Drei Dinge, die ich an Basel vermissen werde

Meistens lernt man etwas erst richtig zu schätzen, wenn es plötzlich weg ist – oder wenn man selber plötzlich weg ist. Ich mache dieses Frühjahr ein Erasmus-Semester und glaube schon jetzt zu wissen, was mir an Basel besonders fehlen wird.

Ich verspürte schon früh den Drang zum Weggehen, die Sehnsucht nach der Luft der Ferne. Solange ich mich erinnern kann, schwebten mir stets Orte im Kopf, die ich nicht nur bereisen, sondern auch bewohnen wollte. Die Anonymität in fremden Städten war mir stets verheissungsvoll.

Mit 16 ging ich zum ersten Mal weg von zu Hause, um ein Jahr an einer amerikanischen High School zu büffeln. Ich wurde zur Wiederholungstäterin: Mit 23 verreiste ich nach Florenz und aus ursprünglich geplanten drei Monaten wurden neun. Nun zieht es mich nach München, wer weiss für wie lange.

Die häufigste Antwort auf die Wahl meiner Destination: «Hä, wieso München?» Berechtigte Frage, einfache Antwort, denn die Entscheidung fiel eher zufällig aus. Ich war etwas zu spät mit der Anmeldung, da waren Berlin und Wien natürlich schon vergeben, und da ich im deutschsprachigen Raum bleiben wollte, fiel das Los auf die bayerische Landeshauptstadt. Die Tatsache, dass ich selber bisher noch nie in München war, macht das ganze Unterfangen nochmals etwas prickelnder.

Wer weggeht, lässt zurück
In wenigen Tagen ziehe ich um und ich kann es kaum erwarten, abends müde ins Bett zu fallen und all die gesammelten Eindrücke Revue passieren zu lassen. Neue Gesichter, Gerüche, Gassen. In den Strassen unerkannt bleiben und nicht dem nachgeben zu müssen, was die Leute denken, wer man sei. Ich liebe diesen Zustand, wenn man so beschäftigt ist, Neues zu verarbeiten, dass sich alltägliche Sorgen wie von selbst auflösen und sich eine merkwürdige Mischung aus Aufregung und Ruhe einstellt.

Wer weggeht, lässt aber immer auch Dinge zurück. In erster Linie natürlich Menschen, denn die sind (im Idealfall) unersetzbar. Was aber verlässt man, wenn man von einer Stadt wegzieht? Und wie blickt man anders auf sie zurück?

3.) Distanzen
Ich war kürzlich in Berlin und bin mir da einmal wieder bewusst geworden, was es bedeutet, sich in einer Grossstadt fortzubewegen. Da fährt man locker 45 Minuten Bus und ist noch nicht einmal an der Stadtgrenze angekommen. Würde ich dieselben Strecken mit dem Fahrrad zurückzulegen, ich würde mich wohl mit Radsportbekleidung und Proviant rüsten.

In Basel sind wir da etwas verwöhnt. Hier kann man in 45 Minuten zwei Länder bereisen – ohne sich dabei abzurackern, versteht sich. Mit dem Fahrrad ist man überall im Nu, und falls mal keine Luft im Pneu ist, dann geht’s meistens auch zu Fuss. Die kurzen Distanzen sind verdammt praktisch, das muss ich ehrlich zugeben, sie können natürlich aber auch einengen. Falls das eintrifft, versuche ich mir stets die geografische Ausdehnung der Schweiz vor Augen zu führen, denn nicht vergessen, in 45 Minuten ist man schon fast in Zürich!

2.) Unisport
Ich studiere ja nun schon ein Weilchen, und habe demnach bereits ein grosses Spektrum von Unisport-Kursen zusammengeschwitzt. Von Bauchtanz bis Boxen habe ich mich durch die ganze Bandbreite des Kursangebotes probiert und bin immer wieder überrascht, wie jedes Semester neue Kurse angeboten werden – Sportarten, deren Namen ich oft nicht einmal auszusprechen weiss. (Ich meine, was zum Teufel ist Korfball?)

In diesen Jahren habe ich mir eine wertvolle Expertise erarbeitet, sodass ich nun weiss, welche Kurse genau meinem Gusto entsprechen, welchen ich gewachsen bin und welche ich vielleicht besser auf fittere Zeiten vertage. Dieses Expertenwissen ist nicht zu unterschätzen, gibt es doch nichts Schlimmeres, als in einem Kurs zu landen, wo man nicht weiss, ob man es lebendig wieder raus schafft. Lieber Unisport, ich werde dein vielfältiges Angebot vermissen!

1.) Den Rhein
In den USA habe ich am Eriesee gewohnt, der aufgrund der starken Wasserverschmutzung auch unter dem Namen «North America’s Death Sea» bekannt war. In den Arno in Florenz habe ich nie eine Zehe getunkt, wer weiss ob die überlebt hätte oder an Ort und Stelle abgefault wäre. Das Ufer des Flusses jedenfalls war auch an heissen Sommernächten unbelebt. In Basel ist das anders, hier gehört der Rhein zum festen Bestandteil des Stadtbildes, der aber nicht nur auf hübschen Postkarten abgedruckt, sondern rege genutzt wird.

An warmen Sommertagen habe ich teils das Gefühl, es befinden sich mehr Menschen im Rhein, als in den Strassen. Die Devise scheint zu lauten: bis zum Kinn drin, oder am Ufer chillen. Doch auch in den kühleren Jahreszeiten ist das Rheinufer selten menschenleer, es wird grilliert, Boccia gespielt, gejoggt. Für mich hat der Rhein etwas Beruhigendes, dieses durch die Stadt treibende Wasser bringt Stille in die Stadt. Wer weiss, vielleicht kann die Isar in München dem Rhein das Wasser halten. Ich jedenfalls sehe mich jetzt schon, wie ich an sonnigen Tagen nostalgisch am Ufer der Isar stehe und die Worte Henning Mays leise vor mich her singe: «Tommi, ich glaub’ ich hab’ Heimweh. Ich will mal wieder am Rhein stehen, einfach hineinsehen.»

So, dies ist die Top Drei der Dinge, die mir an Basel fehlen werden. Ich bin mir sicher, da wird noch einiges dazukommen, das ich in diesem Moment vielleicht noch gar nicht zu schätzen weiss. Bis dahin, Servus!

Lisa Gianotti

Beim Betrachten einer zerbrechlich verkrampften Hand von Egon Schiele hat sich Lisa Gianotti dazu entschieden, Kunstgeschichte zu studieren. Von der schwerwiegenden Nebeldecke über dem Aargau ist sie der Sonne nach Basel gefolgt. In Museen findet sie die Ruhe, die in ihrem Kopf nicht immer herrscht. Wenn sich keine Leinwand vor ihren Augen befindet, dann tönen Klänge im Ohr. Sie würde gerne seltener Seminararbeiten und öfter Gedichte schreiben und ist in allem, was sie tut, nur halb so schnell wie ihre Mitmenschen.

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