Ein Flüchtling als Mitbewohner

Auf wegeleben.ch helfen junge Menschen in den Kantonen Zürich, Bern, Aargau, Fribourg und nun auch Basel anderen jungen Menschen, eine WG zu finden. Auf den ersten Blick scheint das nichts Besonderes zu sein. Nur handelt es sich bei den vermittelten Personen allesamt um anerkannte und vorläufig aufgenommene Flüchtlinge. Im Interview erklären mir Maria Vogelbacher und Carole Oggier vom Basler Ableger von wegeleben.ch, was hinter dem Projekt steht.

Wie seid ihr zu diesem Projekt gekommen?
Maria:
In Deutschland gibt es «Flüchtlinge Willkommen», was mehr oder weniger das Gleiche wie Wegeleben ist. Eine Kollegin von uns hat in einem Berufspraktikum von «Flüchtlinge Willkommen» gehört und wollte etwas Ähnliches in der Schweiz aufbauen. Sie hat mich gefragt, ob ich Interesse hätte, da mitzumachen. In Bern entstand gleichzeitig wegeleben.ch, also haben wir uns mit ihnen zusammengetan.
Carole: Ich hatte schon länger das Bedürfnis, mich im Migrationsbereich zu engagieren. Dann habe ich auch über eine Kollegin vom Projekt gehört.

Wieso engagiert man sich da ausgerechnet bei so einem Projekt, um Flüchtlingen zu helfen, und nicht etwa beim Roten Kreuz (IKRK)?
Maria:
Beim IKRK kann man sich zwar engagieren, aber sie haben schon feste Strukturen in ihren Projekten. Hier sind wir zwar nicht die Gründerinnen, aber die Thematik mit dem Wohnen ist ziemliches Neuland. Bis jetzt immer nur der Staat oder NGOs mit staatlichem Mandat damit auseinandergesetzt. Trotzdem ist die Wohnsituation ist nicht so genial. In Basel ist von der GGG in Zusammenarbeit mit der Sozialhilfe ein ähnliches Projekt namens GGG Gastfamilien für Flüchtlinge lanciert worden. Aber es sind eben Gastfamlien und keine WGs. Ausserdem wird dieses Projekt für ganz Basel-Stadt nur von einer Person betreut. Mit dieser stehen wir in Kontakt.

Wie ist denn die Wohnsituation für Flüchtlinge zurzeit?
Maria:
Das Problem ist, dass sie zwar Sozialhilfe bekommen, aber die Beiträge nicht sehr gross sind. Deshalb gehen sie oft in Wohnungen, die weit draussen auf dem Land sind. Manchmal wohnen mehrere Leute in einem Zimmer. Das Ganze erschwert einfach die Integration in die Gesellschaft extrem, weil sie beispielsweise immer weite Wege mit dem Bus zurücklegen müssten, die sie sich nicht unbedingt leisten können. Auch die Wohnheime sind überfüllt.

Wie viele Leute nutzen momentan wegeleben.ch als Plattform?
Maria:
Wir sind noch am Networken. Wir haben zurzeit sieben Anfragen von WGs. Jetzt sind wir gerade dabei, unser Projekt bei Organisationen im Migrationsbereich bekannt zu machen, um auch die Geflüchteten zu erreichen. In Bern sind schon zehn Personen vermittelt worden und die entsprechende Stelle wird gerade von Anfragen von WGs überschwemmt. Zürich ergeht es ähnlich wie Bern.

Woran macht ihr diese hohe «Nachfrage» fest?
Maria:
Die Flüchtlingsthematik und Syrien sind in den Medien sehr präsent. Die Leute haben das Gefühl, dass sie etwas machen müssen.
Carole: Und es ist auch eine Möglichkeit, mit Flüchtlingen in Kontakt zu kommen und jemanden kennen zu lernen. So können auch Freundschaften entstehen. Das ist schliesslich die beste Form der Integration. Es wird immer von Flüchtlingen geredet, aber es scheint so, als würden diese in einer Parallelwelt leben, die man gar nicht kennt.
Maria: Zudem beginnt jetzt mehreren Leuten aufzufallen, dass es viele Flüchtlinge gibt. Man sieht diese nun auch auf der Strasse.

