Smart Drugs: Ausdruck meiner Generation?

Ritalin und co. werden als Doping fürs Hirn missbraucht. Bringt das was? Wo lauern die Gefahren? In seinem Gastbeitrag geht Psychologiestudent Markus Lauber dem Phänomen «Smart Drugs» auf die Spur.

Die Lernphase im Frühsommer erscheint mir besonders hart. Während die Temperaturen draussen zum Baden und Grillieren einladen, verdrückt man sich übel gelaunt in die Tiefen der Bibliothek, um den Semester- oder Jahresstoff zu büffeln. Und egal wie voll die Bibliothek auch ist oder wie häufig man sich mit der Lerngruppe trifft, irgendjemand hat immer frei und erlebt bestimmt gerade die Zeit seines Lebens. Da bleibt einem nichts anderes übrig als die Nase in die Bücher zu stecken und die Scheuklappen anzuziehen.

Doch Studierende wären nicht Studierende, wenn sie nicht Mittel und Wege fänden, ihre Mühsal zu erleichtern. Ich spreche hier von einer ganz bestimmten Art von Scheuklappen, welche, wie es scheint, immer öfter zum Einsatz kommen. Schon alleine die Bezeichnungen klingen vielversprechend: Hirndoping, Smart Drugs, Student’s Little Helper. Gemeint sind verschreibungspflichtige Medikamente wie Ritalin oder Modafinil, die eigentlich für die Behandlung von ADHS (Ritalin) oder Narkolepsie (Modafinil) gedacht sind, aber von Gesunden als kognitive Leistungssteigerer missbraucht werden.

Weniger Aufwand, mehr Ertrag?
Erfahrungsberichte beschreiben Effekte wie gesteigerte Wachheit, bessere Konzentrationsfähigkeit und als Ergebnis effizienteres Lernen und damit bessere Prüfungsergebnisse. Störende Ablenkungen können wie nichts in den Hintergrund verdrängt werden und endlich kann man sich richtig mit dem Stoff auseinandersetzen. Ein Unialltag zwischen maximaler Leistung im und maximalem Spass neben dem Studium scheint machbar.

Klingt soweit ganz gut. In Internetforen wird rege über Beschaffung, Konsum und Wirkungsspektrum diskutiert. Doch vor dem Griff zur Pille sollte man sich ein paar Sachen klarmachen. Medikamente wie diese sind aus einem bestimmten Grund verschreibungspflichtig. Neben einer Palette von Nebenwirkungen wie Kopfschmerzen, Schlafstörungen, Herz- und Kreislauf-Beschwerden, Appetitminderung und Depressionen wird auch vor psychischer Abhängigkeit gewarnt. Auf infoset.ch, einem Informationsportal der schweizerischen Koordinations- und Fachstelle für Sucht, sind Neuro Enhancer als eigene Kategorie aufgeführt.

Kaum Verbesserung bei ausgeruhten Gehirnen
Werden diese Medikamente missbraucht, schlicht weil es die Möglichkeit gibt, aus Bequemlichkeit oder Faulheit sozusagen? Oder ist der Missbrauch Ausdruck von Überforderung und der Angst, bei Prüfungen nicht gut genug zu sein? Prof. Dr. med. Matthias Liechti, Leiter des Psychopharmacology Research Unit am Unispital Basel ist Koautor einiger Studien zum Thema. Er bestätigt die Annahme, dass bei Studierenden selbstwahrgenommener Stress mit Substanzkonsum korreliert. Allerdings ist er auch der Meinung, ein ausgeruhtes Gehirn eines intelligenten Menschen lasse sich pharmakologisch kaum verbessern. Bei Müdigkeit und Konzentrationsschwäche sehe es aber anders aus. Grundsätzlich sieht Prof. Liechti wenig Nutzen darin, sich mental zu dopen. Die gewünschten Effekte seien wohl eher gering und auf Dauer führe nur eine gute Arbeitsorganisation zum Erfolg.

Ob aus Bequemlichkeit oder aus Überforderung: «Hirndoping» kommt vor, wahrscheinlich auch an deiner Fakultät. Konkrete Zahlen liefert eine Umfrage von 2013, die mit Studierenden der Uni Zürich, der ETH Zürich und der Uni Basel durchgeführt wurde. 7,6 % der Befragten gaben an, bereits auf verschreibungspflichtige Medikamente zurückgegriffen zu haben, um besser lernen zu könnne. Die Autoren halten in ihrer Schlussfolgerung fest, dass ein bedeutender Anteil der Schweizer Hochschulstudierenden bereits mit solchen Medikamenten in Berührung kam, die Substanzen jedoch nur selten täglich, sondern eher sporadisch vor Prüfungen konsumiert werden.

Sind Smart Drugs unfair?
Eine grosse Mehrheit der Schweizer Studierenden lässt also die Finger von Smart Drugs. Trotzdem kann man das Thema nicht einfach unter den Teppich kehren. Schliesslich stellen sich auch moralische Fragen. Ist es fair, dass sich einige Studierende einen Vorteil verschaffen? Es könnte ja sein, dass durch die Turbolerner auf Pillen der Notenschnitt ansteigt und ich plötzlich direkt betroffen bin. Diese, zugegebenermassen etwas zugespitzte These, ist durchaus Thema unter den Studis.

Eine weitere Umfrage, veröffentlicht 2015, zur Einstellung zu Hirndoping zeichnet ein ziemlich klares Bild. 80% der Befragten, wiederum Studierende aus Zürich und Basel, vertraten die Meinung, es sei in einem kompetitiven Umfeld nicht akzeptabel, sich für Prüfungen zu „dopen“. Das tangiert ein sehr wichtiges Thema: Sollte der Konsum von Smart Drugs in Zukunft üblicher werden, so würde auch der Druck steigen, selbst auf solche „Hilfsmittel“ zurückzugreifen. Ein Umfeld, in dem ich nur bestehen kann, wenn ich mir Medikamente reinhaue, schadet dem ganzen akademischen Betrieb und der Universität als Institution.

Ich hole mir dann mal einen Kaffee.

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