Wege aus dem Loch nach den Prüfungen

Wochenlang hatte ich das Ziel vor Augen: meine Prüfungen erfolgreich bestehen. Dafür hielt ich mich an meinen sich über Wochen erstreckenden Lernplan: stundenlanges Büffeln und Kaffee. Viel Kaffee. Am Ende der Lernphase plauderte ich sogar mit meinen voll gekritzelten Büchern und der etwas sensiblen, leicht irritierbaren Katze, die mich eiskalt ignorierte. Dann der grosse Tag: Mein Gehirn läuft auf Hochtouren, das Adrenalin lässt meine Wangen brennen. Frage nach Frage gehe ich durch, versuche sie zu verstehen: «Ach, ja, das muss stimmen – Halt! Ha! Darauf falle ich nicht herein!» Da, endlich: letzte Frage, letzte Antwort. Die Prüfung ist vorbei, der Druck verpufft schlagartig. Doch was nun?

Stan Wawrinka fühlte sich nach seinem grossen Grand Slam Erfolg in Paris deprimiert, auch Ariella Kaeslin habe sich am Anfang überfordert gefühlt und wusste nicht umzugehen mit all den neuen Freiheiten und der vielen Zeit. Es gibt viele Beispiele dafür, dass man nach Erfolgen, Prüfungen (bestanden oder nicht) sowie nach der Beendigung eines grossen Projekts in ein grosses Loch fallen kann. Doch woher kommt dieses Tief?

Die leere Autobahn
«Es ist wichtig zu wissen, dass dieses Gefühl der Leere nach dem Erfolg ganz normal ist. Das hilft oft schon weiter», erzählt Psychologin Maja Storch beim Treffpunkt auf Radio SRF1: «Man muss sich das folgendermassen vorstellen: Angenommen unser Gehirn wäre eine grosse Autobahn. Während des Projekts ist einiges los, es herrscht viel Verkehr. Man muss immerzu Informationen verarbeiten, wird dabei ständig stimuliert und Endorphine werden in Massen ausgeschüttet. Durch das intensive Auseinandersetzen mit dem ganzen Prozess herrscht eine grosse Vorfreude und dann auf einen Schlag ist das Ziel erreicht: Die Autobahn ist leer.» Die Vorfreude ist eben die schönste Freude.

Maja Storch erklärt, dass es es gar nicht so einfach ist, mit Erfolgen umzugehen: «Die armen Nobelpreisträger, ich möchte gar nicht wissen, wie es ihnen nach der Preisverleihung in ihrem Hotelzimmer ergeht.» So weit, so gut. Wir wissen jetzt also, dass man nach einer enormen Anstrengung lethargisch, lustlos, ziellos sein darf. Das ist normal. Doch lässt sich das nicht vermeiden?

Rausgehen und schnüffeln!
Das erzwungene Sich-Glücklich-Fühlen ist laut Maja Storch zwar nicht förderlich, es helfe aber auch nicht den Kartoffelsack auf der Couch zu spielen. Man muss also aktiv werden! Schnüffeln! Rausgehen! Sich neue Ziele setzen, etwas finden, wofür man sich begeistern kann, um die Autobahn wieder zu füllen.

Das Allerbeste sei es, sich bereits während der Lernphase ein wenig umzuschauen und sich Gedanken dazu machen, was danach kommen könnte. So lassen sich die Löcher schon vor dem Erscheinen stopfen. Mit einem stetigen Verkehr sei bereits ein grosser, präventiver Schritt getan.

Deshalb wünsche ich dir, dass du nach deinen Prüfungen, inklusive einer feschen Feier und einem wunderbar langen ungestörten Schlaf, etwas Tolles in Aussicht hast. Vielleicht eine spontane Aktion: zwei Tage zelten oder eine bereits lange geplante Reise in Angriff nehmen, alte Freunde wieder einmal besuchen oder die etwas vernachlässigten Eltern überrumpeln. Was es auch sei, bleibe aktiv, schnüffle, was das Zeug hält! Vergiss dabei nicht: Sich etwas auf den Lorbeeren auszuruhen ist dabei ganz normal.

Josefin Kaufmann

Mit viel intrinsischer Motivation studiert Josefin Kaufmann Medizin; der Schlüssel zum Erfolg ist der Kaffee. Bunt gekleidet, oft zu spät, immer am Lachen. Obwohl sie es geniesst, Köstlichkeiten zu schmausen, befindet sich oft nur Licht und Senf in ihrem Kühlschrank. Auf dem Fahrrad recht gefährlich unterwegs, sind Sonntagsfahrer und rote Ampeln ihr ein Dorn im Auge. Fahrradhelm ist aber ein Muss, Medizinstudium sei Dank.

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