Zwischen Philosophie und Physik – Die Suche nach einem Sinn: Ein essayistischer Rückblick, Teil 2

Im ersten Teil habe ich einige Gedanken über die Schnittstelle von Phyisk und Philosophie, die ich nach all den Vorlesungen in diesen beiden Fächern hatte, in einem Text kondensiert. Fragen, die ich mir bis heute stelle, Gedanken, die bis heute nicht geklärt sind für mich. Über die anfängliche Naturphilosophie und den ersten empirischen Blick auf das Geschehen um uns herum bis hin zu ungelösten Problemen der neuzeitlichen Physik. Ich habe den alten Text mit der «ewig währenden Suche, angefeuert durch eine intrinsische Neugier», die ich – und viele meiner Artgenossen teilen – beendet. Eigentlich eine sehr positive Note, um so einen Text zu beenden. Zufrieden war ich jedoch nicht.

Es hat sich angefühlt wie der erste Schritt in die richtige Richtung: Eine Abhandlung mit Gedanken, die ich schon oft hatte, jedoch unpräzise, nicht zu Ende gedacht und im wahrsten Sinne: unvollständig. Und doch hat mir der Text mir sehr geholfen, endlich konform mit meinen Gedanken zu werden. Den Anspruch, die Sachen besser zu verstehen, habe ich nicht zwingend. Interessant ist es jedoch, dass ich durch den Text nur eines gewonnen habe: Präzision. Würde ich mit jemanden über diese Themen reden, wüsste ich nun besser, was ich sagen würde.

Auch den Anspruch, mit diesem Text etwas Neues zu sagen, habe ich nicht. Originelle Ideen sind dann doch sehr selten und wie wir alle wissen: «Good artists copy; Great artists steal» (das Interessante an diesem Zitat: Weder wo es her kommt, noch in welcher Form es gesagt wurde, ist geklärt – was das Zitat nur wahrer wirken lässt). Die Wahrscheinlichkeit, etwas komplett Neues zu denken oder zu sagen, ist verschwindend gering.

«Alle Sprache ist Bezeichnung der Gedanken, und umgekehrt die vorzüglichste Art der Gedankenbezeichnung ist die durch Sprache, dieses grösste Mittel, sich selbst und andere zu verstehen.» – Immanuel Kant, Anthropologie in pragmatischer Hinsicht, 1798. Erster Teil. Anthropologische Didaktik

Was sich durch unser ganzes Denken zieht, eine Konstante in allen Formen der Darstellung, ist die Sprache. Viele Menschen, in der Neuzeit vor allem die analytischen Philosophen wie auch später zum Beispiel die Poststrukturalisten haben sich Gedanken über die Sprache und ihren Platz in unserem Kopf gemacht. Was sie sagen kann und was eben nicht. Inwiefern eine Grenze unserer Sprache eine Grenze unseres Denkens bedeutet und inwiefern das nicht sein muss. Die Meinungen gehen verständlicherweise sehr weit auseinander und machen eine chronologische Entwicklung durch.

Vor längerer Zeit habe ich ein Seminar über Ludwig Wittgenstein besucht. Dort haben wir sein Hauptwerk «Tractatus logico-philosophicus» behandelt. In diesem Werk versucht Wittgenstein, die Philosophie als sprachlich-logisches Treiben zu verstehen. Mit einer fast schon mathematischen Struktur führt er Definitionen und Sätze ein, die dann stetig ergänzt, erklärt und vertieft werden. Hierbei funktioniert sein Buch wie ein kleines Uhrwerk, da alles in Beziehung steht. Schon im Vorwort steht mit fast schon einer kleinen Arroganz und einem Funken Humor:

«Dagegen scheint mir die Wahrheit der hier mitgeteilten Gedanken unantastbar und definitiv. Ich bin also der Meinung, die Probleme im Wesentlichen endgültig gelöst zu haben. Und wenn ich mich hierin nicht irre, so besteht der Wert dieser Arbeit zweitens darin, daßss sie zeigt, wie wenig damit getan ist, dass die Probleme gelöst sind.» – Ludwig Wittgenstein, Tractatus, Vorwort.

Nach einem grossen Exkurs, angefangen bei seinen atomaren logischen Bausteinen der Welt, kommt er schlussendlich zum letzten Satz des Buches: «Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen.» – Ludwig Wittgenstein, Tractatus, Satz 7. Das war für mich ein sehr aufschlussreicher Gedanke, um es in den (paraphrasierten) Worten einer berühmten Interpretation von Holm Tetens zu sagen: Wichtig ist nicht, was Wittgenstein sagt, sondern was er nicht sagt. Er stellt unserem Denken eine Grenze. Für Wittgenstein lassen sich (nach dieser Interpretation) keine logisch kohärenten Aussagen über Metaphysik oder anderen Sache wie die Ästhetik machen.

