Joghurt im Küchenschrank

Episoden aus einer Multikulti-WG

Ich staunte nicht schlecht, als mich eines morgens aus dem Küchenschrank mehrere Becher Fruchtjoghurt anlachten. Gleichzeitig war im Kühlschrank kein Platz für eine Flasche Milch zu finden, weil es sich dort bereits eine Familienpackung Toastbrot gemütlich gemacht hatte.Meine indische Mitbewohnerin Komal – damals neu in der Schweiz – hatte es dort versorgt. Noch am gleichen Tag führte ich mit ihr, die zu den allermeisten Mahlzeiten Joghurt  isst, ein interessantes Gespräch über die Unterschiede zwischen indischem und schweizerischem Joghurt. Den Indischen bewahrt man offenbar auch bei grosser Hitze ungekühlt auf. In der Schweiz schmecke es doch ziemlich anders, meinte sie.  Irgendwie saurer. An was das wohl liegen mag?

Ja, ich wohne in einer WG. Meine Mitbewohnerinnen sind neben PhD Studentin Komal aus Indien, auch Anna aus Deutschland, die für den Master ihren Studienort nach Basel verlegt hat und eine zweite Schweizerin, die ebenfalls Medizin studiert.

Nach dem Einzug von Komal und Anna im letzten Sommer haben sich bei uns einige Dinge verändert: Verkleinert hat sich die Zahl der gebrauchten Bebbi-Säcke, denn Anna führte uns in die deutsche Kunst des Mülltrennens ein. Klar – in der Schweiz ist das nicht ganz so praktikabel, wie sie sich das von zu Hause gewohnt ist. Trotzdem: Anna ermahnt mich immer mal wieder daran, die leere Packung Mehl ins Altpapier zu schmeissen. Dass Kleinvieh auch Mist macht, merkt man schnell und so stapeln sich Ende des Monats jeweils Berge von Altpapier in unserer Küche.

Wie sehr sich allerdings die Recycling-Fabrik darüber freut, sei mal dahin gestellt. Als Schweizerin muss man ja schon ein schlechtes Gewissen haben, wenn das Altpapier mal nicht ganz perfekt gebündelt vor der Haustüre liegt. Tatsache ist aber: Mehr Sachen in der Papiersammlung = weniger Abfall = weniger gekaufte Bebbisäcke.

Vergrössert hat sich dagegen unser «Gewürzrepertoire». Um ein Vielfaches! Dal? Kümmelreis? Chicken Tikka Masala? In unserer WG gar kein Problem – in unserem Küchenschrank findet man dank Komal fast jedes, noch so ausgefallene Gewürz. Gleichzeitig wurden wir aber auch zu der Wohnung, aus der es im Mehrfamilienhaus manchmal nach Essen riecht (Ihr habt alle sicher auch solche Nachbarn). Komal kocht gerne ab und zu ein mehrgängiges, indisches Menü für ihre Freunde und uns. Ich wundere mich dann jeweils, dass unser Küchentisch unter der grossen Anzahl von Curries, Dal, Reis und selbstgemachtem Brot noch nicht zusammengeklappt ist.

Nach einiger Anlaufzeit verschwanden die Joghurts allmählich aus dem Küchenschrank (sie schmecken nun auch wieder besser). Auch das tägliche Toastbrot-Tetris beim Kühlschrankeinräumen gehört der Vergangenheit an. Geblieben sind interessante Gespräche und das Gefühl der weiten Welt hinter unserer WG-Tür.

 

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