«Erst nach der Wahl des Titels merkte ich, dass das Licht überall in den Geschichten vorkommt.»

«Wie man das Sonnenlicht einfängt» von Lea Cadisch, Verlag Literaturwerkstatt

Wie man das Sonnenlicht einfängt heisst Lea Cadischs Kurzgeschichtenband. Lea studiert Deutsche Philologie und Musikwissenschaften an der Universität Basel und schreibt neben ihrem Studium leidenschaftlich gerne Geschichten. Ich kann mich daran erinnern, wie sie im ersten Schreibgruppentreffen an der Universität erzählt hat, an einem grösseren Projekt zu arbeiten. Anderthalb Jahre später liegt ihre Erstveröffentlichung vor und Lea berichtet mir von der Entstehung ihres Erstlings.

Lea spielt Harfe. An ihrer Buchvernissage hatte sie zwischen den Texten gekonnt an den Saiten gezupft. Die Nervosität hatte man ihr nicht angemerkt. Lea spielt sie, wie sie schreibt: Sanft, aber bestimmt. Ihre Texte werden geziert von weichen, metaphorischen Bildern: Sonnenlicht wird vom Moos abgestreift, auf Gedanken wird physisch gewartet oder sie werden auf Wäscheleinen aufgehängt, Namen klingen wie alte Holzschränke und kräftige Gewürze.

Und immer wieder begegnet man der Musik. «Musik bietet eine andere Erzählebene – ohne Worte», erklärt Lea. Eine ihrer Geschichten aus dem Band heisst Vivaldi hätte den Kopf geschüttelt. In ihr wird nur ein einzelner Ton gespielt. Umso wichtiger ist, weshalb die anderen Töne nicht mehr gespielt werden – und die Musik trotzdem in jeder Zeile lesbar wird.

Ich bemerke, wie paradox das sein muss, wenn man Musik mit Worten beschreibt. Lea erklärt mir, dass sie im Studium übt, sich der nonverbalen Kunstform der Musik in schriftlicher Form anzunähern, die Töne und Klänge gewissermassen in Worte zu übersetzen – wenn dort auch in einer wissenschaftlichen Sprache.

Über Jahre geplant
Lea plant ihre Geschichten von vorne bis hinten. Sie füllt Notizbuch um Notizbuch mit Skizzen, Beschreibungen und einzelnen Szenen. Sie zeigt mir ihre ausgedruckten Fassungen, die über und über mit Bemerkungen beschriftet sind. So entwickelt Lea teilweise jahrelang ihre Projekte. Angefangen hat Wie man das Sonnenlicht einfängt mit Das Erdbeerfeld. «Die erste Geschichte ist gleichzeitig die letzte im Buch.» Die Geschichte hatte sie mithilfe ihres Deutschlehrers als Maturaarbeit verfasst, an ihr liegt ihr besonders viel. In dieser begegnen sich Dana und Aron nach jahrzehntelanger Funkstille in ihren Dreissigern wieder.

Doch es ist eine andere Geschichte, die schlussendlich dazu geführt hat, dass Lea nun ihr eigenes Buch in den Händen halten kann. «Ich habe bei der Luzerner Zeitung an einem Wettbewerb mitgemacht, mit der Kurzgeschichte Holzpinselsommer. Meine Verlegerin hat sie gelesen und mich über die Website meiner Eltern kontaktiert.» Durch Leas ungewöhnlichen Nachnamen konnte Silvia Götschi, Leas Verlegerin vom Verlag Literaturwerkstatt, die Email-Adresse von Leas Eltern ausfindig machen und sie so anschreiben. «Das war 2013, das Buch ist im Dezember 2017 erschienen.»

Die schönen Alltagsdinge
Leas Texte sind geprägt von feinen Beobachtungen, die sie im Alltag sammelt. Je nach Geschichte sind die dann nur Gerüst bei der Erstfassung. Im Nachhinein findet sie Worte für die Eindrücke, die gemeinsam stimmige Bilder malen. «Manchmal waren die Texte am Anfang deshalb noch ganz anders.» Das sei zum Beispiel mit Nostalgia passiert, einer Kurzgeschichte, die sich ebenfalls im Band befindet.

Von diesen kleinen Alltagsdingen wird der Leser dann regelrecht verzaubert: Von den detaillierten Beschreibungen, den feinen Begegnungen, den kurzen, aber wichtigen Momenten in den Leben der Protagonisten.

Besonders gut konnte das Günther Ohnemus in seinem Erzählband Die letzten grossen Ferien. Seine Sprache hat Lea besonders begeistert. «Er kann Alltagsdinge schön beschreiben, ohne dass sie banal wirken.»

Im Sonnenlicht gefunden
Woher Leas Inspiration kommt, kann sie nicht genau sagen. Doch am besten liesse es sich dort schreiben, wo ein Student ziemlich viel Zeit verbringen kann: Im Zug. Und manchmal findet sie die Szenen auch in einem Traum, wie es für die Geschichte Rosalinde und Pi der Fall war.

Und den Titel, wie hat sie den gefunden? Ihre Verlegerin hätte ihn vorgeschlagen, es ist auch der Titel einer Kurzgeschichte im Buch. Darin geht es um Constantin, der in einer Welt lebt, wo Licht und Energie rares Gut sind, und deshalb nicht unbedacht genutzt werden dürfen. «Erst nach der Wahl des Titels merkte ich, dass das Licht überall in den Geschichten vorkommt.»

Lea plant nun langsam ihr nächstes Projekt: Diesmal versucht sie sich an einer Mysterygeschichte, etwas ganz anderes. «Doch das wird wohl wieder ein bis zwei Jahre dauern, bis dieses Projekt fertig ist.»

Andjelka Antonijevic

Andjelka Antonijevic studiert Germanistik und Mathematik und fällt regelmässig in kleine Identitätskrisen, wenn sich ein gedehnter Vokal oder aspiriertes 'k' in ihren Aargauer Dialekt verirrt. Sie verbringt viel Zeit beim Stöbern in Brockis, möchte aber eigentlich gerne mehr Kurzgeschichten schreiben. Nach Lernphasen flüchtet sie mit Rucksack und Zelt aus dem Basler Alltag.

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