Der Tag danach!

Bei vielen ist dieser wundervolle Tag bereits gekommen, andere warten noch sehnsüchtig auf den Moment: Dem Examinator grinsend wie ein Honigkuchenpferd die letzte Prüfung zu überreichen und sich dabei selber bereits beim nächsten Festival tanzen sehen. Freiheit! Freiheit, verrückte Dinge zu tun, die Sonne zu geniessen, zu fühlen statt zu denken. Doch wo fängt man da an? Wie ich den Tag nach der letzten Prüfung erlebt habe und wieso Schauspieler die Helden bei mündlichen Prüfungen in der Medizin sind, liest du hier:

Die letzte Hürde
Meine letzte Prüfung war eine mündliche Prüfung, die sogenannte OSCE. Wenn Medizinstudierende an OSCE denken, wissen sie nicht genau, ob sie lachen oder weinen sollen. Denn einerseits sind es die unterhaltsamsten mündlichen Prüfungen, die man sich nur vorstellen kann, andererseits können sie einen ganz schön ins Schwitzen bringen, vor allem Ende Juni.

Die Prüfung läuft folgendermassen ab: Ein Gong ertönt, man darf sich die Aufgabe durchlesen, betritt danach ein kleines, stickiges Zimmer, wo bereits mehrere andere Studierende vor einem versucht haben, so charmant und kompetent wie möglich zu sein, und erledigt innerhalb von acht Minuten die gestellte Aufgabe. Danach gibt es zwei Minuten Pause und dann geht’s schon ab ins nächste Zimmer. Dabei muss man alles – wirklich alles – laut vor sich hin plappern. Die Aufgaben können zwischen Lungenfunktionstests über Blutentnahme, Entscheidungsfindungsgespräche und Reanimation aus praktisch allem bestehen. Das Tolle daran: Man untersucht/redet mit Schauspielern – und Schauspieler sind super:

An meinem letzten Posten musste ich die Pupillen und Blickmotorik bei einer Dame untersuchen, die laut Aufgabenstellung Doppelbilder sah – natürlich nur rein hypothetisch. Folglich leuchte ich der Schauspielerin mit meinem grellen Licht in die Augen und beobachte ihre Pupillen. Die Pupillen sind winzig, schon bevor ich sie mit meinem Lichtstrahl massakriere. Ich bin verwirrt. Das ist nicht normal.

«Ich mache noch das Licht im Zimmer an, ich kann kaum etwas erkennen», sage ich laut mit ein wenig Hoffnung, dass einfach ich diejenige mit den Augenproblemen sei, nicht die Patientin, und bin weiterhin verwirrt. Auch beim zweiten Beleuchten verändert sich natürlich nichts an der Lage. «Ihre Pupillen sind sehr klein und reagieren nicht auf Licht beziehungsweise kein Licht», stelle ich mit einer stark verlangsamten Redegeschwindigkeit und einem deutlichen Fragezeichen am Ende des Satzes fest. Dann passiert es: Die Schauspielerin zwinkert mir zu! Heureka! Schauspieler sind super.

Die Zeit läuft mir davon und in den letzten Sekunden fasse ich meine Befunde kurz für die ‚Patientin‘ zusammen: « … das muss man natürlich weiter abklären. Haben Sie irgendwelche Fragen?» Sie verneint, ich reiche ihr die Hand. Mein Gesicht ist von einem breiten Grinsen verzerrt. Die Schauspielerin sieht bestimmt, dass ich meine Weisheitszähne nicht mehr habe. Dem Drang, meine Freude kund zu tun, kann ich nicht widerstehen und es platzt aus mir heraus: «Ich habe jetzt Ferien! [Pause] Ferien!» Kurzerhand umarme ich die Schauspielerin, die sich in Schockstarre gut umarmen lässt, drehe mich zum Examinator um, grinse, repetiere «Ferien!» und verlasse das Zimmer mit einem «Einen wuuunderschönen Tag noch!» mehr hüpfend als laufend und begebe mich die Treppe hinunter, begleitet von schallendem Gelächter aus dem Prüfungsraum.

