«Zimmer zu vermieten, aber keine Italiener» – Im Gespräch mit Concetto Vecchio

Bild: zVg

Es gab eine Zeit, da hingen Schilder mit solchen Aufschriften wie im Titel an Schweizer Hausfassaden. Der Journalist Concetto Vecchio hat ein Buch über diese Zeit geschrieben. Darin erzählt er die Auswanderungsgeschichte seiner Eltern und zeichnet ein Porträt des gesellschaftlichen und politischen Klimas der Schweiz der Sechzigerjahre. «Jagt sie weg!» ist ein Buch über Arbeitsmigration, Fremdenfeindlichkeit, Emanzipation und Populismus. Eine Geschichte voller Widersprüche, wie mir der Autor im Gespräch erklärt.

Gegen Ende des vergangenen Jahres habe ich erfahren, dass mein Grossonkel 1968 in St. Moritz als italienischer «Gastarbeiter» Opfer eines rassistischen Angriffes wurde, den er nicht überlebte. Ich hatte in meiner Familie niemanden je über diesen Vorfall sprechen gehört, als hätte man in stiller Übereinkunft beschlossen, dieses Kapitel ad acta zu legen. Vom Schicksal meines Grossonkels habe ich erstmals im Buch von Concetto Vecchio gelesen.

Rassistische Vorfälle gegen italienische Arbeitsmigranten häuften sich in der Schweiz gegen Ende der Sechzigerjahre. Das «Virus der Fremdenfeindlichkeit» hatte sich in den «Falten der Gesellschaft eingenistet», wie Vecchio es beschreibt. Vorbereitet wurde dieses Klima wesentlich vom Rechtspopulisten James Schwarzenbach und seiner Partei, der Nationalen Aktion, die 1968 eine Überfremdungs-Initiative lancierte. Wäre sie angenommen worden, hätten bis zu 300’000 ausländische Arbeitskräfte – grösstenteils italienische Staatsbürger*innen – das Land verlassen müssen.

«Ruhe, sonst kommt Schwarzenbach!», ist ein Satz, den Concetto Vecchio aus seiner Kindheit kennt. Vecchio kommt 1970 in Aarau zur Welt, in jenem Jahr wird die Überfremdungs-Initiative mit 54% knapp abgelehnt. «Jagt sie weg!» sei aber kein Buch über seine Geschichte, versichert er mir mehrmals im Gespräch, sondern jene seiner Eltern, die selber in den Sechziger Jahren aus Sizilien in die Schweiz einwanderten und sich wie zahlreiche ihrer Generation vor allem eines erhofften: Arbeit und die Möglichkeit auf eine würdevollere Zukunft. Im Buch schreibt Concetto Vecchio:

«Mitte der sechziger Jahre leben über eine halbe Million Italiener in der Schweiz. Wenn sie an den Bahnhöfen mit diesen schwerfälligen Namen wie Winterthur, Schaffhausen, Dietikon aussteigen, stellen sie nur ein Gepäckstück ab: Ihr ganzes Leben ist in dem Koffer verstaut.»

1967 lebten 908’000 ausländische Arbeitnehmende in der Schweiz, 509’000 davon waren Italiener*innen, davon ausgeschlossen 159’000 Saisoniers und 59’000 Grenzpendler*innen. In Italien litt man unter Arbeitslosigkeit, während die Schweizer Wirtschaft auf billige Arbeitskräfte angewiesen war. Das Rotationsprinzip sollte sicherstellen, dass die sogenannten «Gastarbeiter*innen» nach erledigter Arbeit wieder in ihr Heimatland zurückkehrten. Doch es kam anders, oder, wie Max Frisch es einst formulierte: «Wir riefen Arbeitskräfte, und es kamen Menschen.»

Wie er dazu gekommen sei, ein Buch über die Schwarzenbach-Ära zu schreiben, frage ich Concetto Vecchio. Er habe der Verantwortlichen für Sachbücher des Feltrinelli-Verlags von der Figur Schwarzenbachs erzählt, erklärt er mir, worauf diese ihn fragte, ob er nicht Lust hätte, eine kleine Biografie über James Schwarzenbach zu schreiben. Diese hätte zum Zeitpunkt der europäischen Wahlen 2019 erscheinen sollen. «Ich habe zugesagt, war jedoch etwas skeptisch, denn ich hätte nur fünf Monate Zeit zum Schreiben gehabt. Schnell habe ich gemerkt, dass die Biografie James Schwarzenbachs mich und meine Familie betrifft und dass man die grosse Geschichte der italienischen Emigration in die Schweiz nicht versteht, wenn man die kleine nicht erzählt. Die kleine Geschichte war jene meiner Eltern.»

