Die Qual der (guten?) Wahl

Bei der Karrierewahl gibt es vieles zu berücksichtigen: Work-Life-Balance, Gehalt, Aufstiegsmöglichkeiten, Branchenkultur… Natürlich soll der zukünftige Job auch Spass machen und nette Arbeitskolleginnen und -kollegen wären auch nicht verkehrt. Die Organisation 80’000 hours bringt ein weiteres und für sie dominierendes Kriterium auf den Tisch: die Anzahl Menschenleben, die man mit seiner Karriere retten wird. Wie auch du mit deiner Karriere Menschenleben retten kannst und wieso du dafür nicht unbedingt zur Feuerwehr musst, erfährst du hier:

80’000 hours wurde 2011 von Studenten aus Oxford gegründet, die selbst gerade vor ihrer Berufswahl standen. Zu dieser Zeit erlebte in Oxford das Konzept des effektiven Altruismus Aufschwung. Wie der Name schon sagt, wollen effektive Altruisten Gutes tun, und zwar möglichst effektiv. Gemessen wird ganz im Sinne des Utilitarismus: zwei gerettete Menschenleben sind besser als eines.

Häufig sind es Non-Profit-Organisationen, beispielsweise in der Entwicklungsarbeit, die eine Vielzahl von Menschenleben retten. Aus dem effektiven Altruismus entstandene Organisationen wie GiveWell bewerten solche Organisationen nach deren Effektivität. Je mehr gerettete Leben pro gespendetem Franken, desto effektiver.

Non-Profit-Organisationen sind auf Spendengelder angewiesen. Und zu spenden ist laut 80’000 hours einer der effektivsten Wege, um mit seiner Karriere Gutes zu tun.  “Earning to give” wird diese Möglichkeit genannt und lässt den als egoistisch wahrgenommenen Banker von nebenan zum Gutmenschen werden. Die Entscheidung, wie viel man denn spenden soll, wird einem auch direkt abgenommen: mindestens zehn Prozent des Jahreseinkommens. Somit soll man bis zu 40 Leben retten können. Nicht schlecht, oder?

Zehn Prozent des Jahreseinkommens klingt nach viel. Mehr Geld macht jedoch zumindest ab einem gewissen Grad nicht glücklicher. 80’000 hours zitiert Studien, die  zeigen, dass ab einem Jahreseinkommen von 75’000 $ die Zunahme der Lebenszufriedenheit pro zusätzlich verdienten Einkommen abflacht. Zusätzlich verdientes Einkommen sollte man also besser spenden.

In 12 Artikeln zur guten Karriere
Wem die Idee von 80’000 hours anspricht, sollte deren Career Guide lesen. Die Artikel sind allesamt sehr gut recherchiert, können zu Beginn aber auch überfordern. Etwas leichter fällt der Einstieg mit den Videos zu den jeweiligen Artikeln. So beschäftigt sich zum Beispiel der erste Artikel des Guides mit den Eigenschaften eines Traumjobs. Schliesslich soll eine gute Karriere nicht nur anderen helfen, sondern auch einen selbst glücklich machen. Anderen zu helfen sei ein wichtiger, aber nicht der einzige Bestandteil dieses Glücks.

Auch die “Career reviews”-Sektion ist sehr spannend. Dort werden Berufsfelder danach bewertet, wie vielen Menschen man mit der Ausübung des Jobs helfen kann. So verdiene man beispielsweise als Think Tank Forscher zwar nicht so viel, könne aber einen sehr grossen direkten Einfluss ausüben. Knapp 40 Berufspfade wurden bereits bewertet; die für einen am besten passenden soll ein kurzer Test herausfiltern. Bei mir stehen politikorientierte Regierungsjobs an erster Stelle. Jedoch solle ich auch die Arbeit in einer effektiven Non-Profit-Organisation oder eine Data-Science-Karriere in Betracht ziehen.

Wer sich jetzt immer noch fragt, was es mit dem Namen 80’000 hours auf sich hat, dem sei nun die Lösung präsentiert: 40 Stunden pro Woche, 50 Wochen pro Jahr für ungefähr 50 Jahre. So viel werden wir hoffentlich nicht nur arbeiten müssen, sondern auch wollen. In Anbetracht des hohen Einsatzes lohnt sich da ein wenig Recherche schon. Egal, ob man letztlich nur sich selbst oder auch anderen damit Gutes tun möchte. Dabei sollte man nicht nur die Effektivität in Vordergrund stellen, sondern sich auch von den eigenen Werten leiten lassen.

Dominik Meier

Dominik Meier studiert Psychologie und Wirtschaft und das Hauptproblem im Studium prägt auch seine Freizeit: zu viele Interessen, zu wenig Zeit. «Optimieren!», schreit dabei der Ökonom in ihm, worauf der Psychologe entgegnet: «Zielkonflikte lassen sich nun einmal nicht vermeiden.» So gleicht sein Leben manchmal eher einem Jonglierakt als einem rational gelösten Optimierungsproblem. Nicht immer optimal, aber garantiert nie langweilig!

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