Freiheit – Was nun?
Ich sollte hier über den Tag nach der letzten Prüfung berichten, nicht vom Abend danach. Deshalb überlasse ich diesen Teil deiner regen Fantasie und fahre gleich mit dem Morgen danach fort: Stille. Kein Wecker, nur meine innere Uhr, die extrem aus dem Takt geraten ist und etwas verlangsamt läuft. Irgendwann stehe ich dann doch auf, obwohl mir der Gedanke, für den Rest meines Lebens im Bett zu bleiben, auch schon durch den Kopf gegangen ist. Ich atme durch. Mit einem müden Lächeln auf den Lippen mache ich mir eine grosse Tasse Kaffee. Zu mehr reicht meine Unternehmungslust in diesem Moment gar nicht aus. So wäre ich wahrscheinlich verharrt, bis mir mein Gewissen genug oft «Zimmer aufräumen» zugeflüstert hätte. Aber dann kommt die Nachricht: «Het öper lost zum brunche?»

Das tun, was man schon immer einmal tun wollte!
Vor dem Brunchen ist noch ein kurzer Schwumm in einem Brunnen angesagt – etwas, was wir noch nie gemacht haben. Nachdem wir einige eigentlich gemütliche Brunnen leer vorfinden, beschliessen wir, uns in aller Öffentlichkeit vor dem Kunstmuseum abzukühlen. Kleider runter und ab ins Wasser. Kalt ist es, aber herrlich erfrischend! Das kalte Nass eweckt neues Leben in mir: Der Sommer kann kommen!

Auf dem Weg zum Einkaufen kommen wir an einem kleinen Café mit zwei kleinen Klappstühlen auf der Strasse stehend vorbei. «Woah, jetzt ein Kaffee wäre echt klasse!» «Hier wollte ich schon immer mal sitzen!» Gesagt, getan. Wegen einem nicht funktionierenden Kreditkartenlesegerät bekommen wir sogar einen gratis Cookie. Warmer Kaffee, ein Cookie, zwei süsse Klappstühle und ein wirklich guter Freund, mehr braucht es nicht. Das Leben ist schön.

In der Wohnung meines Kollegen durchzieht Kaffeduft den Raum und die Pilze zischen bereits in der Pfanne «Wie magst du deine Eier? Gekocht? Spiegelei? Rührei?» Gerade als mir «Spiegelei» auf der Zunge liegt, fügt mein Kollege hinzu: «Oder vielleicht ein pochiertes Ei?» «POCHIERT! Ich wollte schon immer einmal ein pochiertes Ei essen!» Ob pochierte Eier besser schmecken als andere oder ob es daran liegt, dass ich noch nie ein pochiertes Ei gegessen habe, weiss ich nicht. Aber der Brunch war fantastisch.

Wäsche machen wird überbewertet
Wieder zu Hause begrüsst mich ein muffiger Wäscheberg. «Ich hab dich auch vermisst», denke ich mir und mache mich auf den Weg, um die erste Maschine zu starten. Auf dem Weg in die Waschküche begegne ich meinen fast verschollen geglaubten Mitbewohnern inklusive Schwester. Da hat man einiges nachzuholen!

So endet mein Tag mit leckerem Hummus im Magen, guten Geschichten in den Ohren sowie viel Wärme in meinem Herz. Müde falle ich in mein nicht frisch bezogenes Bett. Mein Zimmer ist immer noch so chaotisch wie heute Morgen, der Wäschehaufen hat sich vermehrt und den Kaffeekonsum konnte ich nicht einschränken. In meinem Kopf herrscht aber wieder Ordnung, dank so vielen tollen Menschen, die mein Leben bereichern.

Josefin Kaufmann

Mit viel intrinsischer Motivation studiert Josefin Kaufmann Medizin; der Schlüssel zum Erfolg ist der Kaffee. Bunt gekleidet, oft zu spät, immer am Lachen. Obwohl sie es geniesst, Köstlichkeiten zu schmausen, befindet sich oft nur Licht und Senf in ihrem Kühlschrank. Auf dem Fahrrad recht gefährlich unterwegs, sind Sonntagsfahrer und rote Ampeln ihr ein Dorn im Auge. Fahrradhelm ist aber ein Muss, Medizinstudium sei Dank.

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