«Ich kann nicht in Worte fassen, was mir dieser Schritt bedeutet»

Das Bildungssystem soll für alle offen sein, auch für geflüchtete Menschen. Dafür setzt sich der studentische Verein Offener Hörsaal an der Universität Basel ein. Er ermöglicht momentan pro Semester bis zu 20 Geflüchteten, Vorlesungen als Hörerin oder Hörer und einen Sprachkurs zu besuchen. Viele Teilnehmende wurden vom Lockdown jedoch besonders getroffen und konnten das Programm nicht absolvieren. Dies möchten sie nun nachholen. Deshalb hat der Offene Hörsaal eine Crowdfunding-Kampagne lanciert.

Mein Blick gleitet von Tisch zu Tisch, an unbekannten Gesichtern vorbei, als ich die Eingangshalle im Unternehmen Mitte betrete. Ich bin mit Lujain, Rea und Silvan vom Offenen Hörsaal verabredet. Rea und Silvan kenne ich bereits vom Studium, sehe sie aber nirgends. Irgendwann entdecke ich, wie mir jemand herzlich und in grossen Bögen zuwinkt. Das muss Lujain sein.

Ich mag Lujain, noch bevor ich neben ihr am Tisch Platz nehme und beeindruckt ihrer Geschichte lausche. Stolz erzählt sie mir, dass sie im Herbst ihr Masterstudium in Epidemiology an der Universität Basel antreten wird, nachdem sie zwei Semester am Hörer*innen-Programm teilgenommen hat.

Wer dort aufgenommen wurde, darf während zwei Semester jeweils drei Kurse an der Universität Basel besuchen, ohne jedoch Prüfungen zu absolvieren. Zusätzlich können alle Teilnehmenden am Sprachenzentrum an einem auf ihr Niveau abgestimmten Deutschkurs teilnehmen und bekommen sogenannte Buddies zugeteilt. Das sind Studierende, die den geflüchteten Menschen im Studium und Alltag mit Rat und Tat zur Seite stehen. «Zum Glück!», wie Lujain mir lachend erzählt, «Ich habe das Buddy-Programm sehr geschätzt. Manchmal habe ich einfach jemanden gebraucht, dem ich meine albernen Fragen stellen musste.»

Der Weg zum regulären Studium
Lujain ist eine der zahlreichen Teilnehmenden des Offenen Hörsaals, die durch das Hörer*innenprogramm ihren Weg zu einem regulären Studium an der Universität Basel gefunden haben.

Sie ist 33 Jahre alt und wohnt in einem kleinen Dorf im Kanton Solothurn. Lujain ist in Syrien geboren und in Kuwait aufgewachsen. Nach dem Schulabschluss kehrt sie für ein fünfjähriges Studium der Zahnmedizin nach Syrien zurück und schliesst dies kurz vor Ausbruch des Krieges ab. Sie geht zurück nach Kuwait, erhält erst nach Monaten ihre Abschlussdokumente und lässt sich mit viel Mühe ihr Diplom anerkennen. In Kuwait einen Job als Zahnärztin zu finden, sei nicht einfach gewesen, erklärt sie mir, deshalb habe sie zunächst in verschiedenen Pharma-Unternehmen gearbeitet. Irgendwann sollte es dann doch noch klappen. Lujain arbeitet zwei Jahre als Zahnärztin in Kuwait, bevor sie 2018 in die Schweiz kommt.

«Als ich hier angekommen bin, war mein Ziel, auch hier als Zahnärztin zu arbeiten.» Das sollte sich jedoch schwieriger herausstellen als angenommen. Zufällig erfährt Lujain über eine Freundin vom Offenen Hörsaal und bewirbt sich erfolgreich. Sie ändert ihre Pläne und entscheidet sich, einen Master in einem anderen Feld zu absolvieren. «Es ist sehr schwierig, mein Diplom gewissermassen zu ignorieren, aber ich sehe momentan mehr Chancen für mich, wenn ich erst einmal einen anderen Weg einschlage.» Vielleicht werde sie sich eines Tages ihr Diplom doch noch anerkennen lassen: «Diese Tür bleibt einen Spalt breit geöffnet, nur gehe ich aber durch eine andere.»

Gleiche Chancen – auch während der Pandemie
Bis zu 20 Geflüchtete mit akademischem Hintergrund oder Studieninteresse können pro Semester am Hörer*innenprogramm teilnehmen, Tendenz steigend. Das sei mitunter auch ein Grund, weshalb der Verein am 10. August eine Crowdfunding-Kampagne lanciert hat, erklären mir Rea und Silvan vom Vorstand des Offenen Hörsaals.

«Eigentlich kann man nur zwei Semester am Hörer*innenprogramm teilnehmen. Wir vom Vorstand fanden jedoch, dass es nicht fair wäre, das vergangene Semester mitzuzählen, da es vielen durch die Quarantäne verunmöglicht wurde, weiterhin am Sprachkurs oder den Vorlesungen teilzunehmen», erklärt Silvan. Probleme mit dem Computer, nicht funktionierendes Internet in Asylunterkünften, keine ruhigen Lernräume: Das waren nur einige der Hürden, die es den Teilnehmenden erschwerten, weiterhin das Programm zu absolvieren. «Viele hatten während der Quarantäne auch mit existentiellen Problemen zu kämpfen, da wird Bildung plötzlich zweitrangig», ergänzt Rea.