Ich hake nach, wie er das denn bewerkstelligt habe, eine familiäre und politische Spurensuche in nur fünf Monaten zu verfassen? «Wie ich das geschafft habe, weiss ich selber nicht. Es war eine extreme Zeit. (lacht) Ich bin jeden Morgen um 6 Uhr aufgestanden und habe furios geschrieben, telefoniert oder recherchiert. Ich dachte oft, dass ich es nicht vor den Wahlen fertig schaffen würde. Am Ende war ich völlig kaputt… Vabbè, è andata così.»

Auch wenn «Jagt sie weg!» ein Kapitel Schweizer Geschichte nacherzählt, wird man bei der Lektüre immer wieder stutzig. Der Rechtspopulist Schwarzenbach erscheint auch 2021 noch hochaktuell: seine Parolen, seine Art zu denken, sein Schüren von Ängsten.

Ob ihn weltweit grassierende populistische und ausländerfeindliche Bewegungen dazu angestossen hätten, «Jagt sie weg!» zu schreiben, frage ich nach. «Das Buch entsteht im Winter 2018/19. Damals war Salvini in Italien an der Macht. Er war täglich in den Medien und unglaublich radikal. Diese Stimmung hat mich beim Schreiben natürlich geprägt. Ich dachte oft, so wie Salvini über Ausländer spricht, genauso wurden wir damals in der Schweiz auch behandelt.»

Dennoch findet das 21. Jahrhundert keinen Eingang in das Buch Concetto Vecchios. Es werden nie explizit Vergleiche gezogen. Die Parallelen deuten sich zwischen den Zeilen an. «Ich wollte nicht, dass die Aktualität ins Buch dringt, denn ich war der Überzeugung, dass die Geschichte dadurch schwächer würde. Die Geschichte, die ich erzähle, ist voller Wiedersprüche. Diese Komplexität des Lebens spiegelt sich im Buch wider. Ich wollte nicht, dass mein Buch zu einer Art Flagge wird.»

«Cacciateli. Quando i migranti eravamo noi», wie das Buch im italienischen Original heisst, soll nicht nur erzählen, wie es damals in den Sechzigern in der Schweiz war, sondern auch daran erinnern, wie tief und starr die Falten unserer Gesellschaft sind, in denen sich Fremdenfeindlichkeit eingenistet hat. Es sei ihm wichtig gewesen aufzuzeigen, erklärt mir Concetto Vecchio, wie schnell es gehen kann, bis man ohne es zu bemerken, den Rassismus, den man am eigenen Leibe erlebt hat, reproduziert. «Viele Italiener, auch aus der Generation meiner Eltern, wollten die Geschichte ihrer Emigration vergessen, und ich verstehe das. Heute sind sie selber teilweise sehr radikal gegenüber Ausländern in der Schweiz oder in Italien. Oft habe ich sie sagen gehört: ‘Wir waren anders damals und wir wurden anders behandelt.’ Das stimmt meiner Meinung nach nicht immer. Mir war wichtig, dass man nicht vergisst.»

Da sind wir also wieder bei der Vergessenheit, denke ich mir. Beim Schleier des Schweigens über eine Vergangenheit, die man lieber hinter sich liesse. Auch in Concetto Vecchios Familie war die eigene Auswanderung und die Schwierigkeiten, im neuen Land Wurzeln zu fassen, kaum Gesprächsthema. «Wer einmal arm war, erinnert sich nicht gerne an seine Armut. Man hat eine Herkunftsscham», erklärt er mir und führt aus: «Die Italiener in der Schweiz haben kulturell gewonnen, und wer gewinnt, erinnert sich nur ungern an seine Vergangenheit, die von Armut und Aussenseitertum geprägt war. Der grösste Widerspruch der Geschichte der italienischen Emigration in die Schweiz ist, dass sie gut endet.»

