Vom Küken zum Pfau – Wie das Calcutta Project Basel den Kindern von Kolkatas Sexarbeiterinnen hilft

Schon seit 1991 engagieren sich Basler Studierende im Calcutta Project für sozial benachteiligte Menschen in Indiens Millionenstadt Kolkata. Gastautorin Aileen stellt euch das Programm «Konika» vor, das Töchtern von Sexarbeiterinnen einen Kinderhort und eine Schlafstelle bietet:

Ich möchte euch auf eine Reise nach Kolkata mitnehmen. Kolkata ist die Hauptstadt des indischen Bundesstaates Westbengalen und mit über vier Millionen Einwohnern die siebtgrösste Stadt des Landes.

In Sonagachi, dem grössten Rotlichtviertel der Stadt, ist Armut allgegenwärtig, Kinder müssen unter schwierigsten Bedingungen aufwachsen und Frauen sehen ihre letzte Chance in der Prostitution.

Dort führt das Calcutta Project zusammen mit seiner Partnerorganisation S. B. Devi Charity Home das Programm «Konika» durch. Konika ist Bengali und bedeutet Küken. Küken – das sind hier die Kinder der Sexarbeiterinnen, die in Sonagachi leben und arbeiten.

Neben einem Kindergarten, der sich mitten in Sonagachi befindet und an drei Nachmittagen pro Woche geöffnet ist, ist der Kern des Projekts ein Nightshelter. Es befindet sich nur einen Steinwurf vom Rotlichtviertel entfernt und bietet rund 20 Kindern von Sexarbeiterinnen bis zum Alter von 14 Jahren Schutz. Der Fokus wird hierbei auf Mädchen gelegt, da sie die verwundbarste Gruppe darstellen. Das Ziel ist es, sie in ihrer persönlichen und schulischen Entwicklung zu begleiten und ihnen eine andere Zukunft als den Weg in die Prostitution zu ermöglichen.

Von Montag bis Samstag leben sie also hier: Sie haben einen sicheren Ort zum Schlafen, während ihre Mütter arbeiten, besuchen tagsüber die Schule und werden nachmittags bei den Hausaufgaben unterstützt. Ausserdem werden neben Spielen, Tanzen und Singen auch Sensibilisierungsprogramme angeboten, die sich mit Themen wie Hygiene und Ernährung, aber auch mit dem Erwachsenwerden befassen.

Qualifizierte Mitarbeitende betreuen die Mädchen und unterstützen sie darin, die Schule regelmässig zu besuchen, um einen Schulabschluss zu erlangen – Voraussetzungen für eine Zukunft, die weit weg von Prostitution, Drogen und Kriminalität liegen soll. Denn der Weg in die Prostitution ist für diese Mädchen naheliegend – sie brauchen neue Vorbilder, die ihnen Visionen der Zukunft aufzeigen, die lebenswert(er) sind.

Im Unterschied zu einem Kinderheim liegt der Fokus bei Konika darauf, die Bindung und den Kontakt zwischen Kindern und Müttern zu stärken und dauerhaft zu erhalten. Das wird vor allem dadurch erreicht, dass sich die Mütter verbindlich dazu bereit erklären, sich jeden Sonntag Zeit für ihre Kinder zu nehmen und den Tag zusammen mit ihnen zu verbringen. Darüber hinaus gibt es regelmässige Elternabende mit den Müttern, um sich über den Entwicklungsstand der Kinder auszutauschen.

Damit die Mädchen mit 14 Jahren, wenn sie offiziell zu alt für das Programm sind, nicht auf der Strasse stehen/landen, gibt es aktuell ein Pilotprojekt. Es nennt sich Mayura – das ist ebenfalls Bengali und bedeutet Pfau. Das Hauptziel besteht darin, die einstigen Küken durch ihre Pubertät hindurch zu begleiten und weiterhin zu unterstützen.

Sie sollen die obligatorischen zehn Schuljahre erfolgreich absolvieren, um weiterführende Schulen besuchen oder eine Ausbildung beginnen zu können. Neben dem Fokus auf die schulische Bildung wird die Herausbildung handwerklicher Fähigkeiten unterstützt, denn diese Kompetenzen könnten die jungen Frauen im Ernstfall davor bewahren, auf Sexarbeit angewiesen zu sein. Erst, wenn sich die Mayura-Kinder zu jungen Erwachsenen entwickelt haben, die auf eigenen Beinen stehen und ein eigenes Einkommen generieren können, endet die Arbeit der Mayura- Betreuerinnen und -Betreuer.

Jakob Roth ist Co-Präsident der Geschäftsleitung des Calcutta Projects und seit drei Jahren der Ansprechpartner für das Konika-Projekt auf Basler Seite. Er war im Februar Teil der Delegationsreise, die alle zwei Jahre stattfindet, um sich das Projekt vor Ort anzusehen und den persönlichen Kontakt zu den indischen Mitarbeitenden zu pflegen. Bei einem Treffen für diesen Text hat er mir von seinen Eindrücken von Kolkata und seinen Beweggründen, sich für das Calcutta Project zu engagieren, erzählt.

Von dem zweiwöchigen Aufenthalt im Projekt ist ihm besonders der offene Empfang und der herzliche Umgang mit dem Team vor Ort in Erinnerung geblieben. Ausserdem waren die vielen produktiven und intensiven Diskussionen über die Zukunft und aktuelle Brennpunkte des Projekts sehr spannend. Neben den Gesprächen und den Besuchen der Projektkomponenten kam es auch zu vielen Begegnungen mit den Kindern des Nighshelters, die, so wie die Delegationsmitglieder, im Projektgebäude übernachtet haben.

Das geschwisterliche Verhältnis zwischen den Kindern zu sehen und mit ihnen über ihre Interessen und Träume zu sprechen, war laut Jakob der schönste Teil seines Aufenthalts.

Dass die Reise auch Spuren hinterlassen hat, ist nicht zu überhören. «Es gab immer wieder Momente, in denen wir gemeinsam mit den Kindern gelacht und gespielt haben und plötzlich fiel einem wieder ein, welche Vergangenheit und oft schreckliche Erinnerungen diese Kinder schon mit sich tragen. Das hat mich schon ziemlich nachdenklich gestimmt.»

Auch in den Berufswünschen der Mädchen drückt sich das Erlebte aus: : «Fragt man sie danach, was sie später einmal werden wollen, so entgegnen die meisten, dass sie Polizistin werden wollen, um ihre Mütter und andere Sexarbeiterinnen vor Übergriffen und Machtmissbrauch schützen zu können», so Jakob.

Für Jakob ist das Calcutta Project für Studierende vor allem interessant, weil es neben der Uni eine Plattform bietet, in der man sein Wissen einbringen und umsetzen kann – egal, aus welchem Fachbereich man kommt. Besonders attraktiv sei ausserdem, dass man im Calcutta Project wirklich etwas bewegen könne und oft die Wirkung des eigenen Engagements schnell sichtbar werde.

Nicht zuletzt sammle man als Mitglied erste Erfahrungen in der internationalen Entwicklungszusammenarbeit – für viele Studierende neben der intrinsischen Motivation und dem Wunsch, helfen zu können, ein weiterer Grund, ein Teil des Calcutta Projects zu sein.

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