«Ist Sex schön?»

Kondome, Lecktüchlein, Chlamydien: Achtung Liebe! «Achtung Liebe», so heisst auch ein Verein von Studierenden, die Aufklärungsunterricht in Schulklassen durchführen. Wie so eine Aufklärung abläuft, was für interessante Fragen dabei gestellt werden und wie es ist, vor Jugendlichen über Sex zu sprechen, liest du in meinem Erfahrungsbericht:

Der Verein «Achtung Liebe» hat viele verschiedene Aufgaben: Er ist am International Day against Homophobia and Transphobia und am World Aids Day präsent und setzt sich für die Gleichberechtigung von homosexuellen, bisexuellen, trans* und inter* Menschen ein. Die Hauptaufgabe des Vereins liegt aber darin, Jugendliche über Sexualität aufzuklären. Dafür gehen die Studierenden in Schulklassen (6. Klasse bis Matur), beantworten intime Fragen, besprechen Geschlechtskrankheiten und erläutern, wie man sich davor schützen kann. Ich war einmal mit dabei und habe einiges zu berichten:

«Achtung Liebe» auf Mission
Es ist früh am morgen und ich radle in Eiseskälte zu einem Schulhaus in der Region, meine Mission: Aufklärung. An roten Ampeln überlege ich mir, ob ich im Verlaufe des Morgens auch rot anlaufen werde, aber da wird sie auch schon wieder grün und ich muss mich auf die Strasse konzentrieren. Im Klassenzimmer angekommen bekomme ich von den beiden heutigen «Achtung Liebe»-Aufklärern Jeannette und Patrick eine kurze Übersicht über den Verlauf des Unterrichts: «Normalerweise dauert ein Aufklärungsunterricht vier Stunden. Am heutigen Morgen müssen wir das Wichtigste auf zwei Stunden abkürzen, weshalb wir die Klassenlehrerin schon damit beauftragt haben, die Anatomie im Voraus zu besprechen. Dabei hätten wir so viele tolle Spiele!»

So sieht ein normaler Plan aus die heutigen Schwerpunkte sind fett gedruckt:

  • Ice-Breaker Spiel
  • Regeln aufstellen
  • Anatomie und Pubertät, Zyklus, Schwangerschaft, Abruptio
  • Verhütung
  • Geschlechtskrankheiten
  • Sexuelle Orientierung, sexuelle Identität und Gender
  • Pornographie (je nach Alter der Jugendlichen)
  • Geschlechtergetrennter Teil

Gespannt erwarte ich die ersten Schülerinnen und Schüler und blicke dabei auf die langsam tickende Uhr. Da kommen sie schon: präpubertäre und pubertäre Jugendliche, die unterschiedlicher kaum sein könnten. Pickel, glatte Haut, Bartflaum, Brüste, Brustkörbe, Schminke, Zahnspange… Mein erster Gedanke ist: «Zum Glück habe ich das schon hinter mir», und fast gleichzeitig entwickle ich einen noch nie zuvor erlebten Mutterinstinkt, der innerlich schreit: «Keine Angst ,mein Schatz! Es kommt alles gut!» Da fliegt mir auch schon die erste Hand entgegen, die meine drückt, und zwei Augen erforschen mein Gesicht. «Grüezi!» Süss.

08:15, Zeit über Sex zu sprechen
Einige Hände später sitzen wir in einem Kreis versammelt. Jeannette und Patrick erklären, dass alles, was während der zwei Stunden gefragt, gesagt und besprochen wird, den Raum nicht verlässt. «Findet ihr auch, dass es Regeln braucht für den heutigen Unterricht?» Einander ausreden lassen, nicht auslachen, nicht gleichzeitig sprechen. Wir sind startklar.

Das ABC-Spiel
Wir beginnen mit dem ABC-Spiel. An der Wandtafel ist das ganze Alphabet aufgereiht und die Schülerinnen und Schüler haben den Auftrag, ein Wort zu jedem Buchstaben aufschreiben, welches irgendwie mit Sexualität zu tun hat. Die Jugendlichen sind von Anfang an Feuer und Flamme. Schnell stand schon Liebe neben L und neben E ‚Eregen‘ (ja, mit einem r). Nach fünf Minuten setzen wir uns wieder in den Kreis und besprechen alle Wörter und noch leere Lücken. «Kann mir jemand erklären, was B ein Blowjob ist?», fragt Patrick in die Runde. Peinliches Schweigen, gesenkte Blicke. Nach einer gefühlten Ewigkeit murmelt jemand: «Das weiss doch jeder… » «Wenn man einen Mann oral befriedigt», erklärt Patrick trotzdem und das war wohl gut so, denn zwei, drei schauten bei der Erklärung interessiert hoch. Die Pubertät kann so unterschiedlich sein. Spätestens bei «Tittenfick» gab es dann Gelächter und auch die Erklärung konnte nicht ohne unterhaltsame, veranschaulichende Gesten durchgeführt werden.

