Wie Medikamente bei ADHS im Studium helfen können – Ein anonymer Erfahrungsbericht, Teil II

Letzte Weihnachten habe ich ein ganz besonderes Päckchen bekommen. Es musste auf der Poststelle im Nachbarort abgeholt werden, denn der Inhalt unterliegt dem Betäubungsmittelgesetz. Eine einzige Apotheke in der Schweiz darf es herstellen und vertreiben.

Dexamphetamini sulfas 5mg steht auf der Packung. Darin sind 50 kleine, runde, flache, weisse Tabletten.

Es ist das dritte Medikament nach Concerta und Ritalin, das ich nach meiner ADHS-Diagnose ausprobiere.

Wie auch bei den beiden anderen Medikamenten ist eine Einnahme nur unter ärztlicher Aufsicht sinnvoll: sie wirken auf das zentrale Nervensystem, erhöhen den Blutdruck, stimulieren das Gehirn – dafür reichen die möglichen Nebenwirkungen von Kopfschmerzen über Herzrhythmusstörungen bis hin zu Psychosen. Na toll.

«Ich denke, die Chancen stehen etwa 50:50. Aber ich hoffe sehr, dass es klappt!», höre ich die Stimme meiner Ärztin im Hinterkopf, als ich zwei Tabletten durch die Folie drücke und mit einem Glas Wasser runterschlucke. Anscheinend hat sie bei Menschen, die wie ich zusätzlich auf dem Autismusspektrum sind, tendenziell gute Erfahrungen damit gemacht.

90 Minuten, eine Tasse Kaffee und ein paar Scheiben Brot später sitze ich am Tisch und höre meinen Eltern bei den ewig gleichen Diskussionen zu. Langsam verschwindet die Bedeutung ihrer Worte in einem Hintergrundrauschen, dafür sehe ich ein Chaos von Dokumenten, Stiften, Kaugummipackungen, Kabeln, Brotkrumen.

Ich will aufräumen.

Ich will Struktur.

Ordnung.

Keine Viertelstunde später sind alle Dokumente sortiert, die unwichtigen davon entsorgt, die Brotkrumen weggewischt und die Stifte an dem Ort, wo sie hingehören.

Ohne wirklich darüber nachzudenken, hole ich einige leere Blätter, klappe meinen Laptop auf und durchsuche das Vorlesungsverzeichnis nach Kursen, die ich nächstes Semester belegen kann. Dass ich mir gerade einen zusätzlichen Farbstift geholt habe, wird mir erst bewusst, als ich mich wieder hinsetze. Kein Nachdenken, wo einer sein könnte, kein langes Debattieren, ob sich das Aufstehen lohnt, kein ewiges Entscheiden, welches nun die richtige Farbe ist.

Ordnung und Struktur.

Ist das nicht diese Partydroge?

Dexamphetamin ist das D-Enantiomer von Amphetamin, also die sogenannte rechte Hand der beiden spiegelbildlichen Bestandteile von Amphetamin. Da es stärker wirkt als das L-Enantiomer, wird es medizinisch bevorzugt verwendet.

Man könnte es also als ein auf die aktiven Wirkstoffe reduziertes Amphetamin beschreiben. Es wirkt auf das zentrale Nervensystem und erhöht die Wachheit, Aufmerksamkeit, macht spontaner, aber auch nervöser. Aufgrund der appetithemmenden Wirkung wurde es ursprünglich oft gegen Übergewicht verschrieben.

In den USA werden bei der Behandlung von ADHS Medikamente aus der Gruppe der Amphetamine oft noch vor Methylphenidaten – also beispielsweise Concerta und Ritalin – eingesetzt. In der Schweiz wird es erst verschrieben, wenn klar ist, dass Methylphenidat nicht funktioniert. Es unterliegt dem Betäubungsmittelgesetz, wird in höheren Dosen als Rauschdroge missbraucht und bei Kampfjetpiloten eingesetzt, damit diese während dem Flug nicht einschlafen.

Amphetamin, diese Partydroge, die macht, dass man niemals müde wird und niemals Durst verspürt? Vor der mich meine Eltern schon als Kind gewarnt hatten? Vor etwa zwei, drei Jahren bot mir mal jemand Amphetamin auf einer Party an. Heute frage ich mich, was wohl passiert wäre, wenn ich nicht dankend abgelehnt hätte.

