Als Secondo an der Uni Basel: „Wer mich kennt, nimmt mich als Schweizer wahr.“

Etwa ein Viertel der Studierenden an der Uni Basel ist ausländischer Herkunft. Und trotzdem kann es sein, dass man das seinem Gegenüber erstmal gar nicht anmerkt. Schliesslich sind viele unter ihnen schon ihr ganzes Leben in der Schweiz, wie zum Beispiel Mateusz und Siventher. Ihre Eltern sind jeweils vor fast 30 Jahren aus Polen bzw. Sri Lanka in die Schweiz gekommen, um ihren Kindern eine bessere Zukunft zu ermöglichen. Obwohl beide sich in Solothurn bzw. Graubünden sehr wohlgefühlt haben, sind sie zum Studium nach Basel gekommen. Doch wie ist es als Secondo* hier zu studieren?

Fühlt ihr euch als Schweizer und wie werdet ihr von anderen wahrgenommen?

Siventher: Das ist schwierig zu sagen. Ich fühle mich schon manchmal eher als Secondo, weil ganz schweizerisch bin ich eben nicht. Es kommt aber auch auf die Situation an. Es gibt nicht unbedingt entweder das eine oder das andere. Ich bin ja mit beiden Kulturen aufgewachsen. Wer mich kennt, nimmt mich als Schweizer wahr. Lustig ist es, wenn ich Leuten begegne, die mich gar nicht kennen. Der Klassiker ist die Frage: «Woher kommst du?». Meistens sage ich dann: «aus Sri Lanka», worauf mein Gegenüber dann antwortet: «Nein, den Dialekt meine ich. Ist das Bündnerdeutsch?» Schon zweimal wurde ich sogar gefragt, ob mein tamilischer Nachname ein rätoromanischer Name wäre. Das zeigt, dass die Leute manchmal ganz anders denken als man selbst.

Mateusz: Allein wegen meines Namens werde ich meistens als Ausländer identifiziert. Manchmal passiert es aber auch, dass mich Leute als Schweizer wahrnehmen. Das ist dann ein eigenartiges Gefühl, weil ich mich selber als Pole sehe – zu Hause bin ich mit der polnischen Tradition und Sprache aufgewachsen – und ich auch nur den polnischen Pass besitze. Aber ich bin auch kein 100%iger Pole. Hier in der Schweiz sagen manche, ich habe einen seltsamen Akzent, doch auch in Polen ist es schon vorgekommen, dass jemand einen schweizerischen Akzent herausgehört hat oder ich gefragt wurde, aus welcher Gegend ich denn eigentlich komme. Aber das stört mich überhaupt nicht. Gerade in Basel fühle ich mich sehr wohl, weil es sehr international ist und ich gut dazu passe.

Habt ihr Vorurteile gegenüber der Generation eurer Eltern?

Siventher: Es kommt mir ein bisschen so vor, als ob die, die ausgewandert sind, von den Ansichten her in der Zeit stecken bleiben. Aber die Zeit geht ja gleichzeitig auch im Herkunftsland weiter. Ich glaube, dadurch gibt es Konflikte. Denn je nachdem gibt es Eltern, die wollen die Kultur wahren, und beharren dabei darauf wie es damals war. Sie versuchen also ein Leben zu leben, das es auch in ihrem Herkunftsland so nicht mehr gibt. Ich denke, man muss alles immer in einer Relation dazu sehen, was die Leute erlebt haben. Sie haben ihre Verwandtschaft, ihre Sprache, ihre Kultur aufgegeben, nur um ihren Kindern eine bessere Zukunft zu sichern. Und ich glaube, man muss dann selber entscheiden, wie stark man sich integrieren will. Was nützt es, etwas zu erzwingen? Das Wesentliche ist ja, dass sie, so wie sie leben, glücklich sind. Es geht darum, dass sie hier auch ein glückliches Leben führen können.

Mateusz: Dem kann ich auf jeden Fall zustimmen. Ich glaube auch, dass meine Eltern sich hier gut integriert haben. Sie sprechen die Sprache und haben Schweizer Freunde. Aber wenn man die Elterngeneration als Gesamtes anschaut, kann man das wahrscheinlich nicht von allen sagen.

Kommt es zu Konflikten zwischen euren Eltern und euch wegen der unterschiedlichen Kulturen?

Siventher: Ja, das ist, glaube ich, selbstverständlich. Auseinandersetzungen gibt es ja in allen Familien. Aber der Unterschied in unserem Fall ist, dass diese Konflikte oft vom kulturellen Unterschied geprägt sind. Da gilt es, sich um eine Lösung zu bemühen, was manchmal schwierig sein kann. Ich denke, wie alle Eltern wollen sie einfach, dass man gute Entscheidungen trifft.

Mateusz: Nein. Klar gibt es Konflikte, aber eher weniger wegen den unterschiedlichen Kulturen. Vermutlich sind sich die Polnische und die Schweizer Kultur einfach etwas näher.

Haben eure Eltern eine andere Ansicht vom Studium als Schweizer Eltern?

Siventher: Allgemein hat Bildung und ein Studium in der tamilischen Kultur einen sehr hohen Stellenwert. Aber es ist natürlich viel schwieriger das im Ausland umzusetzen. Als Ausländer hat man da weniger Unterstützung. Die Eltern können auch weniger behilflich sein. Ich denke, die Voraussetzungen für Kinder, die in die Schweiz kommen, sind ganz anders als für Schweizer Kinder.

Mateusz: Ich glaube nicht. Meine Eltern haben auch schon studiert und sie freuen sich, dass meine Schwester und ich ebenfalls studieren, hätten aber bestimmt nichts dagegen einzuwenden, wenn wir einen anderen Weg gewählt hätten.

Kennt ihr viele andere Secondos an der Uni?

Siventher: Es gibt natürlich schon sehr viel weniger Secondos als Schweizer an der Uni, aber vielen sieht man es ja auch gar nicht an.

Mateusz: Sehr viele meiner Freunde sind Secondos. Ich finde es spannend, mit Leuten zu tun zu haben, die aus anderen Kulturen kommen. Man lernt einfach immer wieder etwas Neues dazu. Interessant finde ich es auch, sprachliche Hintergründe oder Essensgewohnheiten zu vergleichen.

Ist es für eine Uni von Vorteil, wenn die Studierenden viele kulturelle Hintergründe haben?

Siventher: Ja, auf jeden Fall. Es bringt viele Perspektiven ein. Und das ist für eine Horizonterweiterung notwendig.

Mateusz: Ja, es ist auf jeden Fall im Sinne der Horizonterweiterung. Denn jeder bringt seinen kulturellen Kontext mit ins Studium und in die Forschung ein.

Bald wird vom Schweizer Volk über eine Initiative abgestimmt, die auch Secondos betrifft. Was ist eure Meinung zur Durchsetzungsinitiative?

Siventher: Es ist klar, dass Kriminelle bestraft werden müssen. Das ist nicht die Frage. Aber vor dem Gesetz sollten alle gleich sein. Es ist wesentlich, dass man keine Zwei-Klassen-Gesellschaft hat.

Mateusz: Dem kann ich mich so anschliessen. Und wir werden ja bald sehen, für was sich das Schweizer Volk entscheidet. Ob für Integration oder Ausgrenzung. Ich hoffe, für das Erstere.

 

*Secondo/Seconda: Angehörige der zweiten Generation von Einwanderern, die meist in der Schweiz geboren sind und ihr ganzes Leben hier verbracht haben. Etwa die Hälfte hat einen Schweizer Pass.

 

 

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