Gute Vorsätze fürs neue Jahr – Chance oder vergeudete Mühe?

Wie der Phönix aus der Asche steigen die Menschen jedes Jahr mit zahlreichen guten Vorsätzen aus den Feinstaubwolken und Katerschädeln der Silvesternacht auf.

Es folgen exemplarisch für die metaphorische Asche einige grossstädtische Silvesterszenen:

Veröffentlichte Notrufe des Silvesterchaos 2019/20 in Berlin

Und so breitet, nach wilder Feierei, der Phönix seine feurigen Schwingen aus und erhebt sich, in Form neugesteckter Ziele für das Jahr 2020, empor, symbolisch für die Erwartung einer besseren Zukunft:

Die amerikanische Ipsos-Umfrage 2020 zeigt zudem auch: 38% der Amerikaner nehmen sich mindestens einen guten Vorsatz für das Jahr 2020 vor. Geht es darum sich gleich mehrere Ziele vorzunehmen, dann sind es immerhin noch 20%. Eine repräsentative Umfrage in der Schweiz von 2017, durchgeführt durch Intervista, brachte ähnliche Ergebnisse zu Tage. 35% der Schweizer hatten damals angegeben sich mindestens einen guten Vorsatz vorzunehmen.

Aber wie wird man diesen Vorsätzen am besten gerecht? John C. Norcross ist klinischer Psychologe, Psychotherapeut und Professor für Psychologie. In seiner Foschungsarbeit hat er sich intensiv mit dem Thema «gute Vorsätze» beschäftigt. Bereits die Ausgestaltung des Vorsatzes sieht Norcross als besonders relevant: Zu ambitionierte Vorsätze führen zu Resignation und frühem Versagen bei der Umsetzung. Wird das Ziel also nicht realistisch ausformuliert, so macht man sich bereits bei der Überlegung guter Vorsätze anfällig für das spätere Scheitern.

Ähnlich sieht das auch Dr. Shayna Sheinfeld, welche auf ihrem Blog zusätzlich hervorhebt, dass die gesteckten Ziele häufig schwer zu quantifizieren sind. Vorsätze wie «Ich möchte schlanker werden» oder «Ich möchte weniger Zeit mit der Arbeit verbringen» lassen sich nicht so gut evaluieren wie konkrete, quantifizierbare Ziele. Dies erschwert es enorm, überhaupt ein Gefühl für die eigenen Erfolge zu entwickeln.

Smarte Ziele bringen mehr Erfolg
Beide, sowohl Norcross als auch Sheinfeld, verweisen in ihren Arbeiten im Kontext der Zielformulierung auf das SMART-Modell. Hiernach sollen Ziele im Allgemeinen, und auch eventuelle Neujahrsvorsätze, spezifisch, messbar, attraktiv, realistisch und terminiert ausformuliert werden. So würde der Vorsatz «Ich möchte schlanker werden» als exemplarisches smartes Ziel wie folgt lauten: «Ich werde bis zum 31.01.2020 (terminiert) durch dreimal wöchentliche Besuche im Fitnessstudio (spezifisch) mein jetziges Gewicht von 90 Kg um 1 Kg reduzieren (messbar, realistisch, attraktiv)».

Ein solches smartes Ziel lässt sich leichter verfolgen und auswerten als sein unspezifisches Gegenstück und auch das ist ein Faktor, der zum Erfolg bei der Zielerreichung beitragen kann. Norcross und Kollegen fanden ausserdem heraus, dass das Publikmachen der eigenen Vorsätze im Bekanntenkreis und im engeren Umfeld die Erfolgswahrscheinlichkeit zur Erreichung dieser erhöht. Gute Vorsätze wirken also besonders gut, wenn sie nicht ganz privat und allein ausgetragen werden.

Wieso ausgerechnet gute Vorsätze zu Silvester? Beinahe 500 Personen haben Norcross und Kollegen in zwei Längsschnittstudien zum Thema «gute Silvestervorsätze» befragt. In der ersten Studie von 1989 waren 40% der befragten nach sechs Monaten immer noch erfolgreich in der Umsetzung ihrer Vorsätze, in der zweiten Studie von 2002 waren es nach einem halben Jahr sogar 46%.

Und auch ein weiterer Punkt aus der Forschungsarbeit von Norcross ist diesbezüglich interessant: Erwachsene Personen mit «guten Silvestervorsätzen» haben eine 11.5 mal höhere Erfolgsrate (46%) beim Ändern des Zielverhaltens in den ersten sechs Monaten als Personen mit den selben Zielvorstellungen und der selben Motivation, welche sich allerdings keine Vorsätze machen (4%). Es scheint also ein positiver Nutzen hinter der Überlegung guter Vorsätze zu stecken.

Und was ist mit dem Scheitern?
Norcross und Kollegen konnten in ihrer Studie von 1989 zeigen, dass Personen, die ihr Verhalten über einen Beobachtungszeitraum von zwei Jahren im Sinne der Vorsätze erfolgreich ändern konnten, in diesem Zeitraum durchschnittlich vierzehnmal einen Ausrutscher zu verzeichnen hatten. 71% von ihnen beschrieben den ersten Ausrutscher sogar als stärkend für die weitere Umsetzung. Es ist also absolut in Ordnung, auch mal schwach zu werden. Hinfallen, aufstehen, Krone richten!

In diesem Sinne viel Erfolg bei der Umsetzung eurer Vorsätze! Wer noch keine Vorsätze hat, der darf sich gerne von unseren nachhaltigen Neujahrsvorsätzen inspirieren lassen. Und wer sich für 2020 vorgenommen hat, mehr Kultur zu erleben, der sei an die Museumsnacht heute Abend in Basel erinnert. Kennzahlen: 38 Museen in Basel, von 18:00 – 2:00 Uhr geöffnet und für Personen unter 26 Jahren kostenfrei!

Christoph Zäh

Während seiner Ausbildung zum Heilerziehungspfleger wurde Christoph Zäh klar, dass er seine Zukunft der Arbeit mit Menschen widmen möchte. Das Psychologiestudium soll nun die absolute Erleuchtung bringen. Wenn er sich nicht gerade durch die Statistiken der Welt wühlt oder in Embryonalstellung vor sich hin wimmert, weil Druckertinte jetzt teurer ist als menschliches Blut, dann boxt er sich den Kopf im Boxkeller frei oder sucht sich auf dem Rennrad, mit dem Snowboard oder im Kajak neue Herausforderungen.

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