Konfuzius, Tempel und Grossstadttreiben – zwei Wochen in Shanghai

Zwei Wochen Summer School in Shanghai. Voller Vorfreude auf das Unbekannte traf ich mich mit 17 weiteren Basler Studierenden am Frankfurter Flughafen. Schon am Gate merkte ich, dass etwas anders war. Anstatt der üblichen Handgepäckkoffer wurden Schnellkochtöpfe und allerlei anderer Kuriositäten mit an Bord gebracht. Alles schien mir hektischer und lauter als beim üblichen Boardingprozess. Das war es, was China werden würde: laut, hektisch, kurios und unglaublich spannend.

Der Unterricht
Auf dem Gelände der Uni waren wir in einem Gebäude für internationale Studierende untergebracht. Der Campus der East China Normal University hat mich äusserst positiv überrascht. Ich hatte vieles erwartet, nicht aber ein so grünes Gelände.

Die nächsten zwei Wochen fand vormittags Unterricht statt. In einem imposanten Gebäude wurden wir in zwei Gruppen unterrichtet. Wir begannen die Grundlagen, die wir in einem Vorbereitungskurs in Basel gelernt hatten, zu wiederholen und vertiefen. Schnell lernten wir, wie wir uns vorstellen können und wie man im Restaurant bestellt. Schon bald merkte man, wer motiviert war und Gelerntes nach dem Unterricht repetierte – und wer nicht. Die chinesischen Unterrichtsmethoden sind offensichtlich anders als die in Europa: Man legt grossen Wert auf das gemeinsame Nachsprechen einzelner Sätze. Das gilt für Schüler der Primarschule genau so wie für Studierende einer Universität. Unser Lehrer hielt es ausserdem für unabdinglich, uns zwei seiner Lieblingsfilme zu zeigen. Es war zwar interessant zu sehen, dass chinesische Filme Hollywood in nichts nachstehen, trotzdem hätte ich es besser gefunden, wenn wir deshalb nicht auf wertvolle Unterrichtszeit hätten verzichten müssen.Campus

Das Essen
Ich bin jemand, der wirklich gerne isst und habe kein Problem damit, Unbekanntes zu probieren. Freude am Essen gehört für mich zum Leben. Ein Stück weit habe ich diese Lust am Essen zu Beginn unserer Zeit in China verloren. Vielleicht war es mein schwacher Magen, vielleicht meine Angst vor Fleisch von Tieren, die ich nicht als Lebensmittel verstehe oder vielleicht doch die Maus, die sich an einem Strassenstand bediente. Es war vermutlich nicht die beste Idee, Artikel über Lebensmittelskandale in China zu lesen, kurz bevor ich in den Flieger stieg.

Oft war das Essen fettig, ohne wirklichen Eigengeschmack. Manches war zu scharf, mit der Folge, dass man vom Essen wenig wahrnahm. Das ist aber nur eine Seite des Essens in China. Gewusst wie kann man nämlich in Shanghai viele kulinarische Köstlichkeiten entdecken. Ein absolutes Highlight war für mich das „70’s Restaurant“. Dort gibt es für Shanghai traditionelle Küche zu fairen Preisen.

Meine anfängliche Skepsis dem Essen gegenüber legte sich langsam. Über die beiden Wochen hinweg wurde ich experimentierfreudiger. Anfangs ass ich mittags Reis ohne jegliche Beilagen. Am Ende unserer Zeit in China traute ich mich sogar an die Qualle heran, die beim Abschlussessen serviert wurde. Es gibt sicherlich Einiges, das auch den Einheimischen nicht schmeckt. Wichtig ist jedoch, mutig zu sein und das Essen zu probieren, wider aller Vorurteile. Es gibt so viele Köstlichkeiten zu entdecken!Essen

Studierende kennenlernen
An unserem ersten Tag in China lernten wir Studierende der ECNU kennen. Diese würden nur zwei Wochen später beginnen, an einer Schule in Addis Abeba (Äthiopien) Chinesisch zu Unterrichten. Vom Land selbst, geschweige denn dem afrikanischen Kontinent, wussten sie wenig bis fast nichts. Kaum eine Überraschung. Erstaunt war ich aber, als ich hörte, dass unter den chinesischen Studierenden Themen wie Homosexualität offen angesprochen werden. So wurde einer von uns gefragt, ob er Interesse am eigenen Geschlecht hat. Auf die verneinte Antwort reagierte sein Gegenüber mit den Worten: „Macht ja nichts“, er selbst stehe aber auf Männer. Afrikaner habe er am liebsten, Europäer seien aber auch in Ordnung. Da war ich kurz sprachlos. Eine solche Offenheit hatte ich in China nicht erwartet. An diesem Nachmittag haben wir auch zum ersten Mal erlebt, was es heisst, als Europäer in Asien zu sein: wir wurden unzählige Male fotografiert.

