Tasteninstrumente und Isolation

Im vergangenen Monat haben wir, Chris und Lisa, unsere Muse dem Klavierspiel gewidmet. Danach sind wir virtuell zusammengekommen und haben uns über unsere Erfahrungen ausgetauscht. Was neben verhornten Fingerkuppen dabei rauskam, liest du im folgenden Gespräch.

Die vergangenen Quarantäne-Monate sind zu einer Nachholjagd mutiert. Zumindest für all jene, die nicht mit schreienden Kindern im Homeoffice sitzen. Gesamtgesellschaftlich scheint das Gefühl aufgekommen zu sein, jetzt all jene Dinge nachzuholen, an denen man bisher, im Luxuswagen des Alltags sitzend, getrost vorbeigefahren ist.

Bücherstapel auf dem Nachtisch werden abgearbeitet, Serien gebinget, Rezepte verfeinert, Sprachen und neue Instrumente erlernt. Denn wenn uns diese Coronazeit etwas gelehrt hat, dann am ehesten, dass uns trotz Stillstand das Stillsitzen verdammt schwer fällt.

Auch Chris und ich sind gewissermassen Opfer jenes selbst auferlegten Produktivitätswahns geworden, irgendwie. Oder, was meinst du, Chris?

Interessanter Gedanke –  die Opfer des Produktivitätswahns. Sieht man mal davon ab, dass «Opfer» seit der Jahrtausendwende auch als Schimpfwort gebraucht wird, so gefällt mir diese Analogie ziemlich gut. Das Opfer als höchste Form kultureller Hingabe gegenüber einer übernatürlichen Macht, einer eigentlich unkontrollierbaren Kraft, welche in Angesicht dieser absoluten Hingabe vielleicht doch für einen kurzen Moment kontrollierbar wird und den aufopferungsvollen Anhänger so grosszügig zu entlohnen vermag, dass dieser das Opfer letztlich nicht als Aufopferung, sondern gar als Gewinn wahrnimmt.

Wo die Babylonier also ihren Göttern die Schätze ihrer Beutezüge darboten, um den Segen für das Jahr zu empfangen, da hatte ich geplant, meine Geduld, meine Arbeitskraft, mein Geld und meinen Schweiss zu opfern, um den Segen der Klaviatur glorreich in Empfang zu nehmen.

Chris, versuchst du mir gerade zu verklickern, dass du durch deine hingebungsvolle Opfergabe, deine auf der Klaviatur getätigten elysischen Klänge, die unsichtbare Hand des allmächtigen Virus für einen kurzen Moment im Zaun halten konntest?

Ich stelle mir gerade folgendes Szenario vor: Du, der andächtig vor seinem E-Piano sitzt und entgegen der draussen wütenden Pandemie, klavierspielend in mystische Sphären und ekstatische Zustände eintrittst. Hm, vielleicht muss ich doch zugeben, dass ich diesem Szenario etwas abgewinnen kann.

Mich haben rauschhafte Zustände übermannt, wenn es mir gelang, die Finger meiner linken und rechten Hand gleichzeitig zu bewegen, sodass wenn auch keine wohlklingende, so doch eine tolerierbare Melodie entstand.

Retrospektiv kann ich sagen, dass es mir auf der Suche nach eben jenem orakelhaften Rausch durchaus gelang der COVID-Hydra den ein oder anderen Kopf abzuschlagen, nur eben nicht mit Schwert und Schild, sondern mit Jogginghose und C-Dur. Draussen die Apokalypse, drinnen eine vereinfachte Pianoversion von “Don’t Worry be Happy” – da verliert die Hydra schonmal ihren ersten Kopf. Leider wachsen in diesem Zeitraum mit Todeszahlen-News und dem Anruf eines arbeitslos gewordenen Freundes auch direkt zwei Köpfe nach.

Wenn dein Klavierspiel das heldenhafte Antreten gegen die COVID-Hydra war, dann würde ich mein Geklimper eher als Rückzug auf den Musenhügel zu Apoll und co. bezeichnen. Nach stundenlangen Zoom-Sitzungen habe ich mich jeweils sehnsüchtig an mein vor dem Fenster platziertes E-Piano gesetzt und mich darüber erfreut, Tasten anzuschlagen ohne damit Wörter auf einem Bildschirm aufblinken zu sehen. Wo hast du dein Piano eigentlich untergebracht?

Wenn ich gerade nicht spielte, dann thronte meine Götze, das Piano, welches aus Gründen der Platzoptimierung mit zwei Stahlwinkeln knapp unter der Decke an der Wand montiert worden war, erhaben auf dem höchsten Platz im Zimmer. Währenddessen befeuerte ich religionstypisch indirekt eine dritte Partei mit meinen Opfergaben. Wo sich in Babylon die Priesterschaft an den geopferten Schätzen des Volkes bereicherte, da würde sich meine finanzielle, mentale und physische Aufopferungsgabe in den Händen des App-Entwicklers von JoyTunes wiederfinden.