Im Rausch der Produktivität
Über die nächsten Tage verteilt spiele ich stundenlang Klavier, erledige Dinge, die ich davor ewig vor mir hergeschoben hatte, plane Aquarellbilder statt wie sonst einfach drauflos zu malen und bleibe dabei immer höchst konzentriert. Ich schaffe es, mich auf Prüfungen vorzubereiten – und erziele bei den Wiederholungsprüfungen deutlich bessere Ergebnisse als bei den ersten Versuchen.

In den Vorlesungen kann ich besser zuhören und mitschreiben. Ich schaffe es endlich, alle meine Kleider auszusortieren und mein altes Kinderzimmer zu räumen. Innerhalb weniger Tage renoviere ich ein Zimmer und baue ein selbstentworfenes Bett. Marie Kondo wäre stolz auf mich.

Doch an manchen Tagen ist die Wirkung völlig gegensätzlich. Ich bin lustlos, deprimiert, müde, antriebslos, reizbar, desinteressiert, kann nicht schlafen. Um dem entgegenzuwirken, führe ich ein Logbuchsystem ein, in dem ich alle Faktoren, die irgendwie damit zu tun haben könnten, täglich überprüfe.

Ich finde heraus, dass ich innerhalb einer Stunde nach Einnahme des Medikaments etwas Salz-, Stärke- und Proteinhaltiges essen muss; dass eine Tasse Kaffee und Projekte mit Freunden die Chancen auf einen guten Tag erhöhen – und dass ich dem Drang, etwas zu tun, dem Drang nach Produktivität nachgeben muss.

Regelmässige Besprechungen mit meiner Ärztin helfen mir zusätzlich, die erwünschten und weniger erwünschten Wirkungen besser einzuordnen.

»Amphi«, wie ich die kleinen, runden, flachen, weissen Tabletten inzwischen liebevoll nenne, bezwingt meine über zwanzig Jahre andauernde Aversion gegen Frühstück und bringt mich dazu, eine morgendliche Routine einzuführen.

Amphetamin, diese Partydroge. Als Medikament versteht mein Gehirn darunter etwas anderes: Ordnung und Struktur.

Ein anderer Filter
Doch manche nicht unbedingt erwarteten Wirkungen werden mir erst nach einigen Monaten bewusst und verschwinden auch durch meine morgendliche Routine nicht.

Es ist, als hätte ich einen neuen Filter im Gehirn: Ich bin insbesondere auf akustische Reize empfindlicher, schneller irritiert und weniger geduldig. Informationen werden in »wichtig« und »unwichtig« eingeteilt. Es fällt mir schwerer, auf »unwichtige« Informationen einzugehen oder irgendetwas dazu zu sagen. Wenn ich konzentriert bin, ist es fast unmöglich, meine Aufmerksamkeit etwas anderem zuzuwenden.

Ich erkenne meine Grenzen und Bedürfnisse besser – und im Gegensatz zu früher macht es mir weniger aus, sie auch zu kommunizieren. Inzwischen gehören Sätze wie »Nein, ich möchte das nicht.« und »Ich wäre froh, wenn wir das etwas strukturierter angehen könnten« zu meinem Alltag. Die Rückmeldungen aus meinem Umfeld dazu sind durchwegs positiv.

Trotz allem – Medikamente lösen nicht alle Probleme. Ich habe noch immer unbeantwortete Emails, unvorbereitete Vorträge, und auch diesen Beitrag schreibe ich in einer Nachtschicht zu Ende. Die Reizüberflutung durch die Nebenwirkungen ist anstrengend.

10 Milligramm ist sehr wenig und trotzdem spüre ich die Wirkung voll – ich bin froh, dass ich sicher sein kann, dass ich mit zwei Tabletten immer die gleiche Dosis erhalte und mich darauf einstellen kann. Und ich bin froh, jederzeit mit meiner Ärztin Rücksprache halten zu können.

Schlussendlich unterstützt mich das Medikament im Alltag soweit, dass ich in der Lage bin, meine Schwierigkeiten anzugehen. Es befreit mich von Hürden, aber den Weg muss ich trotzdem selber gehen. Ordnung und Struktur zu schaffen geht nicht über Nacht. Veränderungen brauchen Zeit. Und das ist okay.

Die Studienberatung der Universität Basel bietet übrigens kostenfrei und anonym psychologische Beratungen an. Falls du glaubst, ebenfalls von ADHS betroffen zu sein oder sonst Unterstützung mit deinem Studium oder der Organisation deines Alltags brauchst, kannst du dich hier melden – kostenlos und vertraulich.

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