Au revoir!

EuRopean Community Action Scheme for the Mobility of University Students: Erasmus! Dieses Wort hat in mir schon immer eine kribbelnde Begeisterung ausgelöst: ein Jahr lang weg sein, eine fremde Sprache sprechen, sich inspirieren lassen von anderen Gerüchen, Ideen, Philosophien. Eine Kultur nicht nur ‘besichtigen’, sondern erleben, ausleben! Wer aber auf Reisen geht, etwas Neues erkundet, lässt auch einiges zurück. Wie ich mich auf das kommende Abenteuer vorbereite und mit dem Abschied nehmen klar komme, liest du hier:

Mitte Juni bekam ich die ‘Lettre d’acceptation de l’Université de Bordeaux’. Erst einmal machte ich Freudensprünge, konnte mein Glück kaum fassen! Ich würde in Frankreich mit einem Béret auf dem Kopf sowie einem Baguette unter dem Arm durch die Strassen schlendern, säuselnde Geräusche von mir geben und dabei denken: «Je ne parle pas français, aber bitte red weiter…»

Ein Dach über dem Kopf
Für meinen französischen Traum brauchte es aber noch ein wenig Vorbereitung: Ich brauche ja schliesslich eine Wohnmöglichkeit in Bordeaux. Die Wohnungssuche gestaltete sich schwierig und überschnitt sich zudem mit der Lernphase. Wie ich diese Prüfungen bestehen konnte, ist mir bis heute ein Rätsel.

Denn ich habe gefühlt hundert Mails verschickt, beantwortet, den PONS zu Vokabular befragt und mich erst nach einigen Tagen daran erinnert, dass sich im Französischen die Endung des Adjektivs nach dem Nomen richtet. Mit allen Mitteln versuchte ich auf Französisch nett und sympathisch zu wirken: Auf Anfrage hin habe ich sogar probiert Witze zu übersetzen, wobei bestimmt die ein oder andere Pointe unterwegs verloren ging. Nach Bordeaux zu reisen, um eine Besichtigung zu machen, lag in der Lernphase dann wirklich nicht drin, weshalb Skype während dieser Zeit die meist geschätzte App auf meinem Handy wurde.

Doch nach zwei Monaten, einigen speziellen Angeboten, vielen peinlichen Skype-Gesprächen, die in einem Gemisch von unterschiedlichen Sprachen geführt wurden, einer aufgrund der vielen Absagen sinkenden Erwartungshaltung, die am Ende einem ‚Eine Höhle kann auch gemütlich sein!’–Optimismus gleich kam, und dank ein wenig Vitamin B hat sich eine Wohngemeinschaft meiner erbarmt. Keine Höhle, echte Menschen und das Beste daran: Wir haben eine WG-Katze. Besser hätte es nicht kommen können!

Packen bis die Wolken wieder lila sind
10:00 Uhr: Kisten und grosse Sporttaschen stehen bereit, um Kleider in sich aufzunehmen. Doch ich blicke fassungslos auf alle meinen Sachen. Bis zu diesem Moment war ich völlig ahnungslos, wie viele Dinge in einem 12 Quadratmeter grossen Zimmer Platz haben können. Wo anfangen? Wieso habe ich eigentlich so viele T-Shirts? Wofür brauche ich 50 Nastuch-Pakete? Woher stammt diese Münze mit dem aufgedruckten Tiger? Echt unheimlich.

22:30 Uhr: Kleider sind aussortiert worden, Schuhe mit nur noch einem Hauch von Sohle landeten im Abfalleimer. Ein befreiendes Gefühl. Nach der ersten Pack-Runde quellen die Kisten mir der Anschrift ‚Bordeaux‘ trotzdem fast über. Ich muss radikaler werden: Werde ich in Bordeaux eine Winterjacke brauchen? Wieso eigentlich zwei braune Pullover? Einer reicht.

02:00 Uhr: Die Kleider sind nun endgültig sortiert. Ein Kernsortiment an Unterwäsche und einer sonst sehr sommerlichen Garderobe überlebte meine Kleider-Razzia. Aufgehängte Fotos, Bücher, Dekorationen müssen noch verpackt werden. Die Musik ist schon vor einigen Minuten verstummt, mein Antrieb im Keller. Ich flüchte in die Küche, brauche Energie und Kaffee. Ich beschliesse nicht mehr auf die Uhr zu schauen, bis meine Sachen in den Kisten und ich im Bett bin. Eine lange Nacht steht mir bevor.

06:04 Uhr: Ein lila Schimmer hellt den Himmel eine Nuance auf, Vögel zwitschern mich in den Schlaf. Die Kisten sind gepackt und bereit. Ich aber muss erst einmal schlafen.

Die Abschiedsfeier
Die Zeit seit Mitte Juni verging wie im Fluge, der Sommer schmolz in dieser Hitze nur so dahin und meine ursprüngliche Standardantwort: «Ach, ich gehe erst Ende August, das ist ja noch weit weg», musste ich umformulieren zu «Wir sehen uns bestimmt noch! Carpe diem. Lass uns nicht so weit voraus planen» und schlussendlich: «Hast du Lust an meine Abschiedsparty zu kommen?»

Nochmals alle an einem Ort versammeln, meine lieben Freunde und Geschwister. Ein dicker Kloss hatte es sich schon einige Tage vorher in meinem Hals gemütlich gemacht. Natürlich hatte ich mich auf diesen Abend gefreut und gleichzeitig davor gefürchtet. Abschied nehmen konnte ich noch nie gut. Als dann eine Polaroidkamera inklusive Album gezückt wurde, schienen meine Dämme zu brechen. Umarmung nach Umarmung forderte ich ein, schliesslich musste ich meinen Vorrat auffüllen. Wunderbare Menschen, die ich alle stark vermissen werde. Doch wie Albert Einstein bereits behauptet hat, sind Abschiede Tore in neue Welten. Das kann ich kaum erwarten!

Es verbleiben nur noch wenige Tage bis zu meiner persönlichen Abreise in neue Welten. Dorthin nehme ich dich mit! Das nächste Mal melde ich mich aus Bordeaux. Bis dahin: Au revoir!

Josefin Kaufmann

Mit viel intrinsischer Motivation studiert Josefin Kaufmann Medizin; der Schlüssel zum Erfolg ist der Kaffee. Bunt gekleidet, oft zu spät, immer am Lachen. Obwohl sie es geniesst, Köstlichkeiten zu schmausen, befindet sich oft nur Licht und Senf in ihrem Kühlschrank. Auf dem Fahrrad recht gefährlich unterwegs, sind Sonntagsfahrer und rote Ampeln ihr ein Dorn im Auge. Fahrradhelm ist aber ein Muss, Medizinstudium sei Dank.

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