Overtourism – auch in Basel?

Venedig, Dubrovnik, Barcelona und Amsterdam, sie alle kämpfen mit demselben Problem: zu viele Menschen auf zu wenig Raum. Dies führt zu Konflikten zwischen Einheimischen und Touristen, also Overtourism. 2018 schaffte der Begriff es auf die Shortlist des jährlich vom Oxford Dictionary gekürten Word of the Year und spätestens seitdem Ende Mai rund 12’000 chinesische Touristen durch Luzern wanderten, ist er auch in der Schweiz zum Thema geworden. Aber gibt es Overtourism hierzulande überhaupt? Christoph Bosshardt, Vizedirektor und Leiter Marketing bei Basel Tourismus , im Gespräch über den hiesigen Tourismus und das Phänomen Overtourism:

Neben bekannten Städten im Ausland gibt es auch in der Schweiz beliebte Reiseziele für Touristen. Ich denke zum Beispiel an Luzern, Interlaken oder Zermatt. Wie steht es um den Tourismus in Basel?
Grundsätzlich ist es so, dass der Tourismus in Basel sich in den letzten 15 Jahren sehr stark entwickelt hat. Wir haben wachsende Besucher- und Logiernächtezahlen. Basel ist jedoch in erster Linie eine Destination für Geschäftsreisen. Wir haben heute etwa zwei Drittel Geschäftstourismus und ein Drittel Freizeittourismus. Das ist natürlich in Interlaken oder Luzern anders und somit sicherlich ein wesentlicher Unterschied. Zudem ist Basel keine Gruppenreise-Destination.

Weshalb nicht?
Erstens sind wir kein Leuchtturm in der Landschaft des Schweizer Tourismus. Wenn jemand aus China oder Indien in die Schweiz reist, will er in erster Linie auf einen Berg oder an einen See. Er will die klassischen touristischen Highlights sehen. Basel steht bei «Normaltouristen», die zu grosser Zahl unterwegs sind, nicht zuoberst auf der Liste.
Zudem fallen unsere Hauptattraktionen in den Bereich Kunst und Kultur, das zieht per se keine Gruppen an, sondern eher Individualreisende. Mit unserem Marketing versuchen wir auch vor allem besser situierte Individualreisende zu erreichen. Unsere Hotelinfrastruktur ist auch nicht für Gruppenreisen geeignet, denn die brauchen enorm günstige Preise. Diese finden sie in Basel nicht.

Gibt es in Basel demnach keine «Reisebus-Stopps», an denen Leute abgeladen werden, um ein Foto zu knipsen und hinterher wieder in den Bus steigen?
Wir haben weniger Bus-Tourismus. In Basel kann man natürlich auch weniger nah an die Stadt fahren als in Luzern, das spielt vielleicht eine Rolle.
Was wir aber haben, sind Flusskreuzfahrten, jene Hotelschiffe, die auf dem Rhein unterwegs sind. Das ist ein Segment im Tourismus, das wahnsinnig stark wächst. Aufgrund der geographischen Lage ist Basel Ankunfts- oder Abfahrtsort dieser Flusskreuzfahrten, die durchaus auch Gruppen in die Stadt bringen.

Christoph Bosshardt | Bild: Basel Tourismus

Gibt es touristische Hotspots in Basel?
Die Hauptsehenswürdigkeiten in Basel sind sicherlich die Altstadt und das Münster, was vielleicht  das Äquivalent zur Kapellbrücke in Luzern wäre. Und wenn mehr Zeit vorhanden ist, gehen Touristen ein Museum besuchen.

Von woher kommen die Touristen nach Basel?
Ein Drittel von allen Touristen in Basel kommt aus der Schweiz. Das ist schweizweit ähnlich: Der Binnentourismus macht nach wie vor den grössten Anteil aus. Neben den inländischen Touristen kommt ein Grossteil aus Deutschland, den USA und Grossbritannien.

