Zur Erhöhung der Studiengebühren

Maarten Hoenen | Daniel Flückiger

25 Franken – 5 Fragen

Ab dem Herbstsemester 2014 werden die Studiengebühren erhöht. Um 150 Franken im Semester, also um 25 Franken im Monat. Die einen sehen die Chancengleichheit in Gefahr, andere finden, dass die Studis die rund 80 Rappen am Tag locker wegstecken können. Während abwechselnd Bilder von mausarmen, bzw. furchtbar verwöhnten Studierenden heraufbeschworen werden, kommt bei mir das Gefühl auf, dass die Sache doch etwas komplizierter ist, als die Slogans vermuten lassen. Prof. Dr. Maarten Hoenen,  Vizerektor für Lehre und Entwicklung und Daniel Flückiger, Mitglied des Komitees gegen die Erhöhung der Studiengebühren und BA-Student Geschichte beantworten (unabhängig voneinander) fünf Fragen zur Erhöhung der Studiengebühren.

 

Was wäre die Konsequenz gewesen, wenn die Uni die Erhöhung der Studiengebühren nicht zugelassen hätte?

Maarten Hoenen
Dann wäre die Debatte nicht erneut geführt worden und das wäre schade. Denn es geht nicht nur um 150 Franken, es geht auch um die Frage, welche Bedeutung Ausbildung in der Gesellschaft hat. Wenn Geld für die Uni gesprochen wird, kann dieses nicht für andere Projekte verwendet werden. Jeder Franken, den die Kantone investieren, bedeutet  Anerkennung für die Universität. Und somit Anerkennung für die Ausbildung der Studierenden, was wiederum wichtig ist für deren Laufbahn. Nun sind die beiden Basler Kantone bereit, für die «Strategie 2014», also für die strategische Positionierung der Uni in der Leistungsperiode 2014–2017, zusätzliche Mittel zur Verfügung zu stellen. Sie wollen jedoch, dass die Universität auch einen Beitrag dazu leistet und unter anderem 4 Millionen Franken mehr Studiengebühren einnimmt. Es ist ein Geben und Nehmen, ein gesunder Kompromiss und die Studentinnen und Studenten sind Teil davon.

Daniel Flückiger
Nichts. Der Betrieb wäre weitergelaufen wie gehabt. Das klingt jetzt ein wenig verharmlosend, ist aber nicht unrealistisch. Das Rektorat und der Unirat hätten die Projekte der Strategie 2014-2017 um die 4 Millionen Franken jährlich redimensioniert. Das neue Life Science Zentrum hätte anfangs mit einem kleineren Budget und ein paar Flatscreens weniger auskommen müssen. Also im Grossen und Ganzen nicht viel. Und wir als GegnerInnen der Erhöhung hätten unseren Erfolg mit einer richtig guten Party gefeiert.

 

Wenn die Uni Basel im Jahr Kosten von über 600 Millionen Franken verursacht, wie stark fallen dann die 4 Millionen ins Gewicht, welche durch die Erhöhung der Studiengebühren gewonnen werden?

Daniel Flückiger
Wie gesagt: Ohne die vier Millionen hätte das Budget leicht angepasst werden müssen. Oder es wären anderweitig Einnahmen generiert worden. Es geht dabei ja um lediglich 0,7 Prozent der Gesamtkosten. Die Universitätsfinanzierung untersteht der Hoheit des Universitätsrates. Die Studierenden haben bis anhin nichts zu sagen. Nichtsdestotrotz haben wir im Rahmen der Kampagne gegen die Erhöhung Ideen andiskutiert und sogar den Vorschlag gemacht, einen Ideenwettbewerb unter der Studierendenschaft zu veranstalten, bei dem sicher interessante Alternativen zusammengekommen wären.