Dieser verspricht zwar keine üppige Ernte oder den Sieg in der Schlacht, garantiert aber einen «schnellen und unterhaltsamen Weg, Klavier spielen zu lernen» – ob das Piano zum goldenen Kalb mutieren und die grosskotzige Erhöhung über den Dingen letztlich mit dem Verlust der (Musik-)Sprache einhergehen sollte, das würde sich erst noch zeigen. Die Prognose irgendwo zwischen Turmbau zu Babel und Jamie Cullum.

Deine JoyTunes zu Füssen gelegte Opfergaben waren ja auch nicht gerade gering. Die App, die sich verführerisch «Simply Piano» nennt, kostet eine ganze Menge, da muss es schon ordentlich Manna regnen, dass man sich das leisten kann. Ich jedenfalls habe mich noch nicht mal an die 7-tägige Testversion getraut, aus Angst, ich könnte den Zeitpunkt des Opferrituals verpassen, was die Priesterschaft dermassen verärgern würde, dass sie sich die von mir verursachten Schäden höchstpersönlich eintreiben würden.

So habe ich, applos wie ich war, die ersten zwei Wochen unserer Challenge in die Gefilde Youtubes begeben und intensiv Fingergymnastik betrieben. Das mag auch daran gelegen haben, dass ich absolut keine musikalischen Vorkenntnisse habe. Meine musikalische Karriere ist nichts, was ich in meinem Lebenslauf erwähnen würde, im Gegenteil.

Im Primarschulalter habe ich ein paar Jahre Blockflöte gespielt. Die Unterrichtsstunden waren eine Qual. Einmal habe ich sogar einen gebrochenen Arm vorgetäuscht, um dem Flötenspiel fernzubleiben. Mein Plan ging leider nicht auf, denn meine Lehrerin meinte, es liesse sich auch mit gebrochener Ulna problemlos in ein Stück Holz pusten. Meine ruhmreichsten Konzerte spielte ich vor dem Samichlaus, mein Repertoire endete bei Hänschen klein.

Die Blockflöte ist ja irgendwie das Instrument, das vor einem anderen, cooleren Instrument kommt. Das Amuse Bouche sozusagen vor dem deftig fetten Hauptgang. Bei mir gab es leider kein Danach. Wie war das bei dir, Chris?

Ich wage zu behaupten, dass es bei mir nicht mal ein richtiges Davor gegeben haben dürfte. Ein halbes Jahr lang, zu Beginn der Gymnasialschulzeit, durften wir uns in einem sporadisch stattfindenden Musikunterricht mit der Mundharmonika auseinandersetzen. Ein ebenso fruchtloser wie traumatisierender Versuch, den Kindern die Welt der melodischen Klänge nahezubringen. Spätestens zu dem Zeitpunkt, als ich das erste Mal meine eigens zugelegte Mundharmonika vergessen hatte und genötigt wurde, ein Leihmodell aus dem Schulfundus mit wirklich bezeichnenden Speichelspuren meiner unglückseligen Vorgänger zu verwenden, war für mich die Zeit des Musizierens jäh unterbrochen worden.

Vielleicht war das auch der Grund, weshalb ich Jahre später die Petition zur Entfernung aller Mundharmonika-Stellen aus Bob Dylan-Songs mit solcher Inbrunst verfolgte. Was mich letztlich angetrieben hat, den Schritt zum Instrument jetzt noch einmal zu wagen, das kann ich gar nicht so genau sagen. Musik begleitet mich, zumindest als Konsument, schon mein ganzes Leben. Ich kann mich an meine erste CD erinnern als hätte ich sie heute erst gekauft, kann die Refrains aus meiner Jugendzeit unverändert auswendig mitgrölen und erlebe die Gefühle, welche ich damals schon mit diesen Liedern verbunden habe, bei jedem Hören wieder. Musik hat etwas Magisches und so haben mich die Geister, die ich damals mit dem Kauf meiner ersten CD rief, wohl nie mehr losgelassen. Dich etwa?

Da geht es mir ähnlich. Nur habe ich momentan das entmutigende Gefühl, dass die Klänge, die dem Türspalt meines Zimmers entweichen, weit davon entfernt sind, Gefühle zu konservieren. Mein Geklimper evoziert wohl keine Geister, es vertreibt sie viel eher.

Lisa Gianotti

Beim Betrachten einer zerbrechlich verkrampften Hand von Egon Schiele hat sich Lisa Gianotti dazu entschieden, Kunstgeschichte zu studieren. Von der schwerwiegenden Nebeldecke über dem Aargau ist sie der Sonne nach Basel gefolgt. In Museen findet sie die Ruhe, die in ihrem Kopf nicht immer herrscht. Wenn sich keine Leinwand vor ihren Augen befindet, dann tönen Klänge im Ohr. Sie würde gerne seltener Seminararbeiten und öfter Gedichte schreiben und ist in allem, was sie tut, nur halb so schnell wie ihre Mitmenschen.

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