Ein Streifzug zu Basels besten Secondhand-Läden

Wir alle wissen um die ausbeuterischen Arbeitsbedingungen in der Textilproduktion und dennoch kaufen wir immer mehr Kleider zu immer günstigeren Preisen. Während wir schon lange die Glas- von den PET-Flaschen trennen, unseren Biomüll kompostieren und mit dem Velo zur Uni fahren, scheint das Bewusstsein für nachhaltige Mode noch in den Kinderschuhen zu stecken. Basels Secondhand-Läden möchten dies ändern. Ein Streifzug:

Auf wackeligen Beinen tastet sich auch die Mainstream-Modeindustrie langsam an das Thema heran. Bei einigen Modehäusern kann man seit wenigen Jahren, was man bei Secondhand-Läden schon immer tut: seine gebrauchten Kleider abgeben.

Anstatt in eine Tonne zu wandern, finden gebrauchte Kleider bei Secondhand-Läden meistens den Weg zurück ins Regal. Die Sache mit dem Recycling von Textilien ist nämlich nicht so einfach, wie man sich das vielleicht gerne vorstellt. Gewebe kann nur dann wiederverwertet werden, wenn es zu hundert Prozent aus demselben Material besteht. Ist das Viskose-T-Shirt mit einem Baumwollfaden zusammengenäht, kann der Recycling-Prozess technisch nicht durchgeführt werden. Warum also nicht einfach die Kleider wiederverwerten?

Secondhand-Shops setzten genau da an. Sie sammeln oder kaufen gebrauchte Kleider ein, in der Hoffnung, sie mit neuen Körpern füllen zu können. Und weil Kleider schliesslich Leute machen, sollten wir uns beim nächsten Einkauf vielleicht doch fragen, welche Hände unsere Textilien zusammengenäht haben und von wie vielen sie noch weitergereicht werden könnten.

Meine Tour führt mich zu sechs besonderen Basler Secondhand-Läden. Hier die Karte zum Nachlaufen:

Vintageria Bonnie & Kleid
Unseren Streifzug zu Basels besten Secondhand-Läden beginnen wir mit der Vintageria Bonnie & Kleid im Uni-Einzugsgebiet in der Spalenvorstadt. Wie der Name bereits ankündigt, zieren auserlesene Vintage-Stücke das helle Ladenlokal. Mehrheitlich besteht das Sortiment aus Frauenkleidung, Schuhen, Taschen und Accessoires der mittleren Preisklasse. Die Ware stamme überwiegend von Privatkunden und aus einem Ankauf von Vintage-Kleidern, erklärt mir die Geschäftsführerin. Zum Teil werde auch Neuware verkauft.

Anna K.
Anna K. ist die zweite Station unserer Tour. Beim Eintreten ins Geschäft laufe ich durch zwei Diebstahldetektoren, die man sonst nur von grossen Warenhäusern kennt. Es herrscht ein lebhaftes Treiben, immer wieder kommen auch Leute, die ihre gebrauchten Kleider abgeben oder, falls ein Verkauf ausblieb, wieder abholen. Anna K. ist ein Secondhand-Shop in professionellem Kleide, unter dessen Namen ebenfalls zwei Läden in Riehen und Dornach geführt werden. Nachhaltigkeit und die Wiederverwertung von Materialien aller Art liegt den Besitzerinnen besonders am Herzen. «Wir recyclen auch immer das Verpackungsmaterial», teilen mir die beiden Mitarbeiterinnen mit. Das Damen- und Herrensortiment des zweistöckigen Lokals ist quer durchmischt und eher in der oberen Preisklasse angesiedelt. Aber aufgepasst: Bei Anna K. gibt es 10% Studentenrabatt.

fresh UP
Der nächste Vintagestore war eigentlich nicht Teil meiner geplanten Route. Wer aber dem Zufall keine Beachtung schenkt, umgeht die Überraschungen im Leben, denke ich mir und trete ins Ladenlokal von fresh UP ein. In schummerigem Licht präsentiert sich mir ein wohlerlesenes Sortiment aus Sweatshirts, Polos, Jeans und Hemden, vornehmlich im sportlichen Retro-Stil der 70er- und 80er-Jahre. Umgeben von Puppen, Lampen, Plüschtieren und Schmuck fügen sich die Stücke unglaublich gut in ihre Umgebung und ergeben ein Ensemble aus «kitsch, design und kultur», wie es der Slogan des Ladens ankündigt.

