„Mein Hirn ist einfach ein bisschen anders verkabelt.“

Studieren mit Asperger

Laura* ist vom Asperger-Syndrom betroffen, einer Störung innerhalb des Autismusspektrums. Zurzeit macht sie einen Bachelor an der naturwissenschaftlichen Fakultät und arbeitet daneben 60% im Gastgewerbe. Ich habe mich mit Laura getroffen und mit ihr über die Auswirkungen ihrer Erkrankung auf ihr Studium gesprochen.

Laura, ein bekanntes Vorurteil über Autisten ist, dass sie genau wissen, was sie interessiert. Wie war das bei dir mit der Studienwahl?
Ich habe in verschiedene Sprachfächer reingeschnuppert, da mich das eigentlich schon länger interessiert hat. Dann habe ich mir auch Biologie angeschaut, dort hat mir der medizinische Aspekt sehr zugesagt. Über Bekannte bin ich dann schlussendlich in meinem Fach gelandet. Dort gefällt es mir bis jetzt sehr. Klar, ist es aufwendig, wenn man daneben arbeitet, vor allem halt als Aspie.

Wann ist bei dir die Diagnose Asperger gestellt worden und wie hast du diese aufgenommen?
Die Diagnose bekam ich erst vor eineinhalb Jahren, ich war damals bereits am Studieren. Das war für mich auf der einen Seite eine Erlösung, ok – endlich hatte ich einen Namen für Dinge, die bei mir im Vergleich zur Mehrheit anders sind. Auf der anderen Seite hat es mich auch selber verunsichert. Ich traute mir plötzlich selbst nicht mehr richtig über den Weg. Seither mache ich mir auch vermehrt Gedanken, was das konkret für mich und mein Studium bedeutet, gerade im Hinblick auf Prüfungssituationen. Vor der Diagnose  habe ich schlechtere Noten eher der Doppelbelastung mit der Arbeit zugeschoben. Heute weiss ich, dass sicher noch andere Faktoren ausschlaggebend sind bzw. es Sachen gibt, die mir das Studium zusätzlich erschweren können.

Hat dein Studium oder der Studienalltag dir dabei geholfen, auf die Diagnose zu kommen oder dich abklären zu lassen?
Indirekt. Ich bin über Umwege auf die Thematik gestossen, habe Dokumentationen gesehen und mich schon vor meiner Diagnose sehr für Autismus interessiert. Ich konnte die Leute in einer gewissen Weise sehr gut verstehen, sie waren mir irgendwie sympathischer als der „normale“ Rest. Ich bin dann über den Asperger-Autismus gestolpert und habe in erster Linie an einen Freund gedacht. Als ich selber auch online verfügbare Tests gemacht habe, entdeckte ich eine gewisse Tendenz dazu bei mir. Ich liess mich dann testen und mein Verdacht wurde bestätigt.

Wie reagieren die Mitmenschen, wenn sie von deiner Erkrankung erfahren?
Es gibt durchaus Leute, die einen dann behandeln, als wäre man irgendwie dumm oder „ajo irgendwie biz behinderet“. Dabei ist es nicht eine Krankheit, die man hat oder eben nicht und die man dann einfach mit Medis oder Psychotherapie behandeln kann. Mein Hirn ist einfach ein bisschen anders verkabelt – so würde ich es am ehesten beschreiben. Gewisse Menschen können damit aber nicht wirklich umgehen. Ich erzähle es deshalb auch nicht so vielen. Bei Autismus denken viele an Rain Man oder an pflegebedürftige Menschen. Dabei gibt es von diesen sogenannten Savants, wie eben Rainman einer ist, weltweit nur ganz wenige. Wenn ich jedoch nichts von meiner Erkrankung sage, dann denken sie einfach „ok – Laura ist ein bisschen speziell, manchmal in gewissen Situationen etwas komisch und exzentrisch“.

Was ist denn in deinem Studienalltag anders als bei Nichtbetroffenen?
Besonders schwierig sind für mich immer die Prüfungen. Es fällt mir schwer, die genaue Aussage einer Frage zu erfassen und zu begreifen, was der Professor genau meint. Oft schreibe ich zwar richtige Sachen hin, aber nicht das, was wirklich gefragt wird. Das ist ein typischer Aspekt des Asperger-Syndroms: Man versteht viele Sachen anders respektive wörtlich. Dies macht vor allem Multiple-Choice-Prüfungen zu einer sehr schwierigen Aufgabe für mich. Darüber hinaus ist Ruhe sehr wichtig für mich: Wenn ich an die Uni gehe, dann setze ich mich immer ganz zu vorderst hin. Dort gibt es weniger störende Nebengeräusche, denn je weiter hinten man sitzt, desto unruhiger wird es. Das sind für mich dann zu viele Informationen auf einmal. Mir fällt es generell schwieriger, mich auf eine Sache zu konzentrieren, wenn zu viel Nebengeräusche vorhanden sind.