Woran erkennt man denn einen Flüchtling auf der Strasse?
Maria:
Gut, hier ist es anders, aber in Städten wie Malmö sieht man am Hauptbahnhof sehr viele junge Afghanen, oder Menschen aus den umliegenden Ländern. Sie stehen etwas ratlos mit ihrem Gepäck herum und man merkt, dass sie gerade erst angekommen sind. So kann man sie schon erkennen.

Geht mit der hohen Nachfrage nach Flüchtlingen als Mitbewohner vielleicht auch eine gewisse Verniedlichung der Thematik einher?
Maria:
Ich glaube, dass es beides gibt. Es gibt solche Leute, die sich mit der momentanen Situation konfrontieren wollen und auch helfen wollen, aber ich habe auch schon von anderen Beispielen gehört. Wir klären bei den einzelnen WGs zuerst ab, ob sie sich eignen und warum sie sich für einen Flüchtling entscheiden. Wegeleben Zürich musste zum Beispiel einigen WGs absagen, die das ganze Projekt zu sehr als Wohltätigkeitsprojekt sahen. Es ist kein Sozialprojekt, einen geflüchteten Menschen bei sich aufzunehmen. Er ist ein Mitbewohner, ein Mensch, wie jeder andere.
Carole: Es ist wichtig, dass nicht das Bild entsteht, die WG müsste den neuen Mitbewohner betreuen. Es sind selbstständige Leute, die ihre Leben für sich führen. Sie zahlen ja auch Miete wie jeder andere Mitbewohner.
Maria: Der einzige Unterschied ist der Hintergrund der Flucht und vielleicht sprachliche oder kulturelle Barrieren. Durch das Zusammenleben sollte vor allem Letzteres aber gerade verbessert werden.

Wie klärt ihr die Eignung der WGs ab?
Maria:
Wir gehen zu den Leuten und reden mit ihnen. Meistens erkennt man recht schnell, wenn sie sich nicht eignen. Es ist aber ziemlich viel Arbeit pro Vermittlung.
Carole: Es soll auch keine reine Papiervermittlung sein. Es soll ein gutes menschliches Verhältnis entstehen und nicht nur ein Administrativverfahren.
Maria: Wir berücksichtigen im Vorhinein Aspekte wie das Alter, oder wenn nur ein Geschlecht in der WG erwünscht ist. Wir haben aber natürlich keinen Katalog, in der man beispielsweise eine Syrerin mit zwei Kindern „bestellen“ kann.

Und wie läuft die Vermittlung nach der Abklärung ab?
Maria:
Wir stellen beide Seiten einander vor und es gibt eine WG-Besichtigung. Danach können sich beide Seiten überlegen, ob sie sich ein Zusammenleben vorstellen können. Wenn sie sich füreinander entscheiden, gehen wir nach ein bis zwei Wochen vorbei, um nachzusehen, wie es läuft. Wir sind auch offen für Fragen, falls es interkulturelle Schwierigkeiten gibt. Wir stellen uns als Kontaktpersonen zur Verfügung.
Carole: Wir betreuen nach der Vermittlung aber wirklich nur bei Bedarf. Es ist ja vor allem wichtig, dass sie ihr WG-Leben selbst organisieren können und wir nicht immer reinfunken müssen.

Gibt es denn Sachen, auf die man besonders achten muss, wenn man mit einem Flüchtling zusammenwohnt?
Maria:
Man sollte ihn nicht schon beim ersten Gespräch auf seine Flucht ansprechen. Damit sind vielleicht auch Traumata verbunden und wenn du sie so ausfragst, kann es ihnen wie eine weitere Asylbefragung vorkommen, also wie eine Prüfungssituation. Mit dem Thema muss man halt sensibel umgehen. Wenn sie bereit dazu sind, erzählen sie vielleicht irgendwann von ganz alleine.
Carole: Es soll keine Sensationsgier dahinter stecken. Es steht schliesslich die Person im Zentrum und nicht ihr Rechtsstatus.

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  1. Rückblick Dezember 2015, Sa, 2. Januar 2016 / 15:10 Uhr

    […] den Medien nicht mehr ganz so präsent ist, haben viele Menschen den Wunsch, etwas zu tun. Auf dem beast Blog wurde die Möglichkeit vorgestellt, einen Flüchtling als Mitbewohner in einer WG zu integrieren. […]

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