Kaufen war gestern. Ein Besuch im Leihlager

Bild: K. Bertossi

Eine Bibliothek nicht nur für Bücher, sondern auch für Dinge: Ob Werkzeug, Küchengeräte, Fahrradzubehör oder Brettspiele, im Leihlager an der Feldbergstrasse kann vieles ausgeliehen werden, das selten gebraucht und deshalb besser geteilt wird.

Es gibt zwei wiederkehrende und höchst unbefriedigende Gefühle, die mich seit dem Auszug aus meinem Elternhaus und damit durch mein gesamtes Studium begleitet haben.

Erstens, das vor allem bei anstehenden Umzügen aufkommende Gefühl, viel zu viele Dinge zu besitzen, von denen ich maximal zehn Prozent aktiv nutze. Der Rest schlummert leise vor sich hin und wartet darauf, jedes Schaltjahr wieder einmal das Licht der Welt zu erblicken. Verstärkt wird dieses bedrückende Gefühl durch den akuten Platzmangel, den vermutlich alle verspüren, die keine Einfamilienhäuser mit Doppelgaragen besitzen.

Zweite verspüre ich ein Minderwertigkeitsgefühl, das immer dann in mir hochkommt, wenn ich Dinge tun möchte, die Erwachsene nun mal tun, nur um dann zu bemerken, dass ich dafür mittelmässig bis schlecht ausgerüstet bin. Ein Beispiel: Mich juckt es immer wieder, für ein Wochenende Zelten zu gehen, Outdoor-Spass und so, und dann stelle ich fest, dass ich weder Schlafsack noch Isomatte besitze, geschweige denn ‘gutes Schuhwerk’ und ‘wetterfeste Kleidung’. Da vergeht mir die Lust sofort.

In den sieben Jahren, in denen ich bisher in WGs gelebt habe, hat mich oft das Gefühl beschlichen, dass bei jeder Party die Eismaschine fehlte, für ein üppiges Festessen ausreichend Geschirr und beim Umzug Bohrmaschine und Leiter. Immer wieder hat dieses materielle Loch bei mir den Reflex ausgelöst, unnütze Dinge zu erwerben und sich von diesen neuen Errungenschaften die Lösung aller Probleme zu erhoffen. Geklappt hat’s selten.

Hinzu kommt das schlechte Gewissen, das einem nach dem Kauf eines überflüssigen Objekts überkommt. Wir wollen schliesslich alle bewusster konsumieren, weniger Abfall produzieren, um im Idealfall irgendwie doch noch den Planeten zu retten. Aber wir möchten natürlich alle auch Wildes erleben, und um das zu tun, braucht es nun mal meistens: Dinge.

Lange Zeit dachte ich, dass es für diesen inneren Konflikt keine Lösung gäbe, oder jedenfalls keine komfortable, bis ich vor etwa zwei Wochen erstmals das Leihlager betreten habe. Das Leihlager ist eine Bibliothek der Dinge, ein Pilotprojekt, das im Februar 2020 nach erfolgreicher Crowdfunding-Kampagne seine Tore an der Feldbergstrasse geöffnet hat. Seither werden dort Alltagsgegenstände verliehen, die selten gebraucht und deshalb lieber geliehen als gekauft werden.

Noël vom Leihlager | Bild: K. Bertossi

An einem schwülen Tag Anfang Juni empfängt mich Noël in seiner gelb-roten Uniform im Leihlager. Noël ist Grafiker, Mitbegründer des Leihlagers und Teil des fünfköpfigen Kernteams, das stetig versucht, das Projekt voranzutreiben und weiterzuentwickeln. Unterstützt wird das Kernteam von etwa 15 Freiwilligen, die regelmässig das Lokal hüten, Kundschaft beraten und Leihmodelle aushändigen. (Übrigens, helfende Hände und Köpfe werden momentan gesucht! Hier mehr Infos dazu.)

