Streamen in Quarantäne: Welcher Anbieter überzeugt?

Die Welt befindet sich in Quarantäne. Das Leben spielt sich im Wohnzimmer ab.  Was auf der einen Seite eine Lösung darstellt, #flatteningthecurve, stellt uns im Alltag vor Herausforderungen: Was tun mit der ganzen Zeit? Eine gesellschaftliche Reaktion, welche sich in den notfallmässigen Drosselungsmassnahmen grosser Streaming-Portale widerspiegelt, scheint der verstärkte Zulauf auf das vielfältige Serien- und Filmangebot im World-Wide-Web zu sein. Doch welcher Streaming-Dienst kann auch überzeugen?

Gerade erst hat sich der Milliardenkonzern Disney für die Schlacht auf dem Streamingmarkt gewappnet, als wäre der Konkurrenzkampf zwischen Netflix und Amazon nicht schon spektakulär genug. Wohin also, in diesem Haifischbecken aus Serienklassikern und Hollywoodblockbustern, wohin mit dem Monatsbeitrag für die gemütliche Zeit auf der Couch? In der vergangenen Woche habe ich die Fühler ausgestreckt, nach bekannten und weniger bekannten Anbietern, um herauszufinden, welches Streamingangebot wirklich etwas kann. Wer hätte gedacht, dass die Schweiz gleich mit vier Anbietern in dieser Liste vertreten sein würde?


Artfilm.ch

Probezeitraum: bis 30. April

Eine besondere Überraschung erwartete mich gleich zu Beginn meiner Recherche auf der Artfilm-Website. Hier wurde in grossen Lettern auf der Startseite darauf aufmerksam gemacht, dass auf Grund des quarantänebedingten kulturellen Stillstandes beschlossen wurde, den gesamten Filmkatalog der Website frei zugänglich zu machen.

Das heisst im Klartext:  67 Spielfilme, 223 Dokumentationen und 156 Kurzfilme, allesamt aus der Feder von schweizerischen Kreativen und ohne Anmeldung streambar. Diese kostenlose Zugangsmöglichkeit besteht vorerst bis zum 30. April und ermöglicht es, die einzelnen Werke per Mausklick direkt im Browser abzuspielen. Die Performance im Browser ist einwandfrei. Die regulären Kosten der Nutzung belaufen sich auf 5 Franken am Tag, 12 Franken im Monat oder 80 Franken im Jahr, je nach ausgewähltem Artfilm-Pass.


MUBI

Probezeitraum: 7 Tage

Mubi bietet für 12 Franken pro Monat oder 96 Franken pro Jahr Zugriff auf 30 ausgewählte Filme, welche jeden Tag neu ergänzt werden. Jeder neu hinzugefügte Film bleibt zunächst für 30 Tage in der Mediathek und wird nach Ablauf dieses Zeitraumes wieder rausgenommen. Jeden Tag ersetzt so ein neuer Film den Film, der bereits die letzten 30 Tage zur Verfügung stand. Die Auswahl ist bunt und reichte in meinem Probezeitraum-Beispiel von Aleksandr Dovzhenkos Stummfilm-Klassiker Arsenal (1929) über die britisch-französische Action-Komödie Hot Fuzz (2007) bis hin zu Natsuka Kusanoss Pyschokrimi-Drama Domains (2019).

Die Filme laufen direkt im Browser und können im O-Ton, mit und ohne Untertitel, als auch in den verfügbaren Übersetzungen genossen werden. Die Performance im Browser erlebte ich grundsätzlich gut, vereinzelt hatte ich Bildhänger zu verzeichnen, die den Filmgenuss aber nicht merklich beeinträchtigten. Für die Accounterstellung muss entweder eine Visakarte, Debitkarte oder ein Paypal-Konto hinterlegt werden. Die Kündigung verläuft schnell und unkompliziert über die Abo-Einstellungen im Accountmenü. Nach erfolgter Kündigung kann man sich zudem weiterhin auf der MUBI-Website umschauen und sich in Rezensionen, Top-Listen und Filmfachsimpelei verlieren. Im Kündigungsprozess hat mich übrigens noch dieses Angebot erreicht:

«Dein neues Sonderangebotsabo kostet im kompletten ersten Jahr nur CHF 7.20 pro Monat. Das ist ein einmaliges Angebot, weil wir wirklich nicht wollen, dass du gehst.»