Caritas Kleiderladen & Boutique
Wir wechseln das Ufer nach Kleinbasel. Die Caritas beider Basel führt gegenüber vom Hirschi am Lindenberg zwei Secondhand-Läden, die sich Kleiderladen und Boutique nennen. Der Kleiderladen ist auf engstem Raum dicht bestückt mit preiswerter Damen-, Herren und Kinderkleidung. Wer etwas Geduld mitbringt, findet hier Bijous für wenig Bares. Die Boutique zwei Türen weiter kommt deutlich geräumiger daher und versammelt gemäss Website die «Topmodelle» der Kleiderspenden, die über eine Klappe auch ausserhalb der Öffnungszeiten eingeworfen werden können. Neben der wohlsortierten Auswahl an Kleidern bietet die Boutique auch Taschen, Schmuck, Hüte und Schuhe an. Die Caritas-Läden verschreiben sich nicht nur der Wiederverwendung von Kleidern, sondern setzten sich auch im sozialen Bereich ein, indem sie Einsatzplätze für erwerbslose Personen anbieten.

Chemiserie
Die Chemiserie gegenüber der Kaserne ist ein gemütlicher Fleck im umtriebigen Kleinbasel. Das Sortiment fokussiere sich auf Alltagskleidung, überhöre ich die Inhaberin am Telefon zu einer Kundin sagen, denn im Laden können Kleider angekauft, verkauft oder getauscht werden. Das Lokal ist stilvoll eingerichtet, das Damen- und Herrensortiment vielfältig, modisch und preiswert. «Frauenkleider erhalte ich sehr viel. Bei Männermode ist es etwas schwieriger, da wird weniger Ware vorbeigebracht», erklärt mir die Inhaberin. Ich schaue mich um und bemerke, dass ich die einzige Kundin bin und dass Shopping, entgegen dem gängigen Klischee, schon lange keine reine «Frauensache» mehr ist.

Brockino am Erasmusplatz
Das Brockino der Heilsarmee am Erasmusplatz ist der Absacker unseres Streifzuges, dessen Ingredienzen aber nicht unterschätzt werden sollten. Es ist lebendig, bunt und ein bisschen chaotisch. Wer die Türschwelle übertritt, merkt schnell, dass viel Herzblut ins Projekt fliesst, denn das Brockino will kein Warenhaus, sondern ein Ort der Begegnung sein. Das Sortiment stellt sich ausschliesslich aus Spenden zusammen und ist dementsprechend gross, kunterbunt und sehr günstig. Die Preise sind fix und unabhängig von Markennamen, teilt mir die Leiterin mit: «Bei uns ist es egal, wer seinen Namen auf die Kleider geschrieben hat: Ein T-Shirt ist ein T-Shirt.»

Ein schönes Schlusswort, denke ich mir, und vielleicht auch ein Statement, das wir uns immer wieder vor Augen führen müssen – besonders dann, wenn wir uns im Bann der Modeindustrie zu Käufen verführen lassen und dadurch ein weiteres Kleidungsstück auf die Abfallberge türmen.

Lisa Gianotti

Beim Betrachten einer zerbrechlich verkrampften Hand von Egon Schiele hat sich Lisa Gianotti dazu entschieden, Kunstgeschichte zu studieren. Von der schwerwiegenden Nebeldecke über dem Aargau ist sie der Sonne nach Basel gefolgt. In Museen findet sie die Ruhe, die in ihrem Kopf nicht immer herrscht. Wenn sich keine Leinwand vor ihren Augen befindet, dann tönen Klänge im Ohr. Sie würde gerne seltener Seminararbeiten und öfter Gedichte schreiben und ist in allem, was sie tut, nur halb so schnell wie ihre Mitmenschen.

1 Kommentar

  1. Bonnie & Kleid vinta
    Mi, 10. April 2019 / 13:26 Uhr

    Vielen lieben Dank Lisa für diesen wundervollen Beitrag!!!

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