Eine Hymne aufs Zwischenjahr

Ob zwischen Matura und Studium, Bachelor und Master, Studienabschluss und Berufseinstieg – im Laufe der Ausbildung bietet sich immer wieder die Möglichkeit, ein Zwischenjahr einzulegen, eine Art Boxenstopp. Da wird dann, ähnlich wie im Motorsport, der Tank ordentlich aufgefüllt, kleine Bagatellschäden repariert und vielleicht sogar die Route zum Ziel neu berechnet.

Ich selber habe nie ein Zwischenjahr gemacht, sondern meine Auslandaufenthalte in die Studienzeit integriert. Während der Matura habe ich ein Auslandsjahr an einer amerikanischen High School eingelegt, im Bachelor ein Erasmus-Semester und Praktikum in Florenz und im Master schliesslich ein Corona-Semester in München. Zurückgekommen bin ich jedes Mal nur schweren Herzens und geladen mit Lust am Lernen.

Ein Zwischenjahr kann helfen, etwas Abstand vom gewohnten Alltag zu erlangen und sich dadurch intensiv über Zukunftspläne Gedanken zu machen. Meiner Erfahrung nach hilft das Weggehen oder auch nur ein Tapetenwechsel enorm beim Fällen von Entscheidungen, sei das bezüglich Studienwahl, -fortsetzung oder Berufseinstieg. Selbst die Strandbar auf Kuba eröffnet man nicht, wenn man sein Leben lang in Hintertupfingen verweilt.

Das Zwischenjahr muss aber nicht zwingend im Ausland absolviert werden. Auch Praktika, temporäre Jobs, Sozialeinsätze oder die Verwirklichung eines eigenen Projekts, das schon jahrelang auf dem Schreibtisch liegt, können sinnvolle Beschäftigungen sein, um neue Erfahrungen zu sammeln und herauszufinden, wo man als nächstes hin will – oder wo eben nicht.

Vor allem bezüglich Studienwahl kann ein Zwischenjahr sehr hilfreich sein. Wer kurz vor dem Abschluss steht, ob Matura oder Bachelor, hat oft nicht die nötige Zeit und Musse, sich intensiv mit den unterschiedlichen Universitäten, Hochschulen, Studiengängen, Anforderungen und Bewerbungsverfahren auseinanderzusetzen. Da kann es durchaus sinnvoll sein, sich etwas Zeit zu nehmen, um Möglichkeiten auszubreiten, abzuwägen und auszuprobieren.

Wichtig bei diesem Unterfangen ist jedoch, während dem Zwischenjahr nicht planlos vor sich hinzuvegetieren, sondern eine Vorstellung davon zu erhalten, was man sehen und lernen will. Die Studienberatung der Universität Basel empfiehlt:

«Wichtig ist, das Zwischenjahr zu planen und ein konkretes Projekt zu haben und nicht einfach ein Jahr lang Pause zu machen. Die Erfahrung zeigt, dass das Nichtstun schnell langweilig wird und dass man nach dem Zwischenjahr in der Studienwahl oft nicht weitergekommen ist. Es könnte deshalb durchaus auch eine Möglichkeit sein, in einem Zwischenjahr verschiedene Studiengänge auszuprobieren, denn gemachte Kreditpunkte können im späteren Studium im Wahlbereich angerechnet werden.»

Wer sich im Zwischenjahr jedoch noch nicht mit der Universität beschäftigen will, hat zahlreiche andere Möglichkeiten, den Boxenstopp nach eigenen Vorlieben zu gestalten. Man darf sich das wie ein abundantes All-you-can-eat-Büffet vorstellen, wo man sich beliebig mit Sprachaufenthalten, Praktika, Freiwilligeneinsätzen und Nebenjobs den Ranzen füllen kann.

Es wäre auch falsch, das Zwischenjahr auf gängige Klischees zu reduzieren. Nicht alle trampen im Zwischenjahr lockerlässig durch Australien oder begeben sich auf einen Selbstfindungstrip nach Südamerika. Es gibt auch andere Gründe, die für einen Auslandaufenthalt sprechen. Das Aufpolieren der Kenntnisse in einer Sprachschule beispielsweise, die Übernahme der Kinderbetreuung in einer Familie (AuPairWorld), das Mitanpacken auf einem Bauernhof (woof) oder das Engagement in einem Freiwilligeneinsatz (WorkCamp).

Längere Reisen und auch die meisten Sprachaufenthalte kosten leider mehr als den Sonntagsbatzen, den man von Grosi zum «chrömle» kriegt. Deshalb entscheiden sich viele, zuerst einige Monate zu arbeiten, bevor es sie in die Weite zieht.

Ein Boxenstopp ist keine Garantie, dass das Rennen reibungslos verlaufen wird. Wer ihn jedoch einlegt, ist sicherlich besser ausgerüstet, auf Hindernisse vorbereitet, vollgetankt und fährt dadurch im besten Falle etwas entschlossener auf die Ziellinie zu.

Für weitere Infos, Tipps und weiterführende Links empfehle ich die Website der Studienberatung.

Lisa Gianotti

Beim Betrachten einer zerbrechlich verkrampften Hand von Egon Schiele hat sich Lisa Gianotti dazu entschieden, Kunstgeschichte zu studieren. Von der schwerwiegenden Nebeldecke über dem Aargau ist sie der Sonne nach Basel gefolgt. In Museen findet sie die Ruhe, die in ihrem Kopf nicht immer herrscht. Wenn sich keine Leinwand vor ihren Augen befindet, dann tönen Klänge im Ohr. Sie würde gerne seltener Seminararbeiten und öfter Gedichte schreiben und ist in allem, was sie tut, nur halb so schnell wie ihre Mitmenschen.

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