Wer bei Interesse sparen möchte, kann also auf diesem Weg versuchen ein Sonderangebot zu erhaschen (Probezeitraum starten –> Kündigung einleiten –> günstigere Konditionen). Und wem 30 Filme noch nicht genug sind, der kann gegen zusätzliche Gebühren auf der MUBI-Seite weitere Filme leihen.


Netflix

Probezeitraum: 30 Tage

Netflix ist nach wie vor der Streaming-Gigant schlechthin. Knapp 371 Eigenproduktionen (Serien und Filme) hat Netflix 2019 in die Mediathek geballert. Aber auch neben den Eigenproduktionen steht Neflix gut im Saft und bietet je nach Region schätzungsweise bis zu 6000 Titel an. Neukunden werden hierbei mit einem Probemonat gelockt und bekommen diesbezüglich folgendes versprochen:

  • Vor dem Ablauf Ihres Gratismonats fallen keine Kosten an.
  • Wir informieren Sie 3 Tage vor Ablauf des Probezeitraums.
  • Keine Verpflichtung, jederzeit kündbar.

Klingt simpel? Ist es auch. Ich konnte das Probeabo problemlos abschliessen und auch sofort wieder in den Kontoeinstellungen kündigen. Selbst nach der erfolgten Kündigung bleibt die Netflix-Nutzung in vollem Umfang erhalten, bis der Zeitraum des aktuellen Abonnements ganz ausgelaufen ist. Einziges Manko: Man muss auch für den Gratismonat eine Zahlungsmodalität angeben (Netflix-Guthabenkarte, Paypal, Kredit- oder Debitkarte, Handyrechnung). Netflix läuft im Stream stabil, ermöglicht es Serien und Filme auf die eigenen Geräte vorzuladen, um auch ohne Internetzugang Zugriff darauf zu haben und stockt das Streamingangebot täglich auf (wobei auch immer wieder Titel aus der Mediathek entfernt werden). Im günstigsten Tarif werden für die Flatrate 11,90 CHF fällig.


Filmingo

Probezeitraum: kein Probezugang

Filmingo ist eine Schweizer Streamingplattform und auf Arthouse-Filme spezialisiert. Für 9 Franken dürfen Filmfans hier zwei Filme pro Monat geniessen. Das erscheint, gerade auch im Schatten der Mainstream-Riesen, eine verschwindend geringe Zahl zu sein. Dafür werden auf Filmingo topaktuelle Filme präsentiert, die im Mainstream zwar keinen Platz gefunden haben, aber in ihrer Wirkung diesem in keinster Weise nachstehen.

Auch einige Premieren werden, auf Grund geschlossener Kinosäle, auf Filmingo präsentiert werden. Wem das alles noch nicht ausreicht, der kann sein Abo ausserdem für 15 Franken im Monat auf 5 Filme aufgestocken oder aber man bezahlt das 240 Franken schwere Filmlover-Abo und kann ein ganzes Jahr unlimitiert durch das Filmangebot stöbern. Die Performance des Videoplayers ist einwandfrei und die Kündigung verläuft unproblematisch, mit angenehm transparenter Erinnerungsmail, über das Filmango-Konto. Mögliche Zahlungsmodalitäten sind: Mastercard, Visa, Postcard, TWINT und Rechnung.


Cinefile/Stream99

Probezeitraum: 14 Tage

Das Stream99-Abo von Cinefile stellt den Abonnenten jede Woche 2 Filme und einen Kurzfilm zur Auswahl, insgesamt kommen so in einem Jahr 99 Filme zusammen. Diese 99 Filme setzen sich vor allem aus Filmklassikern und Arthouse-Filmen zusammen und können schnell und einfach über den Browser oder in der App gestreamt werden. Die Performance ist sehr gut und die Filmauswahl ist zum Grossteil sehr aktuell (die meisten Filme erschienen in den letzten fünf bis sechs Jahren), aber auch alte Klassiker, wie zum Beispiel The Immigrant (1917) von Charlie Chaplin finden ihren Platz in der Liste.

Gekündigt werden kann schnell und unkompliziert im Accountmenu auf der Cinefile-Website und die Inhalte dürfen auch nach erfolgter Kündigung bis zum Auslaufen des zVertrags genutzt werden. Für den Zugang werden monatlich 9 Franken von der Kredit- oder Debitkarte abgebucht.


