Quand vas-tu arriver?

Ich bin in Bordeaux angekommen! Gefühlt seit drei Tagen, laut Kalender seit drei Wochen. Trotzdem reicht diese kurze Zeitspanne völlig aus, um über das Erlebte einen dicken Roman schreiben zu können. Keine Angst: Es folgt kein Roman, aber ein kurzer Abriss davon, wie es ist ganz neu zu starten, wie jeder Tag zu einem Abenteuer wird und wieso wir Schweizer unhygienisch sind:

Die Schweizer Grenze zu passieren, an Tankstellen das erste Mal Französisch zu hören, nicht mehr für die Toiletten bezahlen zu müssen. Wenn die klassischen Tomaten-Mozzarella-Sandwiches von ‚chèvre chaud‘ ersetzt werden und man beim Bestellen eines ‚caffé‘ einen Espresso bekommt, statt einer tröstend grossen Tasse des heiss geliebten Getränks. Alles kleine Dinge, die sich während der Autofahrt verändern, akkumulieren und das Labyrinth des Lebens ein wenig verschieben. Dann lese ich plötzlich ‚Bordeaux 250 km‘ auf einem Verkehrsschild. Ein Augenblick der Vorfreude und des Schreckens, denn was erwartet mich da in 250 Kilometern? Ein Irrgarten und bestimmt ganz viel Baguette.

«Euhhh, je suis, euhh…»
In Bordeaux angekommen, muss erst einmal eine SIM-Karte her! Ich stelle mich also in die Schlange und konstruiere in meinem Kopf eine Mixtur von französischen Wörtern, die mir zu unlimitierten SMS und 20 GB verhelfen sollen. Dann bin ich dran: «Bonjour, comment peux-je vous aider?» Meine Schweissdrüsen laufen auf Hochtouren, meine Augen trocknen fast aus; sie sind vor Schrecken geweitet. «Bonjour! Je suis, euh, une Erasmus, je reste dix (ja, ich gebe es zu, das x hab ich ausgesprochen) mois, euh… J’ai besoin d’un ehh» Totales Black-out. «Abonnement?», «Oui!». Seufz.

Trotz schrecklichem Französisch bin wenig später stolze Besitzerin einer neuen Telefonnummer. SIM-Karte entsperrt, Internet funktioniert, da kommt schon die erste Nachricht aus meiner neuen WG: «Quand vas-tu arriver?»

Immer nett lächeln und winken
Nach einem kurzen Bienvenue in meinem neuen Zuhause kommt dann die essenzielle Frage: «Willst du ein bisschen Wein?» Essen wird bestellt, die Flasche geöffnet. Es macht auch plötzlich Sinn, dass man in Bordeaux Wein trinkt; so lässt sich besser Französisch reden.

Es sprudelt nur so Wörter aus den Mündern meiner Mitbewohner und ich verstehe bei weitem nicht alles, aber nicke und lächle. Wenn ich dann doch etwas verstehe, stelle ich eine Frage, um nicht ganz teilnahmslos zu wirken. Sobald ich anfange zu sprechen, habe ich das Gefühl in einem Film zu sitzen, der nur noch in Zeitlupe abläuft. Die WG-Katze lerne ich auch kennen, die – wie ich in den nächsten Tagen feststellen werde – immer, wenn ich sie berühre, zu ihrer Futterschale läuft, um zu speisen. Meine Hände müssen wohl nach Speck riechen.

Nach der zweiten Flasche und vielen kleinen Aha-Erlebnissen später, fühle ich mich einigermassen verstanden, wohlig und warm. Ich habe bereits ein neues, sehr wichtiges Wort gelernt: Bouchon (Korken).

Der Sprung ins kalte Wasser
Alltägliche Dinge werden hier zum Abenteuer: Mit meinem Mitbewohner Maxime gehe ich am nächsten Tag ins Schwimmbad, da ist ja nichts dabei. Umziehen, Schwimmbrille mitnehmen und ab geht’s. Maxime zeigt mir, wo ich hin muss, mich kurz abduschen kann und erwartet mich dann beim Eingang zur Schwimmhalle. Ich mit einem fetten Grinsen im Gesicht: «Bereit!» «Cool, aber wo ist dein ‚bonnet’» «Euh.. Bonnet?» Mit wilden Gesten lässt der mich verstehen, dass mir eine Badekappe fehlt. «Ich habe keine.» Ein Moment der Stille stellt sich ein und ungläubig fragt er mich: «Das ist nicht obligatorisch in der Schweiz? Putain. Also wir müssen dir eine besorgen.»