Shanghais Stadtbild
Vergleicht man Bilder der Stadt vor zehn Jahren und heute, stellt man schnell fest: Wo heute Wolkenkratzer in die Höhe ragen, standen noch vor einem Jahrzehnt Bäume. Natur musste Beton weichen und in kürzester Zeit entstand eine Skyline, für die Shanghai heute rund um die Welt bekannt ist. Der „Bund“ ist eine Uferpromenade entlang des Huangpu-Flusses. Von dort hat man den besten Blick auf die Hochhäuser im Stadtteil Pudong.

Man findet viele architektonische Einflüsse in Shanghai. Am Bund gleicht kein Haus dem anderen. Oft erinnern lediglich die Schilder mit chinesischen Schriftzeichen an den Gebäuden an deren Standort. Man sieht viele Gebäude, die genau so auch in London stehen könnten. Aber auch einen Wall Street-Bullen habe ich entdeckt. Hier hat man sich scheinbar nicht nur die Inspiration aus New York geholt.Stadt

Swiss Center
Bis zu unserer Ankunft hatte ich kaum eine Vorstellung darüber, was uns im „Swiss Center Shanghai“ erwarten würde. Irgendwie hatte ich mit einer kleinen Enklave und Käse zum Abendbrot gerechnet, aber weit gefehlt. Das Swiss Center ist eine Non-Profit Organisation, die Schweizer KMUs dabei unterstützt den chinesischen Markt zu erschliessen und dort erfolgreich zu operieren. Hierfür stellt die Organisation Büroräume zur Verfügung, kümmert sich um administrative Belange und hilft beim Einstellen chinesischer Angestellten vor Ort. In den Räumlichkeiten sind verschiedenste Unternehmen untergebracht. Ich musste zwar auf mein sehnlichst erwartetes Käsebrot verzichten, trotzdem gehört der Besuch des Swiss Centers zu meinen persönlichen Highlights unserer Zeit im Shanghai. Vor allem für die Wirtschaftsstudierenden gab es viel zu lernen und wir konnten mit den Angestellten vor Ort diskutieren. Besonders in Erinnerung geblieben ist mir ein „VIP-Supermarkt“. Dort werden importierte Waren an wenige Mitglieder verkauft. Die französischen Weine fand man in Regalen neben den Weichspülern günstiger Eigenmarken deutscher Supermarktketten. Um welches Produkt es sich hierbei genau handelte, schien nebensächlich. Hauptsache das Etikett ist auf Deutsch. Egal ob Spirituosen, Essiggurken oder Babywindeln – Made in Europe steht hoch im Kurs in Fernost.

Gastfamilie
Für die meisten von uns war der Tag, den wir mit einer Gastfamilie aus Shanghai verbracht haben, der Höhepunkt unserer Reise. Ich bin ehrlich: Zu Beginn war ich etwas skeptisch. Wie würde wohl ein Nachmittag mit einer fremden Familie verlaufen? Wie würden wir die Sprachbarrieren überwinden? Zehn Sekunden lang überlegte ich sogar, ob ich eine Krankheit vortäuschen sollte, um den unangenehmen Minuten des Stillschweigens aus dem Weg gehen zu können. Im Nachhinein bin ich sehr froh darüber, dass ich das nicht getan habe.