Was ist anders im Umgang mit Mitstudierenden?
Eine Herausforderung ist für mich das Lesen von Gesichtern, du zum Beispiel siehst einem Menschen viel schneller an, wie er sich fühlt. Auch wenn jemand etwas ironisch sagt, erkenne ich dies nicht so einfach. Ich denk mir dann immer „Ok – war das jetzt ernst? Oder war’s ein Witz?“. Bei Leuten, die ich nicht kenne, ist das besonders schwierig. Schon früher hatte ich Probleme mit Redewendungen, wenn mir jemand gesagt hat, beiss dich da durch, dachte ich immer „Hä?“, denn als Aspie nehme ich das dann wortwörtlich. Es war wie Vokabeln lernen, mit der Zeit habe ich diese Redewendungen dann verstanden. Ausserdem sind für mich die Pausen immer eine spezielle Herausforderung. Meine Komilitonen finden dann sofort zusammen und ich staune immer wieder, wie schnell fremde Leute miteinander ins Gespräch kommen. Ich gehe dann lieber einen Kaffee holen. Ich spreche eben gerne über sinnvolle Dinge, sich übers Wetter unterhalten gehört da definitiv nicht dazu. Auch mit Tratsch und Klatsch kann ich nichts anfangen.

… du bist also ein pragmatischer Mensch?
Ja, sehr. Ich versuche immer, alles mit meinem Verstand zu erfassen und mit Ratio zu verarbeiten. „Normale“, so denke ich zumindest, die machen einfach. Das fällt mir schwer. Ich muss mir jeden Schritt überlegen. Verhaltenskonventionen musste ich mühsam auswenig lernen, ich lächle nicht intuitiv, wenn ich zum Beispiel bei der Arbeit bin. Da muss ich mich jedes Mal selber dran erinnern. Mein Problem war mir lange vor der Diagnose schon bewusst, daher hatte ich mir in der Vergangenheit als Massnahme Theaterkurse verordnet. Dort konfrontiere ich mich bewusst mit Situationen, die mir im Alltag schwerfallen. Vor Publikum aufzutreten, andere Menschen anzufassen…. Das bringt mir extrem viel.

ProfessorInnen, die ausschweifend über ihr Leben berichten und keine Prioritäten setzen können, erschweren dir das Leben also?
Ja, ich mag schon am liebsten, wenn jemand strukturiert vorgeht und betont, was wirklich wichtig ist. Dann fällt mir auch das anschliessende Lernen einfach. Ich lerne übrigens immer zu Hause. In der UB zu lernen, wo immer noch jemand hustet, aufsteht und rumläuft, kommt für mich nicht in Frage.

Welche Rolle spielt denn die Servicestelle Studieren ohne Barrieren?
Vor einiger Zeit wurde ein Merkblatt als Hinweis für Lehrende herausgegeben, wie man uns Studierenden mit Asperger den Unialltag erleichtern kann. Aktuell ist mir die Stelle dabei behilflich, einen Antrag auf besondere Prüfungsbedingungen auszufüllen. Eventuell werde ich in Zukunft meine Prüfungen alleine in einem Raum schreiben können, wo mich die anderen nicht ablenken.

Was wünschst du dir von deinen KomilitonInnen?
Das ist schwierig zu sagen, ich habe ja kein Schild mit der Aufschrift „Asperger-Syndrom“ um den Hals hängen. Klar, es hilft mir aber, wenn ich in Gruppen bin, in denen es sehr soziale Menschen gibt, die mich immer einladen und einbinden. Das ist, wie gesagt, nicht so meine Stärke. Ich fordere mich da auch immer wieder selber und versuche bewusst offen auf andere Menschen zuzugehen. Aber ab und zu gibt es einfach Tage, an denen ich absolut null Lust auf Menschen habe – das ist aber dann auch ok. Da brauche ich einfach viel Zeit für mich selber.
*Name geändert.

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