«Im Fluss der Wörter» – Maïtena Rais über den «Choix Goncourt Suisse»

Es ist wohlbekannt, dass sich Deutschschweizer mit der französischen Sprache schwer tun. Andersherum verhält es sich ähnlich, wage ich zu behaupten. Dennoch gibt es immer wieder Projekte, die versuchen, dieser Röstigraben-Mentalität entgegenzuwirken, so zum Beispiel den «Choix Goncourt Suisse 2018». Französistik-Studentin Maïtena Rais  sass in der Jury des Literaturpreises. Im Interview erklärt sie die Hintergründe:

Der 2015 ins Leben gerufene «Choix Goncourt Suisse» hat es sich zur Aufgabe gemacht, zeitgenössische französischsprachige Literatur in der Schweiz zu fördern. Organisiert wird er von der französischen Botschaft und wie der Name bereits ankündigt, entspringt er dem Umfeld der Académie Goncourt, die einer der wichtigsten Literaturpreise Frankreichs vergibt.

Dieses Jahr beteiligte sich die Universität Basel zum ersten Mal am Projekt und ist Gastgeberin des literarischen Treffens mit der Preisträgerin Pauline Delbroy-Allard.

Maïtena Rais studiert Französistik & Kunstgeschichte an der Universität Basel und sass in der Jury des «Choix Goncourt Suisse». Sie ist im Jura französischsprachig aufgewachsen und hat von ihren Erfahrungen in grammatikalisch einwandfreiem Deutsch berichtet.

Die Universität Basel beteiligt sich dieses Jahr zum ersten Mal am «Choix Goncourt Suisse». Wie bist du auf das Projekt aufmerksam geworden?
Eine Dozentin der Französistik hat einigen Studierenden eine Mail geschickt und uns angefragt, ob wir Interesse daran hätten, am Projekt teilzunehmen.

War es eine Bedingung, dass man als Muttersprache Französisch spricht, um in die Jury aufgenommen zu werden?
Nein, überhaupt nicht, aber man muss natürlich Französisch können.

Gab es auch Teilnehmende, die nicht Französistik studieren?
Es gab keine Studierende aus anderen Fächern, aber es wäre möglich gewesen. Wir haben uns für nächstes Jahr vorgenommen, auch ausserhalb der Universität Assoziationen anzuschreiben, aber das ist noch offen.

In der Jury sassen 44 Studierende von 7 unterschiedlichen Universitäten und Hochschulen, die aus drei verschiedenen Sprachregionen der Schweiz kamen. Wie wurde diskutiert?
Von jeder Universität wurden zwei Personen ausgewählt, die zu den Diskussionen gegangen sind. Somit waren wir nur 14 bei den Sitzungen. Während den Sitzungen haben wir immer Französisch gesprochen und danach alle möglichen Sprachen. Klar war es für einige Leute einfacher, weil Französisch ihre Muttersprache war, für andere ein bisschen schwieriger. Dennoch fand ich es schön, dass jeder sich ausdrücken und seine Meinung sagen konnte.

Wie verlief der Auswahlprozess?
Es gab eine Shortlist von 15 Büchern, die man in zwei Wochen möglichst alle gelesen haben sollte. Man kann nicht alles lesen, das ist unmöglich. Persönlich habe ich ausser eins oder zwei alle Bücher gelesen oder mindestens überlesen. Ich habe immer Anfang und Ende des Buches gelesen. Das ist natürlich schade, vielleicht wurden einige Bücher deshalb nicht gewählt. An anderen Universitäten wird die Lektüre jedoch aufgeteilt. Das werden wir in Zukunft wahrscheinlich auch so machen, aber eben, es war das erste Mal…

Das klingt nach viel Lesearbeit. Wie hast du neben dem Unialltag genügend Zeit zur Lektüre der Bücher gefunden?
Ich habe die ersten zwei Wochen des Semesters die Uni etwas zur Seite gelegt. (lacht) Den Rest des Semesters musste ich alles aufholen, was ich in den zwei Wochen verpasst hatte. Zum Glück lief das Projekt nicht während dem ganzen Semester…