Maarten Hoenen
Es geht nicht nur um diese 150 Franken pro Semester, es geht auch um die Frage, wie viel ist das Studium wert. Wieviel ist die Uni der Gesellschaft wert und wieviel ist die Uni den Studierenden wert. Die Studiengebühren haben auch einen symbolischen Charakter. Die Studentinnen und Studenten bezahlen einen kleinen Beitrag und erhalten dafür einen weit grösseren Gegenwert. Dafür wissen die Studierenden: Ich habe mich eingebracht. Wenn die Gesellschaft den Studierenden solch enorme Möglichkeiten bietet und diese nicht bereit sind, einen symbolischen Beitrag zu bezahlen, macht das einen komischen Eindruck. Die Studierenden können sich ja auch Respekt verschaffen, indem sie diesen Beitrag allen Widernissen zum Trotz bezahlen. Man muss auch daran denken: Der Support für die Uni ist nicht gesichert, den muss man sich immer wieder neu erwerben.

 

Wie viele Studentinnen und Studentinnen stellen diese 150 Franken Zusatzausgaben im Semester vor ein Problem?

Maarten Hoenen
Für Härtefälle gibt es die Stipendien. Die Höhe der Stipendien ist nicht in Stein gemeisselt, die Beträge können angepasst werden, wenn klar wird, dass es nicht reicht. Die 150 Franken sind auf jeden Fall kein Grund, schwarz zu malen. Die Uni ist auch auf die Studierenden angewiesen. Es ist uns wichtig, dass die Leute studieren können, da sind wir auf der gleichen Seite wie die GegnerInnen der Erhöhung. Deswegen ist die Uni aufmerksam und beobachtet, ob die Erhöhung zumutbar ist. Statistisch gesehen macht es auf die Zahl der Studierenden jedoch keinen Unterschied, ob es geringe Studiengebühren gibt wie bei uns oder gar keine Studiengebühren wie mancherorts in Deutschland.

Daniel Flückiger
Die meisten Studierenden in meinem Umfeld verfügen über zu wenig Geld. Dies äussert sich auf unterschiedliche Weise: Stress an der Uni wegen den Nebenjobs, Schulden, Abhängigkeit von den Eltern, Ausschluss vom kulturellen Leben. Es geht aber auch ums Prinzip. Studiengebühren widersprechen der Haltung einer für alle gleich zugänglichen, qualitativ hochstehenden Bildung (und zwar auf allen Stufen!), wie sie als Prinzip in der Verfassung verankert ist und wie wir sie uns in unserem Land auch leisten könnten. Jeder Franken ist zu viel. Der finanzielle Aspekt des Studiums spielt eine wichtige Rolle bei der Entscheidung zu studieren, was auch unterschiedliche Erhebungen über die soziale Zusammensetzung der Studierenden untermauern. Von Chancengleichheit konnte bereits vor der Erhöhung nicht gesprochen werden. Menschen aus tiefen und mittleren Einkommensschichten sind nach wie vor unterproportional an den Hochschulen vertreten. Die Stipendien schaffen nur bedingt Abhilfe: Manche Kantone bewilligen weniger Stipendien als andere. Ausserdem ist die Möglichkeit der kantonalen Stipendien nicht bekannt genug. Fairerweise muss gesagt werden, dass die Studiengebühren nur ein Faktor der sich reproduzierenden Ungleichheit darstellen.

 

Engagieren wir uns genug für die Uni oder konsumieren wir lediglich?

Maarten Hoenen
Der Protest in Bezug auf die Studiengebühren ist ein Beispiel dafür, wie sich Studierende für ein Ideal einsetzen. Das ist begrüssenswert. Diese Reibung braucht es auch. Wenn die Frage gestellt wird, ob die Studierenden genug einbezogen waren in den Entscheidungsprozess, dann antworte ich: Waren sie es nicht, so war ihre Lobby nicht gut genug. Dieses Forum um sich einzubringen muss man sich auch suchen. Im Übrigen sind längst nicht alle Sitze der Studierendenvertretungen innerhalb der universitären Gremien besetzt. Ein schöner Nebeneffekt der Gebührenerhöhung wäre, wenn die Studierenden mehr auf ihre Mitbestimmung pochen würden.

