«Soft Tissue» – Wenn nackte Körper unter die Haut gehen

Bild: Paula Reissig, Roxy Birsfelden

Kunst und Kultur findet in urbanen Zentren statt, so die verbreitete Vorstellung. Wenn wir nach Theater, Oper oder Tanz lechzen, zieht es uns meist an die grossen Häuser. Dass auch fernab von grossen Produktionen, an den Rändern der Stadtzentren, kulturelle Institutionen anzufinden sind, wird gemeinhin vergessen. Zu unrecht, wie das Roxy Birsfelden beweist.

Das Roxy ist eines jener versteckten Bijous, das in Birsfelden unweit der Basler Innenstadt weilt. 1927 wurde es als Lichtspieltheater errichtet, schliesslich in den 1950er Jahren zum Kino Roxy umgebaut und 1994 als Theater Roxy neueröffnet. Das Programm des Hauses fokussiert sich auf zeitgenössische Theater- und Tanzproduktionen sowie Performances, wobei die Förderung des Nachwuchses grossgeschrieben wird. Das Roxy ist oft nicht nur Austragungsort, sondern zugleich Produktionsort, das Kunstschaffenden neben einer Bühne auch Wohn- und Proberaum zur Verfügung stellt.

Unter dem Label «Home Mad»e wird aktuell die Produktion «Soft Tissue» von Natascha Moschini und Marie Popall gezeigt, in der das Duo dem schmalen Grat zwischen sinnlicher Lust und sexualisierter Gewalt nachgeht.

Im dunklen Vorstellungsraum entlang der vier Wände einer ebenerdigen Bühne sitzt das Publikum auf dem Boden, Körper an Körper, so nah, dass man den Atem der Sitznachbarin hören kann. Leiber (oder doch nur lebloses Gewebe, tissue?) stehen auch im Zentrum der ersten abendfüllenden Produktion des Performance-Duos Moschini/Popall. Dabei kippt die kindlich naive Neugierde am Körper graduell in aufreibende Konfrontation; Stöhnen wird zu kläffendem Geschrei, Streicheln zu heftigen Zusammenstössen. Und all das geschieht nicht im privaten Nebenzimmer, sondern auf der Bühne, den Blicken des Publikums ausgeliefert.

Bilder: Philipp Frowein, Roxy Birsfelden

«Für die freie Szene», so Popall, «sind Orte wie das Roxy enorm wichtig, da sie einem mit der Infrastruktur, der Vernetzung, dem Vertrauen und der Unterstützung bei der Beantragung von Geldern zur Seite stehen und nicht zuletzt sichern sie einem auch einen Ort, an dem man spielen kann.» Etwa zwei Jahre arbeitete das Duo in unterschiedlichen Städten und Proberäumen an «Soft Tissue». «Wenn wir an einem Ort proben, beobachten wir viel und nehmen immer irgendetwas mit», so Moschini. Idee und Konzept würden in Improvisationen angewandt, um anschliessend wieder zum Ausgangspunkt zurückzukehren und diesen zu überarbeiten. Eine kreisförmige Bewegung zwischen Kopf und Körper, zwischen Konzept und Umsetzung.

«Soft Tissue» ist noch am 17. (heute) und 19. Oktober (Samstag) im Roxy Birsfelden zu sehen. Danach am 24. und 25. Oktober im Südpol Luzern und am 31. Oktober, 1. und 2. November im Fabriktheater der Roten Fabrik Zürich.

Lisa Gianotti

Beim Betrachten einer zerbrechlich verkrampften Hand von Egon Schiele hat sich Lisa Gianotti dazu entschieden, Kunstgeschichte zu studieren. Von der schwerwiegenden Nebeldecke über dem Aargau ist sie der Sonne nach Basel gefolgt. In Museen findet sie die Ruhe, die in ihrem Kopf nicht immer herrscht. Wenn sich keine Leinwand vor ihren Augen befindet, dann tönen Klänge im Ohr. Sie würde gerne seltener Seminararbeiten und öfter Gedichte schreiben und ist in allem, was sie tut, nur halb so schnell wie ihre Mitmenschen.

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