Hoffnung in Zeiten der Pandemic Fatigue

Kennt ihr das, wenn ihr eine Zwiebel schält, die trockenen Häute Schicht um Schicht vom saftigen Kern pellt, und dann merkt, dass die Zwiebel im Inneren bereits verfault ist? So fühle ich mich momentan. Von aussen alles normal, von innen leicht vergammelt.

Nun ist er also hier, der kleine Bruder des Lockdowns im Frühling. Man nennt ihn Slowdown. Lockdown wäre auch irgendwie übertrieben, wir können ja alle noch problemlos unser Haus verlassen, nur das Käfele ist vorerst auf Eis gelegt. Es war vermutlich ein von Corona-Müdigkeit beeinflusster Wunsch, der uns hoffen liess, die Schweiz würde schon noch irgendwie die Kurve kriegen. Leise malten mir uns aus, dass die Fallzahlen über Nacht rückläufig würden, doch das Gegenteil traf ein.

Am Uni-Alltag ändert der vergangene Woche verkündete Teil-Lockdown nichts, wir starren schliesslich seit Monaten in Bildschirme. Als Ende Oktober die Lehre wieder komplett auf online umgestellt wurde, musste ich mich schwermütig von meinen letzten zwei Präsenz-Seminaren verabschieden: ein nötiges aber bitteres Farewell.

Seither höre ich wieder spätnachts Vorlesungen im Bett und wache morgens mit Nackenschmerzen und einem seltsam dumpfen Gefühl im Kopf auf. Die wenigen Termine in meiner Agenda vergesse ich und mich lässt das Gefühl nicht los, die Zeit entgleite mir. «Die Tage werden länger mit jedem Tag, der vergeht. Mein Zimmer wird enger und ich weiss nich‘, wie‘s weitergeht», singen AnnenMayKantereit auf ihrem soeben erschienenen neuen Album. Etwa so fühle ich mich momentan, nur dass ich weiss, wie’s weitergehen wird: genauso wie die vergangenen Monate, so und nicht anders.

Fatigue
Der von der WHO eingeführte Begriff Pandemic Fatigue bezeichnet diesen Zustand der Müdigkeit und Erschöpfung, der ein Grossteil der Bevölkerung momentan verspürt und der dazu führt, dass die Massnahmen zur Einschränkung der Pandemie weniger strikt befolgt werden. Während dem ersten Lockdown im Frühling klatschten wir auf unseren Balkons, gingen für Risikogruppen einkaufen und praktizierten Self-Care in den eigenen vier Wänden.

Mittlerweile fällt uns die Decke auf den Kopf und wir bleiben dabei unbewegt und apathisch in den Trümmern stehen. Der erste Lockdown schien wie ein aufregendes Experiment, an dem momentan niemand mehr teilnehmen will. «Wie flauschig wirkt rückblickend der erste Lockdown: Man legte sich auf eine Matratze aus Bananenbrot und wartete auf den Sommer», schreibt die deutsche Autorin Ilona Hartmann im aktuellen Zeit-Magazin. Nun ist Herbst, die Matratze durchgelegen, das Bananenbrot von einem schimmligen Pelzmantel überzogen und die Aussicht auf die bevorstehenden Monate alles andere als rosig.

Nostalgie in der Pandemie
Auch ich hatte mit meiner naiven Hirnhälfte gehofft, dass die Pandemie sich im Herbst irgendwie verziehen würde und wir in der kalten Jahreszeit endlich wieder etwas näher zueinander rücken könnten. Ich hatte mir ausgemalt, dass ich schon sehr bald nicht mehr nur das Haus verlassen würde, um das Haus verlassen zu haben, sondern dass ich das Haus verlassen würde, weil ich echte Pläne, echte Verabredungen mit echten Menschen hätte, die einen Körper haben und Hände, die sich zur Begrüssung berühren. Abends habe ich mir vorgestellt, wie ich wieder Live-Konzerte besuchen und in überfüllten Lokalen mir den Weg durch die Menschenmenge zur Bar bahnen würde – die Körper Fremder streifend. Ich hatte mir vorgestellt, wie ich in der Öffentlichkeit zwanglos niesen könnte, ohne dabei ein Superspreader-Event zu veranstalten.

Auch die Uni habe ich mir in altem Kleide zurückerträumt. Wie sich die Treppe am Eingang des Kollegiengebäudes wieder mit rauchenden Studierenden füllen würde, Gesprächsfetzen über die soeben gehörten Vorlesungen in der Luft. Wie man im Seminar hitzig diskutieren würde und sich wieder melden könnte, ohne dabei drei Personen gleichzeitig ins Wort zu fallen. Oder wie man über den Petersplatz schlendernd Gesichtern über den Weg liefe, denen man seit Monaten nicht mehr begegnet ist.