Disney+

Probezeitraum: 7 Tage

Seit dem 24.03. macht Disney+ in der Schweiz Jagd auf die Konkurrenz von Netflix und Co. Dabei macht der Disney-Konzern mit geschätzten 7000 Folgen aus Fernsehserien und 500 Filmen auf sich aufmerksam. Für 9,90 Franken bekommt man vollen Zugriff auf die Flatrate aus dem Hause Disney und kann aus zahlreichen Klassikern sowie aktuellen Blockbustern der Filmschmieden Disney, Pixar, Marvel, Lucasfilm, National Geographic und 20th Century Studios auswählen. Bezahlt wird über Kreditkarte, Lastschrift oder Paypal und die Kündigung erfolgt über das Accountprofil im Reiter Abrechnungsdaten.


MyFilm.ch

Probezeitraum: kein Probezugang

Im Gegensatz zu den anderen Anbietern in dieser Liste bietet MyFilm.ch kein Abonnement für seine Nutzer an, sondern funktioniert ausschliesslich über Video-on-Demand-Streams. Nutzer melden sich per E-Mail an und bezahlen per Kreditkarte, wobei sich die einzelnen Filme in einer Preisspanne von 8,50 Franken bis 18,00 Franken Leihgebühr bewegen und eine feinsäuberlich selektierte Auswahl an wertvollen Filmentdeckungen darstellen.

Hinter MyFilm.ch steht nämlich der Kulturbetrieb kult.kino aus Basel, welcher sich mit dem Onlineangebot nicht nur ein zweites Standbein unterhält, sondern auch seine kuratorischen Leistungen aus dem Kinosaalbetrieb auf diesem Weg noch breiter zugänglich macht. Gerade in der momentanen wirtschaftlich kritischen Situation eine gute und wichtige Gelegenheit, die lokalen Kinobetreiber zu unterstützen.


Zusammenfassend lässt sich sagen, dass sich die Möglichkeit zur probeweisen Nutzung als unkompliziert und effektiv herausgestellt hat. Beinahe jeder Abo-Anbieter bietet auch einen Probezeitraum an, welcher eine gute Grundlage für einen fundierten Eindruck bietet. So hat man die Gelegenheit das jeweilige Paket uneingeschränkt auf Herz und Nieren zu prüfen, bevor man sich monatlich verpflichtet.

Besonders komfortabel ist auch die Tatsache, dass die Kündigung in der Regel mit einem kurzen Besuch im eigenen Profil und innerhalb weniger Klicks vollzogen werden kann. Lediglich die aufgezwungenen und teilweise unflexiblen Zahlungsdetails empfand ich als störend. Ich hatte vor diesem Artikel keine Kreditkarte und auch keinen Bedarf einer solchen, aber ohne wären manche Anmeldungen gar nicht möglich gewesen. (Tipp der Redaktion: Revolut bietet kostenlose virtuelle Kreditkarten an).

Wenn du auf den Geschmack gekommen bist, dann fühl dich frei, es mir gleich zu tun und springe unverbindlich in die bunte Welt der Streaming-Portale. Am Ende ist es Geschmackssache, für welchen Anbieter du dich auch entscheidest. Ich habe mich während der Recherche jedenfalls in Artfilm.ch verguckt und ein altes Faible für Arthouse-Filme wiederentdeckt, ein Freund aus Deutschland hat mir in einem Skype-Telefonat berichtet, dass er gerade einen nostalgischen Disney+-Traum aus «Gummibärenbande» und «Chip Chap»  auslebt und Lisa aus unserer Redaktion bleibt weiterhin auf sicher Distanz und verpflichtet sich voll und ganz den Podcasts. Alles hat seine Berechtigung. In diesem Sinne: Viel Spass beim Stöbern, bleibt entspannt und gesund!

Christoph Zäh

Während seiner Ausbildung zum Heilerziehungspfleger wurde Christoph Zäh klar, dass er seine Zukunft der Arbeit mit Menschen widmen möchte. Das Psychologiestudium soll nun die absolute Erleuchtung bringen. Wenn er sich nicht gerade durch die Statistiken der Welt wühlt oder in Embryonalstellung vor sich hin wimmert, weil Druckertinte jetzt teurer ist als menschliches Blut, dann boxt er sich den Kopf im Boxkeller frei oder sucht sich auf dem Rennrad, mit dem Snowboard oder im Kajak neue Herausforderungen.

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