Corona im Spital, im Abstrich-Zentrum und an meiner Rachenhinterwand

Im Verlauf meines praktischen Jahres ist mir das Coronavirus in vielen verschiedenen Varianten begegnet: bei Patienten im Krankenhaus, beim Abstrichen in Containern oder an meiner eigenen Rachenschleimhaut. Einige Schlaglichter aus meinem vergangenen Jahr:

Der Abstrich
Die Tränen kommen automatisch. Wie tapfer oder hart man auch im Nehmen ist, wenn dieses Abstrich-Stäbchen an der hinteren Rachenwand kratzt, bricht der Damm. Der Trigeminusnerv reagiert, das Auge wird rot, die Nase läuft, man weint.

All die Stunden, in denen ich selber dieses Stäbchen in die Nasenhöhlen fremder Menschen habe verschwinden und wieder auftauchen lassen, war ich immer wieder erstaunt darüber, was so ein feines Stäbchen alles auslösen kann. Jetzt wo es mit meiner eigenen Rachenhinterwand Kontakt aufnimmt, erkenne auch ich: Keine Nasenschleimhaut ist aus Stahl. Wir weinen alle.

Wie weit will man gehen?
«Intubieren? Nein, das will ich nicht. Das geht doch gar nicht! Ich meine, Bauchlage, dass wird bei mir schwierig», scherzt ein Covid-Patient und klopft sich dabei auf seinen zugegebenermassen dicken Bauch. Damals dachte keiner ernsthaft an eine bevorstehende Intubation.

Die Frage nach einer Patientenverfügung gehört jedoch bei jeder stationären Aufnahme im Krankenhaus zum Standardprotokoll. Für den Fall der Fälle muss das ärztliche Personal wissen, was zu tun und was zu lassen ist. Zwei Wochen später bekommt der Patient trotz Sauerstoffgabe kaum mehr Luft, ringt wortwörtlich um Atem.

Sein Computertomographiebild zeigt eine befleckte Lunge, weisse Entzündungsherde lassen sich überall finden. Im Rapport herrscht entsetztes Schweigen. «Wir müssen Sie auf die Intensivstation verlegen. Haben Sie nochmals über die Intubation nachgedacht?»

Hygiene ist das A und O
Im Gang vor dem Covid-Patientenzimmer muss man die chirurgische mit der FFP2-Maske ersetzen, zieht sich Handschuhe sowie – falls vorhanden – Hauben an und platziert noch die Schutzbrille auf der Nase, bevor man an die Tür klopft und eintritt. Im Zimmer selbst sind die Schutzmäntel nach hygienischen Massnahmen aufgehängt: Aussenseite nach aussen, Innenseite nach innen.

Nun muss man noch geschickt in die hellblauen, grünen oder weissen Mäntel schlüpfen, bevor man sich dann endlich dem Patienten zuwenden kann. FFP2-Masken sind teuer, hygienische Schutzkonzepte reissen grosse Löcher in das Spitalbudget. Wenn das Krankenhaus sich guten Schutz nicht leistet, wird das Personal krank.

Vollgas nach Hause
«Freuen Sie sich auf Zuhause?», frage ich laut, damit der Patient mich auch durch die Maske gut verstehen kann. Ich trete aufs Gas und das kleine Auto fährt mit einem Ruck und einem gequälten Quietschen los. «Und wie! Ich vermisse meine Frau.», antwortet mir der Patient vom Rücksitz aus.

Zwischen uns ist eine dicke Plastikfolie aufgespannt. Mit Schutzmantel, Handschuhen und FFP2-Maske sitze ich am Steuer unseres Corona-Taxis und kutschiere Patienten nach Hause, die aufgrund des Virus im Krankenhaus waren und nach einigen Tagen entlassen werden können, sich aber noch in Isolation befinden sollten. Wenn wir ankommen, nehmen sie ihre Tasche, steigen aus dem Auto und laufen ihrem Zuhause entgegen, wo hoffentlich jemand auf sie wartet. Zurück in ein altbekanntes Leben.

Weil ich müde, müde, müde bin
So fühlt sich das also an. Zuerst waren da nur die Kopfschmerzen. Dann wurde ich unheimlich müde. Meine Nase lief, mein Geruchsinn ging verloren, meine Augen waren kaum geöffnet. Sieben Tage lang verbrachte ich grösstenteils im Bett meines kleinen Personalzimmers. Der ganze Stock ist positiv getestet worden.

Menschen, die sich kaum begegnet sind, haben einander angesteckt. Die Symptome sind ganz verschieden: von Husten über Halsschmerzen, Fieber zu Geruchsverlust oder gänzlich beschwerdefrei. Jeder muss täglich ein Lebenszeichen von sich geben, sonst wird die Tür aufgetreten.

Impfen oder nicht impfen, das ist hier die Frage
«Muss ich mich wirklich impfen lassen?», fragt mich meine Grossmutter wehmütig bei einem Video-Call. Sie ist 89 Jahre alt und grundsätzlich in einem ausgezeichnetem Gesundheitszustand. Ab und zu nimmt sie Schmerzmittel gegen die Beschwerden ihrer arthrotischen Gelenke, manchmal schmiert sie jene einfach mit Olivenöl ein, das helfe. Sie hat nicht einmal Bluthochdruck.

Corona hat aber sogar meine fast unsterbliche Grossmutter hart getroffen. Vor der Pandemie ging sie jede Woche Tischtennis spielen, war Teil eines Bücherclubs und ging jeden Morgen joggen. Ein Jahr später sieht sie ziemlich bleich aus auf dem kleinen Bildschirm. Ihr verschmitztes Lächeln wird seltener, sie ist einsam. «Würdest du dich denn impfen lassen?», fragt sie mich in letzter Verzweiflung. «Ohne Zweifel; sofort!»

Fazit
«Wird das Leben jemals so wie früher?», fragte mich meine Mutter vor ein paar Tagen. Ich bin immer noch etwas müde. Ich weiss es nicht. Für einige unter uns ist dies bestimmt ein einschneidendes Ereignis. Für einige wird es nie mehr so wie früher. Eine neue Zeitrechnung hat begonnen: Es wird unterteilt in die Zeit vor und nach Corona.

Doch wir Menschen sind resilient, wir werden das schon schaffen. Wir werden Wege finden, damit umzugehen. Kultur muss weiterleben, Freude muss bestehen bleiben. Wir dürfen nicht vergessen, das Leben auch zu geniessen, zu lächeln. Für die Patienten, für die Freunde, für uns selber. Jeden Tag.

Josefin Kaufmann

Mit viel intrinsischer Motivation studiert Josefin Kaufmann Medizin; der Schlüssel zum Erfolg ist der Kaffee. Bunt gekleidet, oft zu spät, immer am Lachen. Obwohl sie es geniesst, Köstlichkeiten zu schmausen, befindet sich oft nur Licht und Senf in ihrem Kühlschrank. Auf dem Fahrrad recht gefährlich unterwegs, sind Sonntagsfahrer und rote Ampeln ihr ein Dorn im Auge. Fahrradhelm ist aber ein Muss, Medizinstudium sei Dank.

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