Immer zu zweit, wurden wir auf Familien verteilt. Die Kinder waren zunächst sehr aufgeregt und schüchtern. Besonders die Tochter traute sich anfangs nicht mit uns zu sprechen. Sie dokumentierte aber jede unserer Bewegungen mit einem Foto auf ihrem Handy in rosa Hello Kitty-Cover. Die Familie führte uns durch Tainzifangs enge Gassen, in denen Handwerksarbeiten und allerlei kulinarischer Spezialitäten angeboten werden. Immer wieder hielten wir an, um etwas Neues zu probieren. Die Tochter versuchte uns mehrfach davon zu überzeugen, unter dem Sonnenschirm zu laufen, damit wir nicht braun werden. Sogar im Taxi versuchte sie ihn schützend für uns aufzuspannen.

WeChat
Dass es der chinesische Staat mit der Pressefreiheit nicht so eng sieht, ist kein Geheimnis. Generation WeChat scheint das aber nur wenig zu stören. Für jede Social Media-Plattform, die der „Harmonisierung“ zum Opfer fällt, gibt es eine chinesische, dem Staatswillen entsprechende, Alternative. WeChat ist das Pendant zu unserem Whatsapp. Die chinesische App kann aber noch viel mehr: Man kann unbekannte Personen in der Gegend finden und über öffentliche Profile kontaktieren. Firmen nutzen diese Accounts zu Marketingzwecken. Jedes Mal, wenn wir eine Einrichtung in Shanghai besuchten, fiel das Wort WeChat. Die App hat einen sehr grossen Stellenwert im täglichen Leben.

In den sechzehn Metro Linien der Stadt hat man nur selten jemanden ohne ein Smartphone in der Hand gesehen. Viele Chinesen scheinen den Blick nur selten vom rechteckigen Begleiter in ihrer Hand zu lösen. Vielleicht ein Grund, warum man so oft angerempelt wird. Man vergisst den Blick zu heben, die dreiundzwanzig Millionen Menschen um sich herum wahrzunehmen und versinkt in einer virtuellen Welt.

Tempel
Shanghai ist eine sehr moderne Stadt. Oft erinnert nicht viel daran, dass man in China ist. Immer wieder war ich beinahe enttäuscht, wenn ich Gebäude entdeckte, die genau so auch in New York stehen könnten. Ich hatte mir erhofft, das Besondere, das Chinesische würde an jeder Strassenecke auf mich warten. Mir hätte früher bewusst werden müssen, dass es sich dabei um eine träumerische Phantasie handelt. Spätestens als ich mich mit den Einwohnerzahlen beschäftigte. Dreiundzwanzigmillionen Menschen auf einer Fläche, die einem Siebtel der Schweiz entspricht. Natürlich können nicht all diese Menschen in traditionellen eingeschossigen Gebäuden wohnen. Mein Verlangen nach Traditionellem wurde aber immer erfüllt, wenn ich einen Tempel besuchte. Hier fühlte ich mich wie in einer anderen Welt. Eine Welt, wie ich sie in dieser Stadt erwartet hatte. Sobald man die Tore eines Tempels passierte, schien es, als würde der Lärm der Stadt verstummen. Als würden die Uhren plötzlich etwas langsamer gehen. Es war spannend, das religiöse Treiben zu beobachten. Einblicke in eine Religion zu gewinnen, die mir bisher weitestgehend unbekannt war. Man findet also auch heute noch chinesische Traditionen an Strassenecken. Allerdings wird für sie Eintritt verlangt.

Der Jadebuddha-Tempel ist Shanghais besterhaltener Tempel. Während der Kulturrevolution hatten Mönche grosse Bilder von Mao über die Türen geklebt. Beim Eindringen hätten die Rotgardisten diese zerstören müssen. Das schreckte sie nachhaltig ab und verhinderte die Zerstörung des Tempels.Tempel

In den zwei Wochen in China habe ich viel gelernt. Über fremde Kulturen, fremde Sprachen und über mich selbst. Viele meiner anfänglichen Vorurteile kann ich heute widerlegen. China ist jetzt mehr für mich als ein riesiges Land ganz rechts auf unserer Landkarte. Ein Land, über das ich bis jetzt nur in politischen Zusammenhängen nachdachte, hat ein Gesicht bekommen. Das Gesicht der Menschen, die ich dort kennenlernen durfte.

Auch im nächsten Jahr wird das Konfuzius Institut an der Uni Basel wieder mit einer Gruppe von Studierenden nach China reisen. Für mehr Informationen könnt ihr die Internetseite im Auge behalten.

 

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