18 Milligramm zum Glück? Ein anonymer Erfahrungsbericht über ADHS im Studium

Ich habe ADHS. Seit gut zwei Monaten weiss ich, dass ich nicht einfach faul oder minimalistisch bin, sondern dass der vordere Teil meines Gehirns sich schlichtweg nicht auf Sachen fokussieren kann, die mir gerade nicht spannend oder unwichtig scheinen – oder umgekehrt ausgedrückt: Mein Gehirn ist wahnsinnig interessiert an allem Möglichen. Gleichzeitig. Das macht zwar vielleicht spontaner und kreativer, hilft mir aber eher wenig, wenn die Proseminararbeit in zwei Tagen fällig ist und ich gerade erst die Bücher in der Bibliothek geholt habe.

Die Psychologin der Sprechstunde für ADHS/Asperger im Erwachsenenalter der Universitären Psychiatrischen Kliniken Basel Stadt (UPKBS) fragt mich, wie wir weiterfahren sollen. Im Angebot stehen Medikamente, eine Gesprächstherapie oder Gruppensitzungen mit anderen Betroffenen. Die Gruppensitzungen fangen aber erst Anfang nächsten Jahres wieder an.

Ich entscheide mich dafür, Medikamente auszuprobieren. Weil ich dabei aber nicht auf mich allein gestellt sein will, entscheide ich mich ebenfalls für eine begleitende Gesprächstherapie – und auch, weil ich irgendwie die Hoffnung habe, dass ich dort Mittel und Wege finde, meinen Alltag zu organisieren, ohne dabei auf Medikamente angewiesen zu sein.

«Ritalin? Willst du das wirklich?!» Meine Mutter ist etwas schockiert, als ich ihr von meinen Plänen erzähle. Sie hinterfragt auch die Diagnose, denn sie «kennt diese Probleme ja auch». Ich sage ihr noch einmal, dass ADHS vererbbar ist. «Ja, dann probier es halt mal.»

Ein erster Versuch
Einen Monat später stehe ich morgens im Bad und halte eine kleine blassgelbe Tablette zwischen meinen Fingern. «alza 18» – 18 Milligramm Concerta. Methylphenidat. Das gleiche Mittel wie Ritalin, hält aber etwa doppelt so lange an.

Ich habe viel über Methylphenidat gelesen. Von Menschen, die freudig berichten, wie sie endlich Gesprächen folgen können und ihre Aufgaben sofort erledigen, statt morgens um zwei das Bad zu putzen, weil plötzlich alles interessanter ist, als dieses Handout, das bis Mitternacht hätte eingereicht werden sollen. Von Menschen ohne ADHS, die es als leistungssteigerndes Mittel nehmen und ganz andere Reaktionen haben, menschenfeindlich werden.

«Ich habe Angst, plötzlich nicht mehr ich zu sein», schreibe ich einem Freund.

Vierzig Minuten später sitze ich in meinem Zimmer auf dem Boden und durchsuche meine frische Wäsche nach etwas, das ich anziehen möchte, als plötzlich alles still wird. Der stete Lärm meiner Gedanken ist weg und mir laufen auch keine drei Lieder gleichzeitig mehr nach. Sofort renne ich in die Küche und erzähle meiner Mitbewohnerin davon. Ich verstehe ihre Antwort deutlicher als sonst, sehe klarer.

Kurz darauf ist alles wie davor – ausser, dass ich Menschenmassen etwas besser aushalte und eher mal meine Meinung sage. Ich gehe zu Fuss in die Innenstadt und schaue mich nach einer Winterjacke um. Im dritten Laden werde ich plötzlich unendlich frustriert und traurig. Zwei weitere Läden später gebe ich auf.

Zu Hause falle ich in mein Bett und schlafe sofort ein. Als ich abends wieder zu mir komme, habe ich fürchterliche Kopfschmerzen. Schlafen kann ich nicht. Die nächsten sechs Stunden spiele ich ein Videospiel, das Einzige, was jetzt noch geht.

Am nächsten Tag nehme ich ein Schmerzmittel, sobald die Kopfschmerzen beginnen. Es hilft. Dafür versinke ich in einer unendlichen, lähmenden Traurigkeit, gepaart mit Angstzuständen und Schwindelgefühlen.

«Ich schaffe es nicht einmal, mir in der Küche ein Glas Wasser zu holen, obwohl ich weiss, dass das wohl helfen würde», schreibe ich meinem Kumpel. Ich hasse mich selbst und dieses Gehirn und dieses Medikament. Ein Blick auf die Packungsbeilage bestätigt meinen Verdacht.

Morgens um zwei schreibe ich der Psychologin eine lange E-Mail, in der ich ihr mein Leid klage: «Ich fühle mehr als sonst, aber halt negative Sachen», und: «Ich hab nicht wirklich Lust, das Medikament morgen nochmals zu nehmen, diese zwei Tage haben mir eigentlich gereicht.»

Am nächsten Tag schaffe ich es nicht an die Uni, auch am darauffolgenden Morgen nicht. Erst am Nachmittag bin ich psychisch wieder in der Lage, das Haus zu verlassen. Die Prüfungsphase beginnt in zwei Wochen.

