„Man verpasst nichts in der Schweiz, wenn man ins Ausland geht“

Ein Jahr als Erasmusstudentin in Bordeaux

Nicht an jeder medizinischen Fakultät ist das Angebot für Eramusaufenthalte so ausgebaut wie in Basel. Meine Mitstudentin Simona ist eine von denjenigen, die das vierte Studienjahr im Ausland verbracht haben. Zwei Semester hat sie in der französischen Atlantikstadt Bordeaux Medizin studiert. Ich habe mich mit ihr getroffen und über ihre Erlebnisse und Erfahrungen gesprochen.

Simona, was hat dich dazu bewogen, nach Bordeaux zu gehen?
Ich bin sehr gerne im Ausland, daher war es eigentlich keine Frage, dass ich, wenn möglich, einen Erasmusaufenthalt in mein Studium einbaue. Als Baslerin habe ich bereits mein ganzes Leben hier verbracht. Ein Jahr im Ausland bot mir also eine willkommene Gelegenheit zum Tapetenwechsel. Für Bordeaux habe ich mich entschieden, weil ich meine Französischkenntnisse verbessern wollte. Zudem ist das Medizinstudium in Frankreich sehr praktisch aufgebaut und ich hatte Kontakt zu Studierenden, die schon vor mir ein tolles Jahr dort verbracht haben.

War es schwierig, den Aufenthalt zu organisieren?
Das Studiendekanat in Basel hat sich sehr bemüht, mir und den anderen Studierenden ein Erasmusjahr zu ermöglichen. Nachdem ich meine Bewerbung geschrieben hatte, galt es, ein Auswahlgespräch zu absolvieren, in dem meine Motivation überprüft wurde. Etwas schwieriger war die Organisation mit der Universität Bordeaux. Ich musste einen Sprachnachweis (DELF B1) erbringen und mich um die Auswahl der Themenblöcke kümmern, damit mir das Studienjahr hier in Basel anerkannt wurde. Da halfen mir aber vor allem meine Vorgänger, die schon wussten, welche Fächer ich wie belegen musste, damit am Schluss alles klappt.

Du hast gesagt, das Studium in Frankreich sei sehr praktisch aufgebaut. Was waren denn die grössten Unterschiede zwischen dem Medizinstudium in Basel und demjenigen in Bordeaux?
In Frankreich verbringt man ab dem vierten Studienjahr jeden Vormittag als „Externe“ im Spital. Man ist jeweils einige Wochen auf der gleichen Station und hilft bei der Stationsarbeit mit. Das ist viel mehr, als wir Schweizer Studierende gewohnt sind. Ich hatte von Anfang an meine eigenen Patienten, die ich jeden morgen untersuchen und auf der Visite vorstellen musste. Das war vor allem zu Beginn ein ziemlicher Sprung ins kalte Wasser, da mich das Studium in der Schweiz noch nicht sehr gut auf diese Aufgaben vorbereitet hatte. Dazu kam, dass ich am Anfang doch noch etwas Mühe mit dem hohen Sprachtempo der Franzosen hatte. Dafür hatte ich sehr viel Zeit für meine Patienten und habe mich zwischendurch auch einfach ans Bett gesetzt und mit ihnen geplaudert. Denen war es oft langweilig und in dieser Zeit haben sie mir dann Französisch beigebracht. So wurde ich schnell besser. Am Nachmittag hatten wir jeweils Vorlesungen. Im Gegensatz zur Schweiz, wo uns die Professoren viel zu seltenen Krankheiten erzählen, wird in Frankreich der Schwerpunkt vielmehr auf die für uns später als Assistenzärzte „relevanteren“, weil häufiger vorkommenden Erkrankungen gesetzt. Zu jeder häufigen Krankheit haben die Franzosen zwei Stunden Vorlesung. Auch erzählen die Professoren nicht so viel über ihre eigene Forschung, wie sie das hier in Basel tun.

Wie gut bist du mit deinen französischen Mitstudierenden in Kontakt gekommen?
Am Anfang kommt es vor allem darauf an, wie nett und offen die anderen ‚Externes‘ sind, die mit einem auf der gleichen Station eingeteilt sind. Ich glaube, dass da die Franzosen den Schweizern ganz ähnlich sind. Die stürzen sich nicht auf  neue Gesichter. Viele Erasmusstudierende aus anderen Ländern müssen die französischen Prüfungen nicht mitschreiben und werden daher von den Franzosen nicht ganz ernst genommen. Bei mir war es anders: Damit mir das Jahr anerkannt wurde, musste ich die Prüfungen in Frankreich mitschreiben. Die ganze Lernzeit verbrachte ich mit meinen französischen Kommilitoninnen in der Bibliothek und wurde zur ‚Leidensgenossin‘ – das schweisst natürlich zusammen. Vor den ersten Semesterprüfungen hatte ich vor allem mit den anderen Erasmusstudis zu tun. Das änderte sich nach den ersten Prüfungen im Winter, mein französischer Freundeskreis wurde dann schnell grösser.

Was würdest du jemandem raten, der sich überlegt ein Erasmusjahr zu machen?
Auf jeden Fall gehen! Man verpasst nichts – nach meiner Rückkehr war in Basel immer noch alles gleich. Weg von zu Hause hat man viel weniger soziale Verpflichtungen. Da kann man viel spontaner sein und Dinge ausprobieren, die man vielleicht zu Hause nicht unbedingt machen würde. Es ist schön, sich einen internationalen Freundeskreis aufzubauen. Generell sind andere Erasmusstudierende ja Gleichgesinnte, die an Kultur und Sprache eines anderen Landes interessiert sind. Da findet man sich sehr schnell. Ich hatte viel Kontakt mit meinen Freunden und meiner Familie zuhause, sowohl per Telefon als auch Besuch. Das muss jeder selbst entscheiden: Wenn man Besuch hat, ist man schon weniger spontan. Aber ich hab es doch sehr genossen. Persönlich und fachlich hat mir das Jahr in Bordeaux sehr viel gebracht. Ich denke, dass ich viel gelassener aufs Wahlstudienjahr schauen kann, weil ich nun schon viel praktische Erfahrung gesammelt habe.

 

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