Traumjob in der Denkfabrik

Daniel Müller-Jentsch (44) arbeitet als Ökonom für den Think Tank Avenir Suisse in Zürich. Der gebürtige Deutsche studierte Volkswirtschaft an der London School of Economics und der Yale University (USA). Nach Tätigkeiten bei der Weltbank verfasst er heute für Avenir Suisse Studien zu aktuellen Herausforderungen der Schweiz aus einer ökonomischen Perspektive. Wie seine Karriere genau verlief und wie es ihn nach London, Yale, Brüssel und Washington in die überschaubare Schweiz verschlagen hat, könnt  ihr hier lesen:

Herr Müller-Jentsch, wie sind Ihre Erinnerungen an das Studium in London und Yale?
Ich denke mit Freude an die Zeit zurück. Sowohl London als auch Yale bieten ein sehr anregendes Umfeld – die LSE als Uni im Zentrum einer Weltmetropole und Yale als wunderschöne amerikanische Campusuniversität. Die Erfahrung im Ausland zu leben, neue Kulturen und Menschen kennenzulernen, sollte jeder im Rahmen seines Studiums einmal machen

Wollten Sie schon immer VWL studieren?
Mich hat immer die Politik interessiert und die Frage, wie man sie gestaltet. Daher erschien es mir am sinnvollsten Ökonomie zu studieren – denn politische Kenntnisse kann man sich über Zeitungslektüre aneignen, die ebenso wichtigen wirtschaftlichen hingegen kaum. Für mich war also der politische Aspekt der VWL entscheidend.

Für die Weltbank zu arbeiten ist für viele Wirtschaftsstudenten ein Traum. Wie ist es dort zu arbeiten?
Es ist tatsächlich sehr spannend – sowohl, was die Kollegen als auch was die Tätigkeit an sich betrifft. Dank der Globalität der Weltbank ist man im Austausch mit Ökonomen aus aller Welt und lernt ständig dazu. Ich führte Studien über die Gebiete Nordafrika, den nahen Osten oder auch den Balkan durch. Zu Themen wie regionale Integration, Handel, Infrastruktur und Transportsysteme. Es war eine sehr vielseitige Tätigkeit.

Trotzdem sind Sie nach sieben Jahren von der weiten Welt in die Schweiz gekommen. Wieso?
Ich hätte von Brüssel an den Hauptsitz der Weltbank nach Washington müssen. Doch langfristig wollte ich in Europa bleiben und habe mich nach Alternativen umgeschaut.

Und da war ein Think Tank naheliegend?
In der Tat. Die Arbeit ist in vielen Punkten vergleichbar. Beide Tätigkeiten sind analytisch-strategisch, aber haben einen starken Praxisbezug. Es geht um Politikberatung und die Erarbeitung von Lösungen für wirtschaftspolitische Probleme. Das ist anders als die Forschung an der Universität, die viel theorielastiger ist.

Wer arbeitet bei einem Think Tank?
Vor allem Ökonomen, aber auch ehemalige Unternehmensberater und Politologen. Zusätzlich haben wir einen guten Austausch mit unserem wissenschaftlichen Beirat und externen Experten in Politik, Verwaltung und Wissenschaft. Wir sind eine kleine Institution und deshalb ist die Vernetzung und der stetige Austausch entscheidend.

Ihre letzten Studien behandelten den strapazierten Mittelstand, die Zuwanderung, die räumliche Entwicklung der Schweiz oder die Mobilität. Wie bestimmen Sie die Themen?
Wir können eigene Vorschläge einbringen, aber auch der Direktor setzt gewisse Akzente. Als Projektleiter hat man jedoch grosse Freiräume, was auch daran liegt, dass sich unsere Förderer in die inhaltliche Arbeit nicht einmischen und wir keine Auftragsarbeit machen. Ich würde niemals eine Studie schreiben, hinter der ich nicht selber stehe. Dies war auch ein Grund, warum ich mich für die Avenir Suisse entschied.

Ist es mit der Tätigkeit eines Zukunftsforschers zu vergleichen?
Nein, das nicht. Unsere Analysen und Reformvorschläge orientieren sich an einem Horizont von drei bis zehn Jahren. Die Zukunftsforscher beginnen erst ab zehn Jahren. Auch das Ziel ist ein anderes: Zukunftsforscher prognostizieren die Zukunft, wir wollen sie durch Lancierung von Vorschlägen und Debattenbeiträgen mitgestalten. Es gibt aber auch eine Schnittmenge: beide wollen auf künftige Probleme aufmerksam machen.

Helfen die Medien, die Debatten zu lancieren?
Ja, sie sind unser wichtigster Transmissionsriemen für unsere Forschungsergebnisse und Reformvorschläge. Aber wir halten auch viele Vorträge, nehmen an Podiumsdiskussionen teil und stehen im Dialog mit Politikern und Experten. Die Tätigkeit in einem Think Tank besteht zu einem grossen Teil aus Kommunikation. Gespräche während dem Erstellen der Studien und vor allem danach, zur Verbreitung der Resultate.

Ist die Kommunikationfähigkeit demnach fast genau so wichtig wie die Forschung?
Die Kommunikation ist ein zentraler Aspekt, denn wir wollen gestaltend auf die Politik einwirken. Wir sehen uns als Katalysator von Reformdebatten und dafür ist die Öffentlichkeitsarbeit essentiell. Doch die Forschung und die saubere Methodik der Studien sind die Basis unserer Arbeit. Nur wenn wir als kompetent und intellektuell redlich respektiert werden, nimmt man unsere Vorschläge ernst. Ich würde sagen, etwa die Hälfte meiner Arbeit besteht aus Forschung, die andere Hälfte aus Kommunikation.

Sind Sie eine Art Unternehmensberater für eine Volkswirtschaft?
Es ist tatsächlich zu vergleichen mit einer Beratertätigkeit, quasi Strategie-Consulting auf politisch-öffentlicher Ebene. Nur das man nicht im Auftrag eines Unternehmens handelt, sondern aus eigener Initiative. Eine hohe Eigenmotivation für die Tätigkeit unabdingbar. Es muss die Leidenschaft in einem brennen, etwas zu bewegen. Deshalb ist es wichtig, dass man auch an Themen arbeitet, die einen persönlich interessieren und dass man entsprechende Freiheiten hat.

Was raten Sie Ökonomiestudierenden, die von einem Think Tank-Job träumen?
Ich glaube nicht, dass es einen klassischen Karrierepfad für diesen Job gibt. Die meisten unserer Mitarbeiter kommen aus der Praxis aus verschiedenen Feldern der Ökonomie. Eine vielfältige Berufserfahrung erleichtert die Arbeit in einem Think Tank. Es gibt aber auch Kollegen, die gleich nach der Uni bei uns eingestiegen sind und sich vom Rechercheassistenten zum Projektleiter entwickelt haben. Aber anstreben kann man eine Karriere in einem Think Tank wohl nicht gezielt.

Den kostenlosen wöchentlichen Newsletter von Avenir Suisse und alle Informationen zum Think Tank findet ihr unter: http://www.avenir-suisse.ch/avenir-suisse-weekly/

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