Daniel Flückiger
Bestimmt gibt es einige KommilitonInnen, die sich dem Privileg  eines Hochschulstudiums nicht bewusst sind. Durch die zunehmende Ökonomisierung und die Dominanz des ökonomischen Handlungsmodells wird dieses fehlende, bzw. falsche Bewusstsein ja gerade gefördert. Jeder versucht, mit dem geringstmöglichen Aufwand den höchstmöglichen individuellen Nutzen aus seinem Studium herauszuholen und blendet die gesellschaftliche Dimension von Bildung und Arbeitsteilung aus. Studiengebühren tragen ihren Teil zu dieser Konsumentenmentalität bei, da man ja für das Produkt Bildung bezahlt hat und dann damit machen kann, was man will. Zum guten Glück kenne ich einige KollegInnen, die sich trotz aller Widerstände im Unileben und der Unipolitik engagieren und die scheinbaren Tatsachen und Sachzwänge aus Wirtschaft und Politik nicht einfach so hinnehmen. Dies stimmt mich optimistisch, dass der Tendenz der Ökonomisierung endlich wieder etwas entgegengesetzt wird.

 

Wie gross ist die Wahrscheinlichkeit, dass diese 150 Franken im Semester bloss ein Anfang sind? Werden die Gebühren weiter steigen?

Daniel Flückiger
Der ETH-Rat möchte die Studiengebühren an der ETH verdoppeln (das Vorhaben liegt momentan auf Eis), Die Economiesuisse hat leistungsabhängige Gebühren bis zu CHF 10‘000 angedacht. Die Tendenz, Kosten mehr und mehr auf die Studierenden abzuwälzen, ist deutlich erkennbar.

Maarten Hoenen
Man kann es als Erfolg sehen, dass sich in der Schweiz hohe Studiengebühren wie in den USA oder in England                nicht durchsetzen konnten. Und ich denke, dass das amerikanische Modell hierzulande auch schlecht akzeptiert würde. In Europa wird viel Wert darauf gelegt, dass sich die Studierenden an der Uni intellektuell entfalten, geistig mündig werden. Müssen die Studierenden jedoch jährlich 40‘000 Franken in ihre Ausbildung investieren, rückt der zukünftige Marktwert in den Vordergrund. Das lässt sich schlecht vereinbaren mit der humanistischen Tradition, in der wir stehen. Und auch die Uni will das nicht. Dennoch gilt es, wachsam zu bleiben.

4 Kommentare

  1. dc
    Mo, 24. März 2014 / 17:32 Uhr

    Hr. Hoenen ist einfach zu realitätsfern. Daniel Flückiger halt vollkommen recht wenn er sagt, dass StudentInnen in der Umgebung zu wenig Geld haben, denn Basel liegt im Dreiländereck und es gibt viele StudentInnen aus Frankreich und Deutschland und da sind allein die jetzigen Studiengebühren schon ziemlich viel. Wer das Problem nicht relativiert, der hat es nicht verstanden.

  2. bl
    Mi, 26. März 2014 / 10:46 Uhr

    Kein Geld für Ausbildung aber fürs Abfeiern….
    Daniel Flückiger: „….unseren Erfolg mit einer richtig guten Party gefeiert.“

  3. Hannah
    Di, 6. Mai 2014 / 08:33 Uhr

    Auf http://www.finanznachrichten.de/nachrichten-2013-12/28858327-niedersachsen-schafft-als-letztes-bundesland-studiengebuehren-ab-003.htm habe ich einen sehr interessanten Artikel zum Thema Studiengebühren gelesen. So etwas würde man sich auch hier bei uns wünschen, aber das wird wohl weiterhin nicht der Fall sein.

  4. Nella Peterhans
    Sa, 24. Mai 2014 / 12:30 Uhr

    LA EDUCACION ES PARA TODAS Y DE TODAS !

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