Im kommenden Semester will der Offene Hörsaal seine Teilnehmendenzahl von 20 auf 30 erhöhen, um der gesteigerten Nachfrage Rechnung zu tragen und all jenen, die aufgrund der ausserordentlichen Lage im vergangenen Semester kaum zum Studieren kamen, eine zweite Chance zu ermöglichen. Um das nächste Semester mit mehr Teilnehmenden finanziell stemmen zu können, braucht der Verein finanzielle Unterstützung – er braucht euch.

Studieren kostet Knete
Wir alle wissen es aus erster Hand: ein Studium finanziert sich nicht von selbst und kostet leider meist mehr als den Notgroschen, den man sich zu Beginn des Semesters zur Seite gelegt hat. Diese finanziellen Hürden will der Offene Hörsaal für geflüchtete Menschen abbauen. Er kommt für die Hörer-Gebühren auf, für Fahrtkosten, den Sprachkurs und die Beschaffung von Kursmaterialien. Für die Teilnehmenden ist diese finanzielle Unterstützung essenziell. «Wer sich in einem Asylverfahren befindet, hat kaum Hoffnung, jemals wieder zu studieren. Man trägt seine Vergangenheit mit sich, lebt mit sehr wenig Geld und spart höchstens einmal für einen Ausflug nach Basel. Sich ein Studium zu finanzieren ist in dieser Situation undenkbar», so Lujain.

Doch wie finanziert sich der Offene Hörsaal eigentlich, wenn er nicht gerade ein Crowdfunding lanciert? «Ein grosser Teil des Budgets setzt sich aus Stiftungsgeldern zusammen. Während der Corona-Zeit war das Beantragen von Stiftungsgeldern jedoch sehr schwierig, da viele Stiftungen keine Sitzungen abhielten, um zu entscheiden, wem sie Gelder sprechen», führt Silvan aus. «Zudem sind Stiftungsgelder auch unsicher, da sie immer wieder neu beantragt werden müssen», ergänzt Rea. Ein marginaler Anteil des Budgets bestehe zudem aus Beiträgen von Mitgliedern und der Gönnerschaft.

Engagement und Motivation
Chancengerechtigkeit und Zugang zu Bildung für alle, auch für jene, die es sich selber nicht leisten könnten. Das ist der Anspruch des Offenen Hörsaals, doch bei unserem Gespräch merke ich schnell, dass das Engagement des Vereins weit über dessen Kernaufgaben hinausreicht. Der Offene Hörsaal ist ein niederschwelliger Ansprechpartner und eine Vermittlungsinstanz, die sich auch in ausserordentlichen Situationen für die Teilnehmenden einsetzt.

Er ist Treffpunkt und bietet Austausch, Freundschaft und für viele vor allem Zusammenhalt und Motivation, wie mir Lujain erklärt. «Das Team des Offenen Hörsaals leistet wichtige Arbeit, weil sie uns ständig motivieren, nicht aufzugeben und dranzubleiben. Sie sagten uns ‘Ja, du kannst das schaffen!’, während wir uns dachten ‘Aber ich kann mir doch nicht einmal das Zugticket nach Basel leisten…’ Ich weiss nicht, wie sie das schaffen, denn wir sind viele Teilnehmende, aber es ist ihnen immer gelungen, uns zur Seite zu stehen und zu motivieren.»

Das Team des Offenen Hörsaals ist engagiert und hat möchte seine Vision des strukturellen Wandels umsetzen. Der Verein, die Teilnehmenden und die Arbeit des Offenen Hörsaals müsse an der Universität Basel präsenter werden, erklärt mir Rea, «denn nur dann kann auch ein richtiger Austausch entstehen, der für uns alle so wichtig ist.» Silvan hakt ein: «Wir wünschen uns, dass Strukturen geschaffen werden, die den Zugang zur Universität Basel für Geflüchtete erleichtern; dass eine geflüchtete Person, die studieren möchte und einen akademischen Hintergrund hat, keine Ausnahme mehr darstellt.»

Lujain ist ein Vorzeigebeispiel dafür, wie durch die Arbeit des Offenen Hörsaals Perspektiven aufgezeigt und Umwege erklärt werden konnten. Für Lujain beginnt im Herbstsemester ein neuer Lebensabschnitt, dem sie eifrig entgegenblickt: «Ich kann nicht in Worte fassen, was mir dieser Schritt bedeutet.» Hinsichtlich der aktuellen Situation ist es zwar eher unwahrscheinlich, doch wer weiss, vielleicht werde ich ihr im Kollegiengebäude einmal über den Weg laufen und – um ihre Aufmerksamkeit zu erhaschen – herzlich und in grossen Bögen zuwinken.

Die wemakeit-Kampagne des Offenen Hörsaals findest du hier. Ob mit einem fixen oder freien Betrag, der Offene Hörsaal ist dankbar für jede Unterstützung.

Lisa Gianotti

Beim Betrachten einer zerbrechlich verkrampften Hand von Egon Schiele hat sich Lisa Gianotti dazu entschieden, Kunstgeschichte zu studieren. Von der schwerwiegenden Nebeldecke über dem Aargau ist sie der Sonne nach Basel gefolgt. In Museen findet sie die Ruhe, die in ihrem Kopf nicht immer herrscht. Wenn sich keine Leinwand vor ihren Augen befindet, dann tönen Klänge im Ohr. Sie würde gerne seltener Seminararbeiten und öfter Gedichte schreiben und ist in allem, was sie tut, nur halb so schnell wie ihre Mitmenschen.

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