Wissenschaftliches Treiben scheint auf vielen Ebenen eine immer fortlaufende (sprachliche) Präzisierung zu sein. Ich kann mit meiner (mathematischen) Sprache, Dinge immer genauer beschreiben. Wenn früher von Atomen, später von Nukleonen und schlussendlich von Quarks geredet wird, so haben wir einen Punkt erreicht, bei dem unsere Modelle die Realität immer genauer beschreiben können.

Ein Relikt aus der Vergangenheit, welche die Physik als Dizsiplin immer noch begleitet, ist der Anspruch einer Ästhetik gerecht zu werden. Für mich hat dies die Spitze erreicht, als Eugene Wigner 1963 einen Nobelpreis bekam. Er wurde ausgezeichnet, da er eine Relation zwischen Teilchenphysik und der (mathematischen) Darstellungstheorie fand.

Einfach gesagt, werden Eigenschaften von Teilchen mit einer Klasse von Symmetrien beschrieben. So konnte man Quarks vorhersagen, für die es wenig bis gar keine experimentellen Befunde gab. Eine rein mathematische Theorie konnte also reell existierende physikalische Effekte vorhersagen. Das hat viele Physiker ab den 70er Jahren dazu verleitet, diese Theorie konsequent weiterzudenken (z.B. Supersymmetrie, eine hypothetische Symmetrie für die es bisher keinen experimentellen Beleg gibt) und theoretische Konstrukte zu entwerfen, die möglicherweise weitere Effekte erklären können.

Jedoch gibt es, bis auf wenige Ausnahmen, keine klare Beschreibung für grosse ungelöste Probleme, die mit diesen neuen exotischen Theorien erklärt hätten werden sollen. Lücken wurden nicht geschlossen, viele wurden nur grösser. Ist damit alles falsch? Keinesfalls, da man sich auch vor Augen führen muss, dass der methodische Prozess einer Wissenschaft nicht den Anspruch erfüllt (und erfüllen darf), nur richtige Erkenntnisse zu produzieren.

Jedoch muss man sich Gedanken machen, ob die Ästhetik möglicherweise nicht mehr als notwendige Bedingung gesehen werden sollte, um realphysikalische Prozesse zu beschreiben. Diese Sicht vertritt Sabine Hossenfelder vom Frankfurt Institute of Advanced Studies. Laut Hossenfelder schneiden sich Physiker ins eigene Fleisch, die Ästhetik als eine Grundkonstante der mathematischen Beschreibung der Physik annehmen.

In der Physik gibt es ein Umdenken, sehr populäre Theoriekonstrukte seit den 70er Jahren verlieren seit wenigen Jahren an Relevanz und man hört quasi täglich von Modellen, die völlig andere Wege gehen. Ob Ästhetik ein bremsender Anspruch ist, ist schwer zu sagen, da er in der Vergangenheit schon sehr erfolgreich war. Es gibt aber auch viele Fälle, wie zum Beispiel Keplers Ellipsenbahnen, die Planetenbewegungen mehr oder weniger exakt beschreiben, die gegen der Intention einer Ästhetik zu gefallen, funktionieren.

Unser Denken, (diskutabel) eng verknüpft mit Sprache, hat uns eine laufende Präzision gelehrt, aber auch gezeigt, wie wenig wir noch verstehen über unsere Beziehung zur Sprache. Überlege selbst: Kannst du dich aus der logischen Natur der Sprache befreien und unlogische Gedanken denken? Allein die Implikation «Aus A folgt B» ist so tief in unserem Denken verankert, dass ich mir selbst keine Möglichkeit vorstellen kann, anders zu funktionieren. Leben wir in einer Echokammer aus logischen Gedanken? Selbst die Natur der Logik, für viele Diziplinen heute elementar, ist nicht annähernd geklärt. Und welche Rolle spielt die Ästhetik? Hindert sie uns? Zeigt sie uns die Schönheit der Natur? Oder wirkt es nur so schön auf uns, weil wir uns selbst aus diesen Mustern nicht befreien können? Uns immer präziser selbst beschreiben können und nicht (ein)sehen, dass wir nicht die Natur um uns herum, sondern uns nur selbst betrachten? Oder is tdas schon wieder ein Anthropozentrismus? Festhalten können wir nur: Vieles können wir nicht sagen, aber was wir sagen reicht vielleicht schon.

Fürs erste zumindest.

Danial Chughtai

Der Versuch, absolute Erkenntnis zu erlangen, führte Danial Chughtai zum Physikstudium. Dass dieses Vorhaben zum Scheitern verurteilt ist, merkt er besonders abends um sieben - bei der vierten Tasse Kaffee. Wenn er nicht gerade ein neues Album hört, sich in fremde Vorlesungen verirrt oder überlegt auf Tee umzusteigen, ist er damit beschäftigt, seine Klamottenauswahl auf Vordermann zu bringen. Gerne vergnügt er sich mit den einfachen Dingen des Lebens; wenn's sein muss bei einem Roadtrip quer durch Europa.

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