Unspontane Antwort auf das nervigste Argument aller Zeiten II

Teil 2 – DIE LISTE

Dies ist Fortsetzung des Artikels von gestern: Die angekündigte Liste. Sie funktioniert so:

Irgendeine Person: «Weisst du Manu, wenn du älter bist, wirst du das anders sehen.»

Ich: «äh ja, sehr originelles Argument. Wart schnell, ich hab mir hier alle 534 Gründe notiert, wieso ich dir nicht zustimme. Also:

 

1. Die Zukunft vorauszusagen, ist unsachlich.
Wer anderer Meinung ist, soll sich wenigstens an einen qualifizierten Wahrsager halten, anstatt handgestrickte Prognosen abzugeben. (Den Fachmann erreicht man unter folgender Nummer: 0901 500 500 CHF 4.50/Min a. d. Festnetz)

2. Von sich selber auf andere zu schliessen, ist unsachlich.
So hart der Verlust der eigenen Ideale (wisst ihr noch?) auch ist: Man sollte seinen Frust nicht auf junge, unschuldige Geisteswissenschaftlerinnen abwälzen.

3a) Ich glaub auch, dass ich das später mal anders sehen werde…
Wäre ein wenig anmassend, zu unterstellen, dass ich mich nicht weiterentwickeln will. Ich werde schon noch was dazulernen. Irgendwann habe ich auch keine Lust mehr auf Autostopp. Dann verreise ich halt mit dem Zug.

3b)…aber nicht unbedingt so wie du.
Mit dem Zug verreisen ist aber noch lange nicht das gleiche, wie ein interkontinentaler Kurzurlaub mit Flugzeug. Es gibt ja ganz verschiedene Entwicklungsmöglichkeiten.

4. Schliesslich kann ich da auch noch ein Wörtchen mitreden.
Glaubst du an Selbstbestimmung? Ich schon ein bisschen. Du denkst, wenn ich die Verantwortung für ein Kind habe und von meinem 100% Job müde und gefrustet bin, ändern sich meine Ansichten? Man kann es auch so sehen: Ich habe keine Familie und keinen Vollzeitjob, weil ich beides nicht will. Das ist kein Zufall. Hätte ich mich für eine Lehre entschieden, stünde vielleicht bald schon mein zehnjähriges Firmenjubiläum an. Und kurz darauf der zweite Geburtstag von meinem Jüngsten. Mit Kuchen. Alt genug bin ich ja. Was ich sagen will: Ich habe Einfluss auf meine Lebensumstände und somit auch Einfluss darauf, was mich prägt. Und nein, ich habe nichts gegen Berufslehren, auch nichts gegen Arbeit, Vollzeitanstellungen widersprechen nur meiner ganz persönlichen Vorstellung von einem ausgeglichen Leben.

5. Und die letzten 26 Jahre waren ja auch nicht ohne.
Klingt ja immer so, als wären Kinder und Vollzeitstellen die einzigen Herausforderungen im Leben. Dabei bezahlen wir längstens nicht mehr mit Spielgeld und wir stossen auch nicht mehr mit Rimus an. Auch das Handeln kinderloser Studenten hat Konsequenzen.

6. Geografische Unterschiede
Alle deine Bekannten, die früher vegan waren und nicht reich sein wollten, sind jetzt bürgerliche Workaholics? Das kann auch an der Geografie liegen! Vermutlich ziehst du solche Leute einfach an (was nicht verwunderlich wäre) während die, die sich treu bleiben, möglichst weit weg von dir wohnen (auch verständlich).

7. Wider den Aberglauben!
Glaubt man, dass Freitag der 13. Unglück bringt, fallen einem an besagtem Tag alle Arten von Ungemach auf, während man die Glücksfälle übersieht. Das nennt man selektive Wahrnehmung. Glaubt man, dass Menschen mit dem Alter ihre Ideale verlieren, fallen einem eben vor allem jene Fälle auf, bei denen das zutrifft. Die anderen übersieht man (vereinfacht durch Punkt 5).

8. Was willst du eigentlich?
Es wäre eine ganz grosse Überraschung, wenn plötzlich jemand antworten würde: «Stimmt, du hast Recht, alle meine Vorstellungen und Ideale basieren auf jugendlichem Leichtsinn! Von jetzt an bin ich auch gegen das Grundeinkommen und ich esse jetzt auch wieder Bratwurst.» Unwahrscheinlich, so jemanden umstimmen zu können. Die Absicht muss also eine andere sein. Vielleicht das Gegenüber zu nerven (wenn ich den Streit schon nicht gewinne, soll sich der andere wenigstens schlechte Laune haben, hehe.) Oder das Gegenüber mit der Altersdifferenz einschüchtern (Wenn ich sonst schon nicht viel vorzuweisen habe, dann doch wenigstens, dass ich schon neune Jahre länger lebe!).

9. Mut zur Statistik!
Sind deine Ansichten so dermassen richtig, dass ich sie unabwendbar irgendwann auch vertreten werde, kannst du vermutlich auch mit Fakten argumentieren. Also lass uns doch einfach wieder über 1000-fach unterschiedlich interpretierbare Statistiken streiten, statt über fiktive Ereignisse. Zu dem Zweck studiere ich schliesslich Geschichte.

Wer mit zwanzig…
Gut, dann sag es halt. Bring deinen blöden Spruch. Wer mit 20 noch kein Herz hat, kann mit 40 keinen Infarkt kriegen? Wer mit 20 Jahren noch keine Zitate auswendig lernen kann, soll es mit 40 nochmal probieren? Nein? Musst du mal googlen.


Der Beitrag ist auch  in der HiZ erschienen, also in der Historischen Zeitung des Historischen Departements. Sie kann für 2 CHF im Aufenthaltsraum und im Sekretariat des Departement Geschichte, in der Buchhandlung „Das Labyrinth“ sowie im Caffé Bologna bezogen werden.

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1 Kommentar

  1. Jasmin Schmidlin
    Do, 13. März 2014 / 16:44 Uhr

    Ach du sprichst mir aus der Seele! Wie oft musste ich mir diesen Satz schon anhören (oder ähnliche wie: „Das kannst du noch gar nicht beurteilen, dazu fehlt dir die Lebenserfahrung.“ ) Lebenserfahrung? Hä? Und in meinen bisherigen Lebensjahren habe ich noch keine (bedeutenden) Erfahrungen gesammelt?! Solche Sätze bringen mich jedes Mal auf die Palme. Es war also höchste Zeit, dass jemand mal eine Liste mit guten Gegenargumenten erstellt hat! Vielen Dank!

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