«Mich trifft es persönlich hart, wie sehr die Leute einfach nur zurück wollen.»

Islamwissenschaftsstudentin Carolina Kameratzki über ihr Engagement für Flüchtlinge in Jordanien

Zur Zeit ist die «Flüchtlingskrise» in Europa in aller Munde. Die 23 -jährige Islamwissenschaftsstudentin Carolina Kameratzki hat den Blick über den Tellerrand hinaus gewagt und absolviert momentan ein Praktikum beim Collateral Repair Project in Amman, Jordanien. In einem Land also, in welchem derzeit rund zwei Millionen Flüchtlinge aus Palästina, Irak und Syrien leben, die meisten davon schlagen sich in den Städten am Existenzminimum durch. Aus der Ferne erzählt uns Carolina, was sie zur Freiwilligenarbeit bewegte und von der Flüchtlingsarbeit in einem Klima, in dem internationale Organisationen nicht einmal Geld sammeln dürfen.

Dass Carolina ausgerechnet nach Jordanien wollte, war eine eher persönliche Entscheidung: «Ich musste mal aus der Schweiz raus und dann hat sich ein Sprachkurs in Amman angeboten», erzählt mir Carolina via Skype. Vor Ort ist sie auf das Collateral Repair Project gestossen, für das sie nach einem Semester ihren Sprachkurs abbrach, um sich dort stärker zu engagieren. Dort besetzt sie nun mit anderen Freiwilligen – zum grössten Teil Amerikaner, die ebenfalls Arabisch lernen – das Ressort „Distribution and International Volunteer Coordination“. Dazu gehören das Verteilen von Essensmarken, Gas und Schulmateralien an die städtischen Flüchtlinge Ammans, das Koordinieren der Einsätze von internationalen Freiwilligen und die das Spendensammeln. Letzteres stellt in Jordanien eine der grössten Hürden dar:

Hilfe vor Ort dank Social Media
Internationalen Organisationen ist es in Jordanien nicht erlaubt, Spenden zu sammeln. Benefizkonzerte oder ähnliche Aktionen kommen gar nicht erst in Frage. Auch kämpfen die Hilfswerke mit dem fehlenden bzw. übersättigten Bewusstsein der Einheimischen. «Die Leute sind immun gegen Themen wie Hunger, Leid und Flucht», berichtet Carolina. Weil der Hauptsitz des CRP in den Vereinigten Staaten liegt, kommt der grösste Spendenanteil derzeit aus Amerika. Entsprechend muss Carolina vor allem zu den sozialen Medien greifen, um in dieser Situation Aufmerksamkeit zu generieren, zu informieren und damit auch Spenden zu sammeln. Man kann sagen: Vor 20 Jahren wäre diese Arbeit gar nicht möglich gewesen. Jetzt, wo die Flüchtlingsthematik in Europa jedoch derart in den Medien präsent ist, sei es noch viel schwieriger für solche Hilfswerke, Aufmerksamkeit für ihre Anliegen in Jordanien zu gewinnen.

Besonders eindrücklich ist für Carolina, wie nüchtern die Situation vor Ort betrachtet wird. Gespräche über die «Daesh» (Daesh ist eine andere, negativ konnotierte Bezeichnung für den IS) gehören zur Tagesordnung. «Mich trifft es persönlich hart, wie sehr die Leute einfach nur zurück wollen. Sie weinen eigentlich immer fast, wenn man länger mit ihnen spricht. Entweder weil sie von Zuhause erzählen, oder weil sie erzählen, wie schwer es ist, aus ihrer Situation wieder herauszukommen. In Europa haben wir einfach alle Freiheit der Welt, während sie nach dem Motto „friss oder stirb“ leben müssen.»

Selbstständigkeit gefragt
Für diejenigen, die sich überlegen, selbst mal in einem ähnlichen Umfeld ein Praktikum zu absolvieren, gibt uns Carolina noch folgende Tipps mit auf den Weg:

  1. Überlege dir kreative Möglichkeiten, deinen Aufenthalt querzusubventionieren, denn die Mittel des Hilfswerks sind natürlich begrenzt. Carolina selbst verdient sich einen Zustupf, indem sie in Amman nebenbei als Deutsch- und Polnischlehrerin jobbt.
  2. Überlege dir, was du überhaupt mit deiner Arbeit bieten bzw. mitbringen kannst. Im Gegensatz zu einem herkömmlichen Praktikum liegt der Fokus deiner Tätigkeit nicht nur darauf, Berufserfahrungen zu sammeln, sondern es ist vor allem wichtig, wie du selbst helfen kannst. Hier ist Selbstständigkeit gefragt.
  3. In einer sich derart ständig ändernden Situation sind drei Persönlichkeitsmerkmale unerlässlich: Flexibilität, Gelassenheit und Belastbarkeit.

Wer übrigens mehr vom Collateral Repair Project erfahren oder selbst spenden möchte, kann dies auf dessen Webseite tun: http://www.collateralrepairproject.org

 

 

 

 

 

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