Wie er das meine, die Geschichte habe ein gutes Ende, frage ich nach. «Die italienische Gemeinschaft in der Schweiz ist seit 30 Jahren die beliebteste. Viele Emigranten sind mittlerweile super integriert. Alle, die mit mir zur Schule gingen, haben den Schweizer Pass. Das Klima, von dem ich geprägt wurde, damals in den Siebzigerjahren, dass man als ‘Tschingg’ bezeichnet wurde, das gibt es heute nicht mehr. Das ist eine vergangene Schweiz. Von der italienischen Seite her gesehen endet diese Geschichte gut, und das war vor fünfzig Jahren noch nicht absehbar.»

Für seine Recherche hat Concetto Vecchio Bibliotheken besucht, Zeitungsarchive durchforscht, Interviews geführt und sich zahlreiche Videos angeschaut. Eine wichtige Quelle war auch der Film «Siamo italiani» von Alexander Seiler. «Videos waren fast wichtiger als Bücher, denn da spürt man die Atmosphäre raus. Seiler, der 1964 an einem Samstag auf die Strassen geht und die Schweizer fragt, was sie über die Italiener denken… Da musste ich nicht mehr viel lesen, da war für mich alles klar. Da hört man nicht nur, was die Leute sagen, sondern auch wie sie es sagen.»

Seine eigenen Erinnerungen an die Kindheit in der Schweiz seien ebenfalls ins Buch eingeflossen, erklärt er mir: «Ich habe diese Zeit so gut im Kopf, weil ich sie erlebt habe, aber auch, weil ich dann mit 14 weggegangen bin. Wäre ich in der Schweiz geblieben, hätte ich vieles vermutlich vergessen…» Als Jugendlicher zog Concetto Vecchio mit seiner Familie wieder zurück nach Sizilien. Sein Vater habe sich in der Schweiz nie zuhause gefühlt, deshalb die Heimkehr. «Ich selber war sehr glücklich in der Schweiz, ich wäre nie weggegangen. Bei unserer Rückkehr nach Sizilien bin ich als Kind selber in eine andere Emigration gegangen.»

Im Epilog von «Jagt sie weg!» schildert Concetto Vecchio, wie seine Mutter ihn anruft und mahnt, nichts Schlechtes über die Schweiz zu schreiben. Warum ihr soviel daran liege, fragt er nach: «Weil ich jetzt als alte Frau eine gute Erinnerung daran habe. Die Schweiz hat mich emanzipiert. Alles, was ich bin, habe ich in den Jahren dort gelernt.» Sie hätten nicht nur gearbeitet, sondern auch gelebt, versichert sie ihrem Sohn.

Das ist es wohl, was Concetto Vecchio meint, wenn er von der Vielschichtigkeit der Geschichte spricht, und der Notwendigkeit, deren Widersprüche auszuhalten. «Das ist das Wichtige bei einem Buch, dass man zum Nachdenken kommt und die Welt nicht Schwarz-Weiss sieht. Denn sie ist es nicht, unsere Leben sind voller Widersprüche», oder, wie er es in seinem Buch so treffend formuliert:

«Es ist Nacht. Auf dem Tablet sehe ich mir erneut Seilers Film ‘Siamo italiani’ an. Letztlich habe ich, ohne mir dessen bewusst zu sein, ein Buch über meinen Vater und meine Mutter geschrieben. Ich habe einen Teil ihres gemeinsamen Lebens zusammengefasst, das jenem Millionen anderer Unsichtbarer ähnlich ist, und nun mahnt meine Mutter mich, sorgsam auf meine Wortwahl zu achten, da die Wörter es fast nie vermögen, die wechselhaften Nuancen des Daseins korrekt wiederzugeben.»

Lisa Gianotti

Beim Betrachten einer zerbrechlich verkrampften Hand von Egon Schiele hat sich Lisa Gianotti dazu entschieden, Kunstgeschichte zu studieren. Von der schwerwiegenden Nebeldecke über dem Aargau ist sie der Sonne nach Basel gefolgt. In Museen findet sie die Ruhe, die in ihrem Kopf nicht immer herrscht. Wenn sich keine Leinwand vor ihren Augen befindet, dann tönen Klänge im Ohr. Sie würde gerne seltener Seminararbeiten und öfter Gedichte schreiben und ist in allem, was sie tut, nur halb so schnell wie ihre Mitmenschen.

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