Verhütung und Geschlechtskrankheiten

«Was kennt ihr denn für Geschlechtskrankheiten?» HIV/Aids, Syphilis, Chlamydien, Hepatitis, Herpes… Grippe. «Grippe ist keine Geschlechtskrankheit. Du hast recht, man kann sich beim Sex mit Grippe anstecken, aber der Hauptansteckungsweg von Grippe ist nicht Sex.»

Bei der Frage, welche Körperflüssigkeiten Geschlechtskrankheiten übertragen können, schlagen sich die Schülerinnen und Schüler gut. Nur der Mythos Urin muss aufgeklärt werden und die Muttermilch wird vergessen.  «Kennt jeder das sogenannte Lecktüchlein?», nimmt es Patrick wunder und zaubert sogleich eines aus der mitgebrachten Sporttasche voller Kondome, Plüsch-Geschlechtsorganen und Modellen hervor. Gelächter. Er entfaltet es und lobt es mit ’sehr dünn‘, ‚Penetration gut spürbar‘. Da kommt die Frage: «Kann man da nicht einfach ein Taschentuch benutzten?» Nein, das schützt nicht vor Geschlechtskrankheiten. «Dann vielleicht einen Plastiksack?» Da leidet die Penetration. Immer mehr Fragen werden gestellt, Hemmungen abgelegt, der Erfindungsgeist wird geweckt.

10 Schritte bis zum ersten Mal
Danach folgt ein weiteres Spiel: 10 Schritte bis zum ersten Mal. Die Klasse wird in zwei Gruppen aufgeteilt, worin sie dann die zehn Schritte bis zum ersten Geschlechtsverkehr miteinander definieren und aufschreiben sollen. Darauf standen Sachen wie: Erstes Date, zweites Date, erster Kuss, etwas schönes Erleben, Streit und den Eltern vorstellen. Mein Mutterinstinkt war zufrieden. Während dem Spiel diskutieren die Jugendlichen, was man wann machen sollte und was nicht. Erstaunlicherweise waren die Vorstellungen von Jungs und Mädels gar nicht so verschieden.

 

Die Büchse der Pandora
Die Jugendlichen hatten einige Tage zuvor die Gelegenheit, ihre Fragen anonym in die sogenannte Fragebox einzuwerfen. Nun bin auch ich gefragt: Einmal trocken schlucken, räuspern, Griff in die Kiste: Das war wohl mein Moment zum Erröten.

«Was erregt Männer?», «Wie befriedigt man sich am besten selbst?» (das war übrigens meine erste Frage, ∗räusper∗), «Was ist besser: Sex oder Selbstbefriedigung?», «Ist Sex schön?» und noch vieles mehr stand auf den Zetteln. Bei Fragen wie: «Wie kriegt man eine Freundin?», schmolz mein Herz dahin. Neben mehr nützlichen Informationen wie ‘nett und aufmerksam sein, ihr zeigen, dass du sie magst‘, hätte ich jeden am liebsten einzeln umarmt und die Supremes zitiert ‚You can’t hurry love, you just have to wait…‘. Das wäre weniger nützlich gewesen. Mütter kann ich jetzt schon viel besser verstehen, als das noch vor zwei Stunden der Fall war.

«Wie kriegt man grössere Brüste?», lautete ebenfalls eine Frage, woraufhin Jeannette antwortete: «Die Brüste wachsen in der Pubertät. Es ist möglich, dass die Brüste noch nicht ausgewachsen sind und es einfach noch ein wenig Zeit braucht. Es kann auch sein, dass die Brüste nie besonders gross werden, aber das ist dann auch gut so. Ihr seid schön, genauso wie ihr seid.»

Zum Abschluss durfte jeder noch ein Kondom über eine Banane ziehen, sie zu essen war fakultativ, und somit die Stunde vorbei.

All you need is love
Es waren zwei sehr intensive, aufregende Stunden in der Klasse, wo auch ich vieles gelernt habe. Sexualität ist kein Tabuthema, man muss darüber reden. Um das zu vermitteln, braucht es so offene Menschen wie Jeannette und Patrick von «Achtung Liebe»! Wenn du das auch so siehst und dich gerne engagieren willst, findest du alle Informationen auf der Website. Sonst entlasse ich dich mit einem Zitat von Seneca: «Willst du geliebt werden, so liebe!»

Josefin Kaufmann

Mit viel intrinsischer Motivation studiert Josefin Kaufmann Medizin; der Schlüssel zum Erfolg ist der Kaffee. Bunt gekleidet, oft zu spät, immer am Lachen. Obwohl sie es geniesst, Köstlichkeiten zu schmausen, befindet sich oft nur Licht und Senf in ihrem Kühlschrank. Auf dem Fahrrad recht gefährlich unterwegs, sind Sonntagsfahrer und rote Ampeln ihr ein Dorn im Auge. Fahrradhelm ist aber ein Muss, Medizinstudium sei Dank.

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