„Es ist befreiend, wenn man offen über persönliche Probleme sprechen kann. Dafür bin ich da.“

Zu Besuch beim Seelsorger

Ist ein Seelsorger ein Psychiater? Ein Psychotherapeut? Pfarrer? Zuhörer? Berater? Oder irgendetwas zwischendrin? Ich bin dieser Frage auf den Grund gegangen und habe mich mit dem Uni-Seelsorger Pfr. Dr. Luzius Müller unterhalten. Seit 2008 ist er Universitätspfarrer im reformierten Unipfarramt. Ausserdem arbeitet er als Seelsorger am Unispital Basel.


Herr Müller, was verstehen Sie unter dem Begriff Seelsorge?
Seelsorge ist ein etwas antiquierter, aber schöner Begriff, den ich gerne wörtlich nehme: Jeder Mensch soll seiner Seele Sorge tragen und sie pflegen. Unter Umständen kann einem dabei ein Seelsorger helfen.

Was ist die Aufgabe eines Seelsorgers?
Als Seelsorger nehme ich mir in erster Linie Zeit für die Menschen, die mich aufsuche. Im Gespräch geht es oft zuerst darum, warum eine Person die Seelsorge in Anspruch nehmen will: Was führt sie hierher? Was will sie von mir? Meine wichtigste Aufgabe ist Zuhören – qualifiziertes, achtsames Zuhören. Ich stelle keine Diagnosen und gebe in der Regel keine Ratschläge. Wir sind ja wahrlich übersättigt von irgendwelcher Beratungsliteratur – zu jedem noch so absurden Thema kann man sich einen Ratgeber in der Buchhandlung kaufen oder sich an eine Beratungsstelle wenden. In der Seelsorge geht es darum, einem Menschen Raum fürs Erzählen zu geben. Oft ist es unglaublich befreiend, wenn man einfach offen mit einer Person über persönliche Probleme sprechen kann. Dafür bin ich da.

Sie haben also eine eher passive Rolle des Zuhörens?
Wenn gewünscht, gebe ich gerne ein ehrliches Feedback. Ich versuche, dies möglichst wertschätzend zu tun. In der Regel kommen die Leute nur einmal zu mir. Wenn jemand mehrmals zu mir kommt, dann höchstens alle zwei Wochen. Ich bin kein Therapeut und die Seelsorge ersetzt keine Psychotherapie, das muss klar sein. Wenn ich es für nötig halte, empfehle ich aber auch einen Besuch bei einem Psychologen oder einer Psychiaterin.

Sie sind ja Pfarrer. Welche Rolle spielt Religion in einem Gespräch mit Ihnen?
Die Seelsorge ist ein Dienst der Kirche. Seelsorge in der Art, wie ich sie praktiziere, gibt es seit ca. 50 Jahren. Zuvor war es eher eine Art Unterweisung, der Pfarrer hat im Gespräch auf der Basis des christlichen Glaubens Anweisungen und Ratschläge zum Verhalten gegeben. In den 60er, 70er Jahren kam es dann zu einer an humanpsychologischen Modellen orientierten Weiterentwicklung der Seelsorge. Welche Rolle Religion im Gespräch hat, lasse ich offen. Ich schreibe niemandem einen Glauben oder eine Religion vor. Wenn gewünscht, können Fragen oder Nöte des Glaubens besprochen werden. Dies ist aber absolut kein Muss. Das Seelsorgeangebot steht für Menschen jeder religiösen Herkunft offen.

Mit welchen Problemen kämpfen Studierende? Ist Prüfungsstress ein alltäglich gehörtes Thema bei Ihnen?
Interessanterweise gar nicht. Kaum jemand kommt zu mir, weil er Probleme mit Lernen oder Prüfungen hat. Häufig sind es familiäre Schwierigkeiten. Studierende befinden sich teilweise in einem schwierigen Prozess der Ablösung von den Eltern. Manche erfahren zuhause sehr viel Abwertung : „Uni? Das schaffst du eh nicht! Mach lieber eine Ausbildung…“. Andere kommen mit Problemen religiöser Art: Sie hinterfragen ihren Glauben oder sind streng religiös erzogen worden und versuchen im Gespräch mit mir, ihre Einstellung neu zu definieren. Auch Gaststudierende kommen ab und an zu mir: Gerade ihnen fehlen an einem neuen Ort die Ansprechpersonen für persönliche Probleme.

 

Die Seelsorgestelle ist für alle Angehörigen der Universität offen und kostenlos. Termine können per Mail vereinbart werden.

 

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