Das Zschokke-Haus: Wo die Seele zwischen Bergen baumelt

«In die Berge gehen.» Diese Redewendung steht hierzulande für eine ganz bestimmte Art von Urlaub: eine Auszeit in der Höhe, bei der man dem Alltag zwischen Weiden, Gipfeln und Kühen entflieht. Dort in den Bergen, genauer auf der Gerschnialp bei Engelberg, steht das Zschokke-Haus, ein für die Studentenschaft der Universität Basel errichtetes Berghaus. Diesen Herbst lädt es Studierende ein, die Region zu erkunden und entschleunigt ins Semester zu starten. Hier der Bericht meines Ausfluges nach Engelberg.


Wenn ich mit dem Zug in Luzern einfahre, fühle ich mich immer ein bisschen mehr in der Schweiz als zuvor. In der Zentralbahn, auf der Strecke Luzern-Engelberg sitzen Menschen in Funktionskleidung und kauen Landjäger: Sie sind bereit Berge zu erklimmen. Touristen ringen um Sitzplätze, schauen staunend zum Fenster raus und knipsen Fotos. Bald werde ich dasselbe tun.

An der Talstation stehen Menschenmassen, die auf den Titlis wollen, den «Mountain of Love», wie er in Bollywood-Filmen genannt wird, denen er seine Kulisse geliehen hat und die seither dafür sorgen, dass Engelberg ein beliebtes Ziel für indische Touristen ist.

Während mich die Standseilbahn den Berg hochfährt, muss auch ich zur Kamera greifen. Die Landschaft um Engelberg ist einer dieser Orte, die einem eine Kulisse offenbaren, der man nicht traut, die man anfassen muss, um sich zu versichern, dass sie echt ist. Oben angekommen bin ich von Stille umgeben und frage mich, ob man das Ticken der Uhren hier oben nicht hört? «Die Vögel werden dich am Morgen schon wecken», wird man mir später versichern.

Hier steht es also, das Zschokke-Haus, am Fusse des Titlis auf der Gerschnialp, im Sommer umgeben von grünen Tannen; im Winter versinkt es im Schnee. 1934 hat der Zoologie-Professor Friedrich Zschokke der Studentenschaft der Universität Basel 10’000 CHF geschenkt, um damit ein Ski- und Berghaus zu errichten, das zwei Jahre später eröffnet wurde und bis heute in der Landschaft steht.

Während der Skisaison herrscht hier reger Betrieb, denn viele der Schneesport-Kurse des Unisports finden im Zschokke-Haus statt. Dann muss Gracia Formela, die Gastgeberin des Hauses, plötzlich für 40 Personen Fondue kochen und dafür sorgen, dass müde Muskeln zu Kohlenhydraten finden.

Das Zschokke-Haus ist lauschig und liebevoll eingerichtet. In den Stühlen und Bänken im Speisesaal sind Namen eingraviert. Sie zeugen von all jenen Persönlichkeiten, die Geld für den Umbau des Hauses in den 80er Jahren gespendet haben. Studierende und Ehemalige, die am Zschokke-Haus hängen, weil sie dort Dinge erlebt haben, die sie nachhaltig geprägt haben und die auch weiteren Generationen ermöglicht werden sollten.

Einer von ihnen ist Marco Obrist, ehemaliger Leiter des Universitätssports. Er zeigt mir die holzvertäfelten Schlafsäle, Einzel- und Doppelzimmer, den Aufenthalts-, Ski- und Snowboardraum, die Garderobe und Küche und kommt dabei ins Schwelgen. Man merkt: Was hier erlebt wurde, sitzt tief. Seit 50 Jahren begleitet ihn das Haus und bescherte ihn viele unvergessliche Momente. «Wir wurden auch schon Verkupplungsinstitut genannt, hier haben schon viele zueinander gefunden», erzählt er mir. In den Räumen des Zschokke-Hauses scheint es fast, als hätten die Wände das Echo angeregter Unterhaltungen und schallenden Gelächters gespeichert.

Ausserhalb der Wintersaison stehen diese Räume jedoch grösstenteils leer. Das will die Stiftung des Zschokke-Hauses dieses Jahr ändern und lanciert eine Aktion, bei der Studierende vom 16. September bis zum 10. Oktober zu vergünstigten Preisen im Zschokke-Haus nächtigen und speisen können. Denn auch bei milderen Temperaturen bietet die Region zahlreiche Freizeitangebote. Neben Wandern, Klettern und Biken kann man zahlreiche Käsereien besuchen, in Molke baden (ja, das wird tatsächlich angeboten!), mit dem Trotti-Bike den Hügel hinab fetzen oder aber sich entspannt in eine Wiese legen und den Tag mit Seiten zwischen den Fingern ver-lesen. Denn nicht zuletzt führt Abstand von Hektik und Alltag meist direkt zum Müssiggang.

Die Herbst-Aktion gilt für Studierende der Universität Basel sowie deren Freunde und Familien. Übernachtung mit Halbpension (Frühstück und 3-Gang-Abendessen, Gracia Formela ist eine ausgezeichnete Köchin!) kann für 45.- unter soziales-skuba@unibas.ch gebucht werden. Alle Informationen zum Angebot findet ihr im Flyer Zschokke-Haus Studierendenaktion 2019 (PDF). Und hier sind noch weitere Informationen zum Zschokke-Haus.

Lisa Gianotti

Beim Betrachten einer zerbrechlich verkrampften Hand von Egon Schiele hat sich Lisa Gianotti dazu entschieden, Kunstgeschichte zu studieren. Von der schwerwiegenden Nebeldecke über dem Aargau ist sie der Sonne nach Basel gefolgt. In Museen findet sie die Ruhe, die in ihrem Kopf nicht immer herrscht. Wenn sich keine Leinwand vor ihren Augen befindet, dann tönen Klänge im Ohr. Sie würde gerne seltener Seminararbeiten und öfter Gedichte schreiben und ist in allem, was sie tut, nur halb so schnell wie ihre Mitmenschen.

1 Kommentar

  1. Geri Steiner
    Do, 19. September 2019 / 10:41 Uhr

    Ich freue mich riesig über die Initiative, das Zschokke-Haus unter den Studierenden bekannt zu machen, wünsche den Organisatoren dieser Aktion viel Erfolg und allen Studierenden, die es ausprobieren eine wunderschöne Zeit und herrliche Erlebnisse in den Innerschweizer Bergen.

    Geri Steiner, ehem. Mitglied des Zschokke-Haus-Stiftungsrates

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