Informatikstudent in Basel – YouTube-Star in Indonesien

Syarif Zapata ist Student der Informatik an der Universität Basel und dreht in seiner Freizeit Videos für seinen YouTube-Channel. Der Indonesier widmet sich dabei seinem Leben in Europa und Themen wie Religion, Sexualität, Urlaub und Arbeit. In der Schweiz erreicht er damit wenige – in Indonesien Millionen.

Das liegt natürlich nicht zuletzt daran, dass Syarif in seinen Videos Indonesisch spricht. Ich kenne ihn als klugen, witzigen Mitstudenten – und als Deutschsprecher. In seinen Videos erzählt Syarif viel, und was genau, das verstehe ich eigentlich nicht. Ich sehe nur die Anzahl Views, die oft im sechsstelligen Bereich sind.
Paradoxerweise explodieren Klicks und Kommentare bei denjenigen Videos, in denen Syarif seine Schweizer Mitstudierenden und Freunde interviewt, und diese auf Schweizerdeutsch Auskunft geben. Syarif übersetzt ihre Antworten mit Untertitel. Eines dieser Videos wird bald die 6-Millionen-Marke knacken.

Die Schweiz im Interview zu indonesischen Tabus
Das liegt, wie mir Syarif erklärt, am Inhalt des Videos. Er stellt seinen Freunden Fragen zu Sex, Gehalt und zum Erwachsenwerden. Themen, die die Indonesierinnen und Indonesier ziemlich bewegen. «Sex ist in Indonesien ein Tabu. Jugendliche machen es heimlich.» Das Ziel, über europäische Verhältnisse aufzuklären, kommt bei den IndonesierInnen daher nicht immer gut an. Sein Video wurde mittlerweile zum zweiten Mal in Indonesien gesperrt. Syarif übersetzt mir einige Kommentare. Es wird klar, dass einige Viewer Diskretheit von ihm erwarten. «Blöde Kommentare beachte ich nicht mehr, ich habe keine Lust, lange zu diskutieren. Aber ich lenke die Diskussionen der Viewer gerne in eine bestimmte Richtung.» Syarif ist wichtig, dass sie ihre Sicht auf ihr eigenes Land und aber auch auf Europa hinterfragen.

Europa wie auch die USA haben in Indonesien als westliche Welt einen ganz bestimmten Ruf. «Viele denken, die westlichen Länder steuern und kontrollieren die Wirtschaft in Indonesien.» Zu ihnen blicken die Leute in Indonesien aus einer merkwürdigen Froschperspektive hinauf und fühlen sich unterlegen. Als er vor sieben Jahren nach Berlin zog, um Politikwissenschaften zu studieren, sei ihm erst bewusst geworden, dass er sich nicht gross von den europäischen Kommilitonen unterscheidet.

150’000 Subscriber
Vor drei Jahren zog Syarif nach Basel, um mit seiner Freundin hier zu leben und für sein Zweitstudium Informatik. Seine YouTube-Karriere startete er dann etwa vor einem Jahr, zunächst mit Mathevideos. Nach einem Kamera-Upgrade veröffentlichte er sein erstes Urlaubsvideo und bemerkte, dass es erstaunlich gut ankam. Seither kamen Interviews, Q and A’s und Vlogs dazu. Vor kurzem hat er den hundertfünfzigtausendsten Subscriber erhalten. Im Vergleich zu Schweizer Channels wie SRF (35’000 Subscriber) oder Ask Switzerland (64’000 Subscriber) ist das ziemlich viel. Bekannte indonesische Youtuber kommen jedoch locker auf über eine Million Subscriber.

Urlaubsvideos und heikle Themen
Seine Subscriber schätzt Syarif auf 25- bis 30-jährig. Keine Jugendlichen also, auch wenn er durchaus über Themen redet, die auch indonesische Jugendliche beschäftigen dürften. «Die Viewer schätzen, dass ich keine Jugendsprache rede, keinen Slang. Das machen nämlich viele indonesische YouTuber. Sie mischen Indonesisch und Englisch. Ich benutze das formelle Indonesisch und das mögen die Menschen.» Auch die Möglichkeit, etwas von Europa zu sehen, spricht viele indonesische Zuschauer an.

Syarif erzählt von einem Video, das er bei einem Schweizer Bauer auf dem Land gedreht hat. Das sei immer noch sehr beliebt. «Indonesier kennen diese Seite von Europa nicht, ihre Bauern sind natürlich ganz anders als die Schweizer Bauern.» Videos zu heiklen Themen lädt er aber auch immer noch hoch, so zum Beispiel seine Kritik zur indonesischen Politik, zu indonesischem Rassismus oder seine Meinung zu Marihuana.

Trotzdem will er sich nun mehr auf solche Urlaubsvideos wie diejenigen beim Schweizer Bauer konzentrieren. Zum einen, weil sie einfacher und schneller gemacht sind, zum anderen, weil er sich nicht getraut, fremde Leute auf der Strasse anzusprechen, um sie zu interviewen. Ich merke an, wie paradox das ist, immerhin verfolgen ihn hunderttausende Menschen auf Youtube. Syarif lacht, er wisse auch nicht, wieso er Angst hat.

Jedenfalls habe er aber bald doch noch ein Interview, was die indonesische Gemeinschaft sehr interessieren dürfte: Nämlich mit der indonesischen Botschaft in der Schweiz. Syarif will darüber informieren, wie man Botschafterin respektive Diplomat wird, und wieviel man als solcher verdient. Hier zeigt sich auch, wie stark sein Einfluss zurzeit wächst. «Vor einem Jahr hatte ich zehntausend Subscriber, da haben sie meine Anfrage noch abgelehnt. Erst vor kurzem haben sie auf meine zweite Anfrage zugesagt.»

Andjelka Antonijevic

Andjelka Antonijevic studiert Germanistik und Mathematik und fällt regelmässig in kleine Identitätskrisen, wenn sich ein gedehnter Vokal oder aspiriertes 'k' in ihren Aargauer Dialekt verirrt. Sie verbringt viel Zeit beim Stöbern in Brockis, möchte aber eigentlich gerne mehr Kurzgeschichten schreiben. Nach Lernphasen flüchtet sie mit Rucksack und Zelt aus dem Basler Alltag.

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