Bei meinem Besuch im Leihlager führt mich Noël durch die Räumlichkeiten, an Regalen und katalogisierten Objekten vorbei und erklärt mir, wie das Leihlager funktioniert. Abonennt*innen können für 75 Franken pro Jahr wöchentlich drei Gegenstände aufs Mal ausleihen. Wer sich noch nicht für ein Jahr verpflichten möchte, kann auch einmalig Objekte gegen eine Einzelausleihpauschale beziehen. Ziel des Abo-Systems sei es, das Konsumverhalten der Kundschaft zu verändern. Wer das Abo einmal abgeschlossen habe, gewöhne sich eher daran, regelmässig Dinge zu leihen statt zu kaufen.

Während ich mit Noël am Inventar des Leihlagers vorbeischlendere und er mir das seiner Meinung nach verrückteste Objekt des Leihlagers zeigt – einen Pizzadom, in dem man gleichzeitig acht Mini-Pizzen knusprig backen kann, betritt eine Kundin den Laden, um die von ihr reservierten Objekte abzuholen: ein Stroboskop und eine Discokugel. Kurze Zeit später reserviert ein Kunde telefonisch eine Hot-Dog-Maschine und ein weiterer informiert sich über einen Etikettendrucker. «Was ist eigentlich das meistverliehene Objekt?», frage ich Noël. «Ein klarer Fall: die Schleifmaschine». Allgemein sei Werkzeug sehr hoch im Kurs, meint Noël und zeigt dabei auf das fast leere Regal, wo sich normalerweise Bohrmaschine, Stichsäge und Schraubenzieher türmen.

Von 502 im Katalog verzeichneten Objekten sind zum Zeitpunkt meines Besuches 41 ausgeliehen. Davon sind die meisten durch Spenden zusammengekommen. Nur selten würden neue Gegenstände angekauft. «Zuerst schauen wir, ob wir ein Objekt gratis bekommen, danach, ob wir es second-hand irgendwo kaufen können und falls das nicht möglich ist, und wir ein Objekt unbedingt brauchen, dann haben wir ein kleines Budget, um neue Objekte zu kaufen», erklärt mir Noël.

Seit der Eröffnung des Leihlagers wächst nicht nur der Leihkatalog, auch die Räumlichkeiten wurden vergrössert und die abgeschlossenen Abos werden monatlich mehr. Kurz: es läuft. Noël erklärt mir, dass es wichtig für das Leihlager sei, eine möglichst diverse Kundschaft zu haben. Um nicht nur Basels Nachhaltigkeitsbubble zu erreichen, führt das Leihlager regelmässig Veranstaltungen durch. Auch diesen Sommer steht einiges an. Anfang Juli findet ein Veloreparatur-Workshop auf dem Matthäusplatz statt, im August zwei Pasta-Donnerstage, an denen gemeinsam ein vegetarisches Drei-Gang-Menü gekocht und geschlemmt wird, und gegen Ende des Sommers nimmt das Leihlager an einem Seifenkistenrennen teil.

Das Leihlager ist, und das spürt man bereits beim Betreten des Lokals, ein Projekt, das vor allem aus Leidenschaft und einer Vision entstanden ist. «Natürlich bieten wir Veranstaltungen an, um neue Zielgruppen zu erreichen. Gleichzeitig aber entstehen die Ideen zu diesen Veranstaltungen auch einfach, weil wir Lust darauf haben.»

Wer also bei der kommenden Party nicht nur mit einer Discokugel sondern auch mit einer Nebelmaschine auffahren, beim Zelten mit Solarpanel und Koffergrill angeben oder einfach nur endlich mal einen Airfryer ausprobieren möchte, dem sei das Leihlager wärmstens ans Herz gelegt.

Lisa Gianotti

Beim Betrachten einer zerbrechlich verkrampften Hand von Egon Schiele hat sich Lisa Gianotti dazu entschieden, Kunstgeschichte zu studieren. Von der schwerwiegenden Nebeldecke über dem Aargau ist sie der Sonne nach Basel gefolgt. In Museen findet sie die Ruhe, die in ihrem Kopf nicht immer herrscht. Wenn sich keine Leinwand vor ihren Augen befindet, dann tönen Klänge im Ohr. Sie würde gerne seltener Seminararbeiten und öfter Gedichte schreiben und ist in allem, was sie tut, nur halb so schnell wie ihre Mitmenschen.

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