Ein zweiter Versuch
Als nächstes Medikament verschreibt mir die Ärztin Ritalin. «Die Chancen stehen fifty-fifty, aber ich habe Hoffnung, dass es bei Ihnen klappt!»

Ritalin halte ich einen Tag aus. Während ich mit Concerta eher mal meine Meinung gesagt habe, bin mich mit Ritalin regelrecht aggressiv und kurz davor, mein Studium hinzuschmeissen. Während ich mit Concerta einfach deprimiert und lustlos war, fühle ich mich mit Ritalin, als hätte ein Dementor alles Glück aus mir herausgesaugt und eine Hülle aus Wut und Trauer hinterlassen.

«Das bin nicht ich. Das ist genau das, wovor ich Angst hatte. Ich fühle mich überhaupt nicht wie ich selbst. Ich mag nicht, was das Zeug mit mir macht, wie ich mich verhalte, wie ich auf Menschen reagiere», schreibe ich meinem Kumpel, und zwei Stunden später: «Ich bin eingeschlafen. Es hat geholfen.»

Zum Glück ist die Wirkungszeit von Ritalin kürzer als die von Concerta.

Warum klappt es bei mir nicht?
Ich gehöre zu den 20-30% der Patienten, die «non-responders» genannt werden. Erwünschte Wirkungen habe ich kaum, dafür viel mehr Nebenwirkungen als normalerweise. Manche Studien gehen davon aus, dass bei den «non-responders» viele darunter sind, die den Subtyp ohne Hyperaktivität haben. Ich gehöre da ebenfalls dazu.

Kurz vor der ersten Dosis Concerta habe ich ausserdem die Diagnose Asperger-Syndrom bekommen. ADHS ist da oft eine Begleiterkrankung. Meine neue Psychologin sagt, es sei oft so, dass Menschen mit Asperger viel stärker auf Medikamente oder andere Stimulanzien wie Kaffee oder Alkohol reagieren – dies könne der Grund für meine ausgeprägten Nebenwirkungen sein. Ich reagiere tatsächlich stark auf alles Mögliche.

Ein dritter Versuch
Den darauffolgenden Termin bei der Ärztin verpasse ich. Als nächstes werden wir wohl Lisdexamphetamin ausprobieren, was in den USA oft als erstes Mittel verschrieben wird, in der Schweiz aber nur «wenn das Ansprechen auf eine zuvor erhaltene Behandlung mit Methylphenidat als klinisch unzureichend angesehen wird».

Diesen Text schreibe ich um 5 Uhr morgens. Ich bin hyperfokussiert, nachdem ich mein Gehirn so lange ermüdet habe, bis es aufgegeben hat und sich beugt. Alles wie immer also, aber neu mit etwas mehr Wertschätzung für meinen Normalzustand.

Mehr Informationen über die ADHS/Asperger-Sprechstunde findest du hier.

1 Kommentar

  1. Benaya
    Mi, 19. Dezember 2018 / 09:23 Uhr

    Hallo
    Ich bin Ads und bei mir hat man es auch erst sehr spaet herausgefunden. Damals beschloss ich gerade die Eidg. Matur zu machen. Der Arzt fragte mich auch ob ich was dagegen haben moechte, aber ich sagte nein. Er war sehr ueberrascht, dass ich die Eidg. Matur ohne medikamentoese Hilfe schaffte. Was fuer mich wichtig war, war endlich zu wissen dass all meine Fokussierprobleme, meine „Langsamkeit“ usw. nun zu etwas zu zu ordnen sind.
    Auch wenn ich mehr Zeit brauche um auf Pruefungen zu lernen, da das Konzentrieren so eine Sache ist, habe ich nichts eingenommen. Ich habe fuer mich herausgefunden, wie ich mich auf meine Sachen konzentrieren kann.
    Fuers auswendig lernen schreibe ich nach wie vor Kaertchen, bei Zusammenhaenge nachvollziehen gibt es kleine Zusammenfassungen auf ein Blatt -klar braucht dies Zeit bis alles neu notiert ist, aber gerade dadurch dass ich dies bewusst mache, lerne ich das alles was ich schreibe bereits.
    Da ich gerne neben dem lernen abgelenkt werde, etwas anderes machen moechte, laufe ich manchmal waehrend dem lernen in meinem Zimmer auf und ab. Dies hilft mir fokussiert zu bleiben.
    Eine weitere Lernart ist das zu lernende aufzunehmen. Und wenn ich wiedermal einfach nichts machen moechte, zwinge ich mich entspannungsuebungen zu machen und dabei das aufgenommene anzuhoeren – die eigene Stimme zu hoeren ist zu beginn stets etwas schraeg, aber ich habe es geschafft und bin heute kurz vor meinem Masterabschluss.
    Meine Lernmethoden helfen mir und vielleicht kannst ja das eine oder andere davon auch ausprobieren.
    Mehrere Dinge hoeren oder machen wollen, das habe ich fuer mich loesen koennen und ich hoffe dass es anderen auch gelingt.
    Gruesse einer Kommilitonin

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