«Warum bist du als Ärztin verkleidet?» – Die ersten Eindrücke aus meinem Wahlstudienjahr

Im fünften Jahr  des Medizinstudiums absolvieren die Basler Medizinstudierenden das Wahlstudienjahr. Wir sammeln also neun Monate lang  in Praktika in Spitälern oder Praxen anwendungsorientierte Erfahrungen. Zum Beginn meines Studiums war ich mir sicher, dass ich zu diesem Zeitpunkt à la Dr. House schon alles wisse. Das hat sich in etwa als gleich realistisch herausgestellt wie meine kindliche Vorstellung von mir selbst als 25-Jährige: erwachsen, verheiratet und so weise wie Gandalf, der Graue. Du ahnst es bereits: Es kam ganz anders. Hier also meine ersten Eindrücke:

Dritter Tag: Kindernotfall; Verdacht auf Gehirnerschütterung
Wie gewöhnlich darf ich zuerst in die Kabine rein, mache die Anamnese, die ersten Untersuchungen und rapportiere anschliessend meine Befunde an den diensthabendenden Assistenzarzt. Dieser Rapport läuft immer nach demselben Schema ab: Name, Alter, Vorstellungsgrund plus alles, was ich sonst noch als wichtig erachte.

Dann sind die Rückfragen der Assistenzärzte dran: «Hast du gefragt, ob sich das Kind nach dem Sturz übergeben hat? Nein? In Ordnung, dann fragen wir das nachher gleich zusammen. Hast du das Kiefergelenk untersucht? Wie sieht es mit dem Zahnstatus aus?»

Aus Fehlern lernt man und ich lerne viel hier. Damit der Lerneffekt so gross wie möglich ist, kritzle ich mir meine Patzer auf einen Zettel und lese jenen am Folgetag nochmals durch. Fehler zu machen ist in Ordnung, aber nicht zweimal denselben.

Wir gehen also gemeinsam zurück in das Zimmer und füllen noch die gähnenden Lücken, um danach eine Diagnose stellen zu können. Oft halten die Assistenzärzte danach Rücksprache mit den Oberärzten: Name, Alter, Vorstellungsgrund –  und auch da gibt es Rückfragen: «Hat man die Fontanellen untersucht? Sag Josie, dass sie die Fontanellen bei so jungen Kindern nie vergessen darf zu palpieren. Nie.» Nochmals ein Punkt auf meiner Was-ich-morgen-besser-machen-werde-Liste.

10. Tag: Operationssaal; Leistenhernie beidseits
«Guten Morgen, mein Name ist Josefin Kaufmann, Unterassistentin auf der Pädiatrie, ich werde heute bei der Herniotomie assistieren.» «Guten Morgen, Josefin. Handschuhgrösse?», kommt es zurück. «Sechseinhalb», rate ich mal ins Blaue. Ich stand noch nie am Operationstisch. «Du kannst dich waschen gehen.»

Zwei riesige metallische Waschbecken starren mich an und plötzlich verändert sich die Wahrnehmung meiner Umgebung schlagartig: Alles was ich berühre, ist dreckig, mit irgendwelchen Erregern kontaminiert und eine potenzielle Infektionsgefahr für den Patienten. Zwei Minuten lang schrubbe ich mir etwas zu energisch meine Arme bis zum Ellenbogen mit Seife, danach ist die Desinfektion dran. Statt mit den Händen, muss man die Türe danach pragmatisch mit dem Hinterteil aufstossen.

«Was ist das für eine Struktur hier?», der Chefarzt zeigt auf etwas Rosafarbenes in der Schnittwunde. Alles ist Rosa. Mein Herz pumpt wie verrückt, meine Hände zittern kaum merklich beim Halten des Häkchens. Der letzte Rekrutierungsversuch aller meiner Gehirnzellen auf der Suche nach der richtigen Antwort bleibt vergeblich: «Ich weiss es nicht.» Meine Wangen brennen so heiss, dass sie bestimmt so rot durch die Maske leuchten wie Rentier Rudolphs Nase durch den Nebel.