Während der Fasnacht, der Art Basel oder der Baselworld reisen in kurzer Zeit sehr viele Menschen nach Basel. Kann man da auch schon von Overtourism sprechen?
Ich denke, man muss beim Thema Overtourism unterscheiden zwischen Destinationen, die generell von Touristen überrannt werden, wie zum Beispiel Venedig oder in der Schweiz am ehesten Luzern, und Orten, wo durch einzelne Anlässe plötzlich viele Leute in der Stadt sind. Da besteht ein relativ grosser Unterschied.
In Basel gibt es natürlich solche grossen Anlässe, wie zum Beispiel die Fasnacht oder grosse Messen und Kongresse. Die führen jedoch kaum zu Menschenmassen, welche die Strassen verstopfen… also abgesehen von der Fasnacht natürlich (lacht). Man merkt dann vielleicht, dass das Publikum in der Stadt gemischter ist und die Hotels gut ausgelastet sind, aber es stellt kein wirkliches Problem dar.

Gibt es Massnahmen, um mit diesen Besucherströmen umzugehen?
An Messen wie zum Beispiel der Art Basel stellen wir Infozelte in der Stadt auf, wo man die Leute abholen und informieren kann. Bei grossen Anlässen wie das Basel Tattoo oder die Fasnacht setzen wir zudem sogenannte Flying Concierges ein. Das sind Freiwillige, die mit blauen Westen an bestimmten Orten stehen, um den Leuten Auskunft zu geben und ihnen bei der Orientierung zu helfen.

Und in Bezug auf Unterkünfte?
Je nachdem stösst die Stadt an Grenzen, das ist natürlich auch der Grund, weshalb die Hotelkapazitäten in letzter Zeit enorm zugenommen haben. Gerade bei Grossanlässen sind die Hotels extrem ausgebucht und Gäste müssen dann auch auf andere Städte wie Zürich, Luzern oder Bern ausweichen. Aber das sind vielleicht drei, vier Anlässe im Jahr. Der Freizeittourismus profitiert sogar davon, dass es dank dem Geschäfts- und Messetourismus so viele Hotels gibt, da an den Wochenenden die Kapazitäten vorhanden und die Preise attraktiv sind.

Ich habe kürzlich mit einem Vertreter der Tourismusbranche gesprochen, der meinte, der Diskurs um Overtourism sei in Bezug auf die Schweiz konstruiert. Wie sehen Sie das?
Die Schweiz ist aufgrund des hohen Preisniveaus sicher weniger anfällig für Overtourism. Aber es gibt schon auch einzelne Destinationen, wie zum Beispiel das Jungfraujoch, die trotz hoher Preise von sehr vielen Touristen besucht werden. Darunter kann dann das Erlebnis leiden. Auch in Luzern kann es passieren, dass man rund um Kapellbrücke von extrem vielen Touristen umgeben ist. Ich denke daher schon, dass es Anzeichen von Overtourism punktuell in der Schweiz gibt. Aber andere Länder haben deutlich mehr damit zu kämpfen.

Findet die Thematik in der Tourismusbranche Widerhall?
Ich glaube, die Branche ist auf jeden Fall sehr gut für das Thema sensibilisiert. Zudem positioniert sich die Schweiz auch landesweit als Gegenmodell zum Overtourism, nach dem Motto: «Wenn ihr genug habt von Menschenmassen, dann kommt in die ruhige Schweiz und erholt euch.» Aber es ist natürlich auch die Krux der Sache, dass, wenn dieses Modell funktioniert, man genau das produziert, was man behauptet, nicht zu sein. Deshalb würde ich nicht ganz generell sagen, dass die ganze Overtourism-Debatte konstruiert ist. Ich denke, man muss sie im Auge behalten.

Lisa Gianotti

Beim Betrachten einer zerbrechlich verkrampften Hand von Egon Schiele hat sich Lisa Gianotti dazu entschieden, Kunstgeschichte zu studieren. Von der schwerwiegenden Nebeldecke über dem Aargau ist sie der Sonne nach Basel gefolgt. In Museen findet sie die Ruhe, die in ihrem Kopf nicht immer herrscht. Wenn sich keine Leinwand vor ihren Augen befindet, dann tönen Klänge im Ohr. Sie würde gerne seltener Seminararbeiten und öfter Gedichte schreiben und ist in allem, was sie tut, nur halb so schnell wie ihre Mitmenschen.

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