Einige Minuten stehen wir wieder am selben Ort, beide mit einer Badekappe und einer Portion Verwirrung ausgerüstet. «Willst du mir wirklich sagen, dass ihr keine Duschkappe tragen müsst in der Schweiz? Das ist ja total unhygienisch, so viele Haare.» Mit Mühe kann ich mir ein Grinsen verkneifen und als er zwei Stunden später noch immer nicht fassen kann, dass wir auch ganz gut ohne Badekappen zurecht kommen, und er mir dazu noch erzählt, dass in Frankreich sogar die Länge und Weite von Badehosen reguliert ist, krieg ich mich fast nicht mehr ein vor Lachen.

Einkaufen ohne zu stehlen
Das Einkaufen ist eine spannende Angelegenheit: Der Käse füllt drei grosse Regale in einem Supermarkt, während man echt Mühe hat, ein gewöhnliches Nature-Joghurt zu finden. Nach einer langen Suche im Heuhaufen und gleichzeitig einem genussvollen Spaziergang im Schlaraffenland (ich liebe Ziegenkäse), gehe ich an einen Self-check-out-Automaten, um in Ruhe alle meine Einkäufe einpacken zu können.

Ich scanne gerade das Baguette ein, als die Maschine anfängt mit mir zu reden: «Du klaust!» Geschockt starre ich den Automaten an. Antworten macht nicht viel Sinn. Ich scanne also weiter und fühle mich dabei wie eine Schwerverbrecherin. Dann wieder :«Du klaust!» Nun werde ich und die zehn weiteren Personen, die Schlange stehen, in regelmässigen Abständen von der Maschine darauf aufmerksam gemacht, dass ich einen Diebstahl begehe. Kaltschweiss macht sich langsam auf meiner Stirn breit. «Du klaust!» Am Ende muss ich noch die Tomaten abwägen, wobei anscheinend etwas schief geht und ich deshalb nicht bezahlen kann. Ein Mitarbeiter lässt mich gestresst wissen, dass ich die Tomaten durchaus bezahlen muss.

Ich wäge sie also nochmals, während ich immer noch vom Automaten angeschwärzt werde zu stehlen. Trotz der nun registrierten Tomaten («Du klaust!»), kann ich nicht bezahlen. Mein Freund, der nette Mitarbeiter, kommt nochmals vorbei, grunzt, drückt auf irgendwelche Knöpfe und voilà; die Maschine verstummt. Zahlung erfolgt. Erleichtert möchte ich den Supermarkt schnellstmöglich verlassen, wobei mir diverse Sachen runter fallen. Zum dritten Mal eilt der Mitarbeiter herbei und sammelt alle meine verlorenen Waren ein. Hochrot, schweissnass, peinlich berührt: «Merci.»

Das nächste Mal gehe ich zu einer besetzten Kasse.

Ich bin also angekommen. Fühle mich zwar manchmal wie Tarzan in New York, ein Elefant im Porzellanladen, aber ich bin da. Lächle, nicke, frage, wenn ich etwas nicht verstehe und trage eine Badekappe. Wieso auch nicht? Fortsetzung folgt!

Josefin Kaufmann

Mit viel intrinsischer Motivation studiert Josefin Kaufmann Medizin; der Schlüssel zum Erfolg ist der Kaffee. Bunt gekleidet, oft zu spät, immer am Lachen. Obwohl sie es geniesst, Köstlichkeiten zu schmausen, befindet sich oft nur Licht und Senf in ihrem Kühlschrank. Auf dem Fahrrad recht gefährlich unterwegs, sind Sonntagsfahrer und rote Ampeln ihr ein Dorn im Auge. Fahrradhelm ist aber ein Muss, Medizinstudium sei Dank.

1 Kommentar

  1. Anna
    Mo, 24. September 2018 / 11:42 Uhr

    „Wieso auch nicht?“ Das fasst – finde ich – die richtige Haltung kurz und knapp perfekt zusammen. Man kann ja mal was anders machen, ohne das einem gleich ein Zacken aus der Krone bricht! Wer sich etwas von dieser Haltung in den Schweizer Alltag retten kann, darf sich auf ein entspanntes Leben freuen.
    Viel Spass und eine wunderbare Zeit :-)

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