Da pausiert der Chefarzt kurz seine immerzu arbeitende Hand. «Josefin, atme durch, entspann dich. Du darfst hier im Operationssaal sein, wir freuen uns, wenn du da bist, mithilfst und Fragen stellst. [Pause, seine Hand nimmt ihre Arbeit wieder auf] Nun, kannst du mir sagen, was dies für eine Struktur ist?» Ich atme ein und aus, schaue nochmals genauer auf das rosafarbene Etwas und kann plötzlich rote und weisse Strukturen auseinanderhalten, da gibt es sogar Stränge! Heureka, ich verkünde: «Funiculus spermaticus!» [Samenstrang]

Tag 15: Riss-Quetsch-Wunde occipital – Ein Loch im Kopf
Beim Spielen mit seiner Schwester sei der Junge rückwärts gefallen und habe sich dabei seinen Kopf an der Bettkante angeschlagen. Resultat: Viel Blut, viele Tränen und eine 1.5 cm grosse, leicht klaffende Wunde, die man zunähen muss. Da die Verletzung am Hinterkopf sitzt und von Haaren bedeckt ist, darf die Studentin Hand anlegen. Mit anderen Worten: ich.

Normalerweise blase ich Seifenblasen oder singe Kinderlieder, um die Kinder abzulenken, während die Assistenzärzte sich auf das Nähen konzentrieren können. Jetzt ist es also so weit: meine allererste, eigene Wundversorgung. Mein Herz schlägt mir bis zum Hals, als ich die Materialien bereit lege, sterile Handschuhe anziehe, die Wunde desinfiziere und ausspüle.

«Reicht das so? Kann ich anfangen zu nähen?» Ich suche Halt bei der Assistenzärztin. «Ja, das sieht gut aus, das gibt wahrscheinlich zwei Stiche» Ich spanne leicht zitternd die Nadel in den Nadelhalter ein. Das Kind hatte ich zuvor von Kopf bis Fuss untersucht, ein paar Scherze mit ihm gemacht und ihn mit meinem Stetoskop auch selbst auf sein Herz hören lassen, wobei er mir stolz verkündet hatte, dass es sein allererstes Loch im Kopf sei. Ein sehr lustiger, aufgestellter Junge.

Der beim Anblick der Nadel anfängt zu schreien wie am Spiess. Dabei habe ich ihn noch gar nicht berührt.

Mein leichtes Zittern verwandelt sich also in einer Millisekunde zu einem hochfrequenten Flattern mit grosser Amplitude. Ruhig, Josie, ruhig. Ich setze an und steche das erste Mal durch die Haut. Die menschliche Haut ist viel zäher als die Modelle, an denen wir an der Universität unsere chirurgischen Knoten geübt haben. Man muss mehr drücken, ein wenig mehr mit dem Handgelenk drehen. Das Kind schreit. Die Nadel taucht wieder auf.

Die Bewegungen des Knotens könnte ich im Schlaf machen, doch mit diesen bebenden Händen dauert es doppelt so lange, bis ich endlich die Fadenenden abschneiden kann. Das Kind schreit noch immer und mir ist fast schlecht. Jetzt noch den zweiten Knoten. Wieder einstechen und auf der anderen Seite der Wunde herausziehen. Doch ich treffe eine kleine Arterie und das Blut schiesst nur so aus dem Kopf. «Nimm ein paar Tupfer und halt sie drauf. Das passiert manchmal, das kann man nicht verhindern», beruhigt mich die Assistenzärztin, die Ruhe in Person. Ich halte die Tupfer also drauf, sie färben sich rot. Neue Tupfer; wieder rot. «Nähe schnell zu, das hilft am besten gegen die Blutung.» Ohne zu atmen knüpfe ich die beiden Enden zusammen und halte dann nochmals einen Tupfer drauf. «Es ist vorbei, gut gemacht», lobt die Assistenzärztin den Jungen, der immer noch nicht aufgehört hat zu schreien. Ich atme ein.

