespeichert werden können.

Um Inhalte aus dem Kurzzeitgedächtnis in das Langzeitgedächtnis zu überführen, ist es notwendig diese regelmässig zu wiederholen. Der Lernerfolg steigert sich, wenn die Lernintervalle in regelmässigen Abständen und nicht unmittelbar aufeinander erfolgen.

Zusätzlich zum Wiederholen wirkt es sich positiv auf die Überführung ins Langzeitgedächtnis aus, wenn die gelernten Inhalte emotional verknüpft werden können. Dies ist zum Beispiel der Fall, wenn man sich mit dem Stoff identifizieren kann oder sich der Lehrperson im Sinne eines Vorbildes emotional verbunden fühlt.

Die Aufteilung in zwei Systeme birgt aber auch eine Gefahr. Wenn du im Lernprozess, zum Beispiel beim Lesen, die gerade gelesenen Inhalte abrufen möchtest, ist dir das – dem Kurzzeitgedächtnis sei Dank – meistens ohne Weiteres möglich. Das heisst jedoch noch nicht, dass du die gelesenen Inhalte bereits als gelernt einstufen kannst. Wenn du sie nicht in das Langzeitgedächtnis überführen kannst, werden sie binnen einiger Stunden wieder vergessen.

Neben aussreichendem Üben und Wiederholen spielen aber auch die lernfreien Zeiten eine tragende Rolle im Lernprozess. Hierbei kann man sich an den regulären Arbeitszeiten eines Arbeitnehmers orientieren. Die gesamte Lerndauer sollte 8 Stunden pro Tag nicht überschreiten, wobei die gesamte Zeit hierbei in Vier-Stunden-Blöcke aufgeteilt werden sollte.

Effektive Pausen
Folgendes Modell für die Pausenzeiten soll sich dabei positiv auf die Lernleistung auswirken:

Bei Bedarf: Eine Pause von einer Minute um sich am Arbeitsplatz zurückzulehnen.

Nach 30 Minuten: Eine Pause von 5 Minuten, um sich mit einer ablenkenden Kurztätigkeit zu beschäftigen. Je stärker die Tätigkeit vom Lernen abweicht, desto intensiver wirkt sich die Pause positiv auf den Lernprozess aus.

Nach 2 Stunden: Eine Pause von 15 bis 20 Minuten, um sich für bereits geleistete Lernerfolge zu belohnen oder eine ablenkende Tätigkeit zu verrichten.

Nach 4 Stunden: Eine lange Pause von 60-120 Minuten, um sich zu erholen und zum Beispiel eine grosse Mahlzeit zu sich zu nehmen. Besonders positiv auf die Stärke des Pauseneffektes sollen sich kurze Nickerchen auswirken.

Um den eigenen Lernprozess nicht zu behindern, ist es zudem wichtig, sich ähnelnde Lerninhalte nicht in der selben Lerneinheit zu behandeln. Gleichen sich die Lerninhalte nämlich stark, so besteht die Gefahr der retro- bzw. proaktiven Lernhemmungen. Lernt eine lernende Person zum Beispiel erst Französisch und im Anschluss Spanisch, so kann der Französischstoff das Spanischlernen proaktiv hemmen und der Spanischstoff das Französischlernen entsprechend retroaktiv.

Wie war das mit der Bar? Ein letzter Tipp (mit Augenzwinkern)
Um eine retroaktive Hemmung von bereits gelerntem Lernstoff gänzlich zu verhindern, könntest du die die anamnestische Wirkung von Alkohol ausnutzen. Dieser sorgt nämlich dafür, dass neue Eindrücke in geringerem Masse abgespeichert werden und somit nicht mehr mit den bereits gelernten Inhalten konkurrieren können.

Wiederholt man unter den vorausgegangenen Aspekten den Anfangsdialog, sehe dieser nun also wie folgt aus:

„Hey, kommst du später noch mit in die Bar?“ – „Selbstverständlich, denn ich habe heute bereits einen achtstündiges Lernintervall hinter mir, in welchem ich ausreichend Pausen eingelegt habe. Um den Lernstoff nicht mit neuen Eindrücken zu belasten, erscheint mir eine geeignete Menge Bier als das Mittel der Wahl, um die Überführung neuer Inhalte ins Langzeitgedächtnis zu verhindern. Ausserdem möchte ich mich nach dem Lernstress mit einem Barabend adäquat belohnen.“

 

Wenn du weiterlesen möchtest:
RÜCKRIEM, N.(1977): Lehrerverhaltenstraining. Wege zur Selbstausbildung. Ravensburg.
EBBINGHAUS, H.(1885): Über das Gedächtnis. Untersuchungen zur experimentellen Psychologie. Leipzig.

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