Vom Lärm habe ich geträumt, wenn nach den Vorlesungen in den alten Hörsälen die Sitze nacheinander unvorsichtig hochklappen und auf den Sitzlehnen aufprallen. Klammheimlich habe ich mir die bittere schwarze Brühe aus dem Kaffeeautomaten der Cafeteria zurückgewünscht und den Geruch während der Herbstmesse nach ranzigem Frittieröl und gebrannten Mandeln.

Give me creativity!
Dass das alles so schnell nicht wiederkommen würde, war mir natürlich klar, so naiv bin ich dann doch nicht. Ich möchte mich auch keinesfalls beschweren. Während einer global wütenden Pandemie weiterstudieren zu können ist ein Privileg, in dessen Genuss nicht alle kommen. Dieser Text soll demnach nicht nur dem nachsinnen, was nun nicht mehr möglich ist, sondern auch das aufzeigen, was neu ist, was wir so vorher nicht kannten.

In der Erklärung zur zunehmenden Pandemiemüdigkeit nennt der WHO-Regionaldirektor für Europa Dr. Kluge drei Handlungsappelle zur Bekämpfung der Pandemic Fatigue. «Wir müssen unseren Bedürfnissen auf neue, sichere Weise gerecht werden», steht als dritter Handlungsappell. Kreative Wege finden also, wie wir den Unialltag so gestalten können, dass trotz Distancing und Zoom-Seminaren Begegnung stattfinden kann.

Apéro im Netz
Das Sekretariat des Kunsthistorischen Seminars ist dieses Semester mit einem solchen kreativen Weg aufgekommen. Normalerweise veranstaltet das Fach Kunstgeschichte im Semester drei Forumsvorträge, bei denen Studierende und Dozierende für Vortrag und anschliessenden Apéro zusammenkommen, um sich über gesalzenen Erdnüssen und Prosecco auszutauschen.

Das Danach ist dabei genauso wichtig wie das Währenddessen. Die Vorträge in den virtuellen Raum zu verlegen, war keine Herausforderung, doch wie man einen Apéro auf Distanz durchführen könnte, darüber zerbrach man sich am Seminar die Köpfe. Und dann kam die glorreiche Idee. Anstatt auf einem weiss gedeckten Buffet appetitlich präsentiert, wurden die Getränke und Snacks in Papiertüten verpackt, welche sich die Studierenden vor jedem der drei Forumsvorträge im Sekretariat abholen dürfen.

Das Prozedere läuft so: nach den auf Zoom abgehaltenen Vorträgen werden alle Teilnehmenden in Breakout-Rooms von drei bis vier Personen eingeteilt, um anzustossen, gemeinsam zu diskutieren und sich die mittlerweile knurrenden Mägen vollzuschlagen. Normalerweise, wir kennen das alle, bilden sich nach seminarinternen Vorträgen die immer gleichen Grüppchen, die sich gegenseitig das bestätigen, was sie eh schon voneinander dachten. Im virtuellen Raum hingegen wird das soziale Gefüge komplett durchmischt, denn mit wem man sein Päuschen verbringt, bleibt komplett dem Zufall überlassen. Möglich ist es, dass man ausschliesslich mit Professor*innen im Breakout-Room landet, oder aber mit der Mitstudentin, die man dreimal die Woche sieht, ohne jemals ein Wort ausgetauscht zu haben.

Das Fazit: Mehr Personen haben am ersten Forumsvortrag teilgenommen, als im Seminarraum überhaupt Platz gehabt hätten und die zufällige Einteilung der Gruppen führt dazu, dass einem ein seit langer Zeit nicht mehr verspürtes Gefühl erfasst: Aufregung und Nervenkitzel. Man muss sich einlassen auf das Experiment, doch wenn man dazu in der Lage ist, können auch im virtuellen Raum unerwartete Gespräche entstehen, zwischen Menschen, die sich physisch vielleicht nie begegnen würden.

Lisa Gianotti

Beim Betrachten einer zerbrechlich verkrampften Hand von Egon Schiele hat sich Lisa Gianotti dazu entschieden, Kunstgeschichte zu studieren. Von der schwerwiegenden Nebeldecke über dem Aargau ist sie der Sonne nach Basel gefolgt. In Museen findet sie die Ruhe, die in ihrem Kopf nicht immer herrscht. Wenn sich keine Leinwand vor ihren Augen befindet, dann tönen Klänge im Ohr. Sie würde gerne seltener Seminararbeiten und öfter Gedichte schreiben und ist in allem, was sie tut, nur halb so schnell wie ihre Mitmenschen.

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