Feierabend
Auf dem Weg nach Hause laufe ich in ganzer Ärztemontur an der Kinderkrippe des Spitals vorbei, da schreit ein kleiner Junge plötzlich: «HALLOOOO!» Schon total müde von der ganzen Aufregung des Tages drehe ich mich lächelnd zu dem Kind um und winke ihm zu. «WARUM BIST DU ALS ÄRZTIN VERKLEIDET?!», dröhnt es mir entgegen. Da fängt es in meinem Bauch an zu kitzeln, vor Lachen spritzen mir die Tränen nur so aus den Augen. Dieser Junge hat mich knallhart durchschaut. Was mache ich hier eigentlich?

30 Tage später

  • Die Haut meiner Unterarme ist ganz trocken vom vielen Desinfizieren.
  • Meine Fehlerliste wird täglich ein klein wenig kürzer.
  • Die Nadel zum Zunähen von Wunden wird mir im Operationssaal inzwischen selbstverständlich gereicht, was mir immer noch jedes Mal aufs Neue einen Adrenalinkick verleiht.
  • Ich habe aufgehört, den Chefarzt der Pädiatrie zu duzen, nachdem man mir die Hierarchie nochmals verdeutlicht hat.
  • Zudem weiss ich nun, wie man ein Baby vom Rücken auf den Bauch drehen kann, ohne vor der vierfachen Mutter total inkompetent zu wirken.
  • Tricks im Umgang mit Kindern: Wenn sie bei der Untersuchung nicht richtig mitmachen wollen, hilft es manchmal, ihnen Komplimente zu ihren schönen Augen oder ihrem tollen T-Shirt zu machen. Dann wird man auf jeden Fall angelächelt.

Die Arbeit macht mir unheimlich viel Spass, ich ziehe mir morgens gerne den Kittel an und sitze in den Rapport. Trotzdem gibt es Situationen, in denen mich der Klinikalltag hart trifft. Zum Beispiel, wenn ich Neugeborene untersuche, die wenige Stunden nach der Geburt einen Niktoinentzug durchmachen, weil die Mutter während der Schwangerschaft geraucht hat. Kinder, die von der Polizei gebracht werden und im Spital übernachten müssen, um sie vor den alkoholisierten Eltern zu schützen. Es fehlt mir also nicht nur an medizinischem Wissen und Routine, es gibt auch noch ganz viele andere Ebenen, in denen ich noch einiges lernen muss. Dazu ein Zitat aus «The House of God» von Samuel Shem, das mich sehr berührt hat:

No, we don’t cure. I never bought that either. I went through the same cynicism – all that training, and then this helplessness. And yet, in spite of all our doubt, we can give something. Not cure, no. What sustains us is when we find a way to be compassionate, to love. And the most loving thing we do is to be with a patient.

Ein weiterer Punkt auf meiner Liste.

Josefin Kaufmann

Mit viel intrinsischer Motivation studiert Josefin Kaufmann Medizin; der Schlüssel zum Erfolg ist der Kaffee. Bunt gekleidet, oft zu spät, immer am Lachen. Obwohl sie es geniesst, Köstlichkeiten zu schmausen, befindet sich oft nur Licht und Senf in ihrem Kühlschrank. Auf dem Fahrrad recht gefährlich unterwegs, sind Sonntagsfahrer und rote Ampeln ihr ein Dorn im Auge. Fahrradhelm ist aber ein Muss, Medizinstudium sei Dank.

2 Kommentare

  1. Sylvain
    Di, 19. Mai 2020 / 17:09 Uhr

    Belle prose! Des qualités indéniables. A tout moment de sa vie l’Homme apprend: c’est comme cela qu’il s’enrichit. Une vie riche d’enseignement t’attend.

  2. Sandu
    Fr, 29. Mai 2020 / 10:36 Uhr

    Echt spannender Beitrag, Josie! Der Beast-Blog ist hammer, macht weiter so!

Kommentar schreiben

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Herzlichen Dank für deinen Kommentar. Bevor dieser veröffentlicht wird, wirft noch jemand aus der Redaktion einen Blick darauf. Das kann ein bis zwei Arbeitstage dauern.
Ups. Ein Fehler ist aufgetreten. Bitte versuche es noch einmal.