Warum mein Tanz auf vielen Hochzeiten einer Choreografie bedarf

Semesterferien – und plötzlich hat man wieder Zeit. Oder etwa doch nicht? Denn eigentlich gibt es ganz schön viel zu tun. Stipendien beantragen, sich fürs neue Semester einschreiben, Prämienverbilligung der Krankenkasse, Planung der Grabung, sich durchs Vorlesungsverzeichnis wühlen, Mails beantworten, Rechnungen bezahlen, Zimmer aufräumen…

Lauter kleine Dinge, die aufeinander gestapelt irgendwann zu einem grossen Berg werden, vor dem man sich am liebsten eine Weile unter der Bettdecke verstecken möchte – Zeit dazu hat man ja jetzt auch.

Und da sind ja auch noch die grossen Dinge. «Vielfältig interessiert und engagiert», hat es meine Primarlehrerin genannt. «Das hast du von mir, das tut mir leid» war der Kommentar meiner Mutter dazu, dieses innere Bedürfnis, Dinge gut zu machen, zu helfen, alle vielfältigen Interessen aktiv zu verfolgen, sich einzusetzen.

«Du kannst einfach nicht nein sagen», meinte meine Mutter, als ich ihr beichtete, dass ich, zugegebenermassen leicht angetrunken, gerade versehentlich ein Projekt angenommen hatte, welches das nächste halbe Jahr gut füllen würde. Nein zu sagen, das kann ich wohl wirklich nicht.

Ich mag es schliesslich ja auch, Aufgaben zu haben, Pläne zu schmieden, Konzepte zu entwerfen, Gehabtes zu überarbeiten, Texte zu schreiben; ich vernetze mich gerne, ich mag sogar Sitzungen. Sitzungen!

Doch manchmal wird es etwas zu viel. Manchmal tanze ich nicht nur auf vielen, sondern auf zu vielen Hochzeiten. Dann gibt es Notfallfreinächte, Take-Away-Frühstück, Zugfahrten ans Ende der Welt und wenn’s ganz wild kommt, überwinde ich mich sogar dazu zu telefonieren.

Manchmal fühle ich mich wie eine Motte im Lampenladen. Enthusiastisch flattere ich von Projekt zu Projekt, von Sitzung zu Sitzung, von Diskussion zu Diskussion. Es ist alles so spannend und aufregend, dass ich meist nicht dazu komme, alles abzuschliessen.

Das ist anstrengend.

Ein neues Projekt muss also her: Das Choreografieren meiner Projekte. Mit einer sorgfältig abgemessenen Tabelle strukturiere ich alles, was ich so mache, in verschiedene Bereiche und Unter-Bereiche und Unter-Unter-Bereiche, teile diese auf in «dringend» und «Langzeitprojekte», schreibe jede noch so kleine Aufgabe hinein.

Die Hälfte der Tabelle füllt meine Freiwilligenarbeit. Lauter kleine und grosse Dinge, die ich manchmal nebenbei, manchmal sehr gezielt und in einigen Fällen praktisch rund um die Uhr bearbeite. Nicht alles davon lässt sich wirklich planen.

Etwa ein Viertel der Tabelle befasst sich mit dem Studium, ein Achtel trägt den Titel «privat» und «Dinge, die ich für mich machen will» nimmt die Hälfte von «privat» ein, also einen Sechzehntel. Das restliche Achtel ist mein Job hier beim Beast-Blog.

Diese Aufgabenverteilung ist weder das, was ich mir eigentlich vorgestellt hatte, noch langfristig wirklich gesund.

Mithilfe der Tabelle versuche ich nun, Prioritäten zu setzen. Kann ich alles weiterhin machen, ohne irgendwann meine Gesundheit aufs Spiel zu setzen? Gibt es irgendwelche kleineren Projekte, die ich eigentlich abschliessen könnte? Wo kann ich Arbeitsflüsse vereinfachen? Kann ich zwei Projekte vielleicht zusammenführen? Liegt irgendeines so lange auf Eis, dass es nicht mehr wiederbelebt werden kann?

Ich treffe einige schwierige Entscheidungen. Etwas, was mir sehr am Herzen liegt, aber zeitlich dieses Semester einfach mehr beansprucht als ich in der Lage bin zu geben, wird auf Eis gelegt. Zwei, drei kleinere Sachen gebe ich ab.

Für die Zukunft nehme ich mir vor, dem Achtel «privat» und dem Viertel «Studium» mehr Platz einzuräumen, statt immer enthusiastisch zuzusagen mir die Dinge zweimal zu überlegen. Es ist schwierig, aber danach fühle ich mich besser. Das Flattern ist etwas weniger geworden, bei manchen Hochzeiten tanze ich nicht ganz so wild.

Als ich vom Schreibtisch aufstehe, stolpere ich über einen Haufen Kleider. Der kann warten. Jetzt habe ich Ferien vorlesungsfreie Zeit.

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