Und wie ging es weiter, nach der Bewältigung der Shortlist?
Die Juroren von allen Universitäten haben eine Auswahl von fünf Büchern an die erste Sitzung mitgebracht. Alle Bücher wurden besprochen, kritisiert und verteidigt. Besonders viel gesprochen wurde über jene Bücher, bei denen wir uns nicht einig waren. Diese Diskussionen waren nicht immer einfach, wir haben dann aber sechs Bücher ausgewählt. Diese haben wir nochmals gelesen und uns wieder mit den Juroren der anderen Universitäten getroffen und da schliesslich die Preisträgerin gekürt.

Fiel die Wahl der Basler Jury auch auf das Buch von Pauline Delbroy-Allard?
Ja.

Nun zu den von dir gelesenen Bücher. Gab es grosse Unterschiede zwischen den Genres der Bücher?
Ja, es gab ganz unterschiedliche Schreibstile und Themen. Wir haben nur Romane gelesen, demnach keine Theaterstücke oder Gedichte. Natürlich gab es dickere und dünnere Bücher. Persönlich finde ich, dass die Schreibniveaus ganz unterschiedlich waren, einige Bücher hätte ich nicht für einen Goncourt ausgewählt.

Hast du während der Lektüre eine gewisse Tendenz der gegenwärtigen französischen Literatur herausgefühlt?
(denkt nach) Hm, die Themen waren sehr unterschiedlich. Ein wiederkehrendes Thema waren zwischenmenschlichen Beziehungen. Einige Bücher haben sich zudem mit unterschiedlichen Epochen der Geschichte beschäftigt.

Gewinnerin des Choix Goncourt de la Suisse 2018: Pauline Delabroy-Allard. (Bild: © Catherine Gugelmann/Opale/Éditions de Minuit)

«Ça raconte Sarah» von Pauline Delabroy-Allard hat schliesslich das Rennen für sich entscheiden können. Worum handelt der Roman in wenigen Sätzen?
Es geht um zwei Frauen, die sich treffen und ineinander verlieben. Im Buch passiert eigentlich nicht viel, also es gibt wenig Handlung, aber im Schreiben passiert sehr viel. Das Schreiben spielt im Buch eine wichtige Rolle. Durch den Text kommt man als Leser in eine Art geschlossenen Kreis der Leidenschaft, oder Liebe, aber ich glaube es ist eher Leidenschaft.

Auch in Polen und Rumänien wurde «Ça raconte Sarah» mit dem Choix Goncourt ausgezeichnet. Was zeichnet deiner Meinung nach den Roman aus?
Ich denke die Stärke des Buches kann gleichzeitig seine Schwäche sein. Es ist ein sehr strukturiertes Buch, man liest es sehr einfach und will stets weiterlesen. Die Handlung läuft schnell und die Lektüre auch. Während dem Lesen will man weiterlesen und gerät in eine Art Fluss der Wörter. Diese starke Strukturierung kann aber gleichzeitig auch etwas künstlich wirken.

 

Heute Abend findet an der Universität Basel die Preisverleihung statt.

Lisa Gianotti

Beim Betrachten einer zerbrechlich verkrampften Hand von Egon Schiele hat sich Lisa Gianotti dazu entschieden, Kunstgeschichte zu studieren. Von der schwerwiegenden Nebeldecke über dem Aargau ist sie der Sonne nach Basel gefolgt. In Museen findet sie die Ruhe, die in ihrem Kopf nicht immer herrscht. Wenn sich keine Leinwand vor ihren Augen befindet, dann tönen Klänge im Ohr. Sie würde gerne seltener Seminararbeiten und öfter Gedichte schreiben und ist in allem, was sie tut, nur halb so schnell wie ihre Mitmenschen.

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