«Wie wäre es mit Hausarzt?» – Das Hausarztpraktikum im Medizinstudium

Im vierten Studienjahr Medizin in Basel muss man ein Hausarztpraktikum absolvieren, entweder in 20 Halbtagen verteilt über zwei Semester oder in zwei intensiven Wochen am Stück. Zum Praktikum habe ich sieben meiner Basler Mitstudierenden befragt, als sie mich hier in Bordeaux besucht haben. Um an Informationen zu kommen, habe ich sie mit strahlendem Sonnenschein sowie Weisswein und Bier bestochen. Hier ist das Ergebnis:

«Wie hat euch das Hausarztpraktikum gefallen?»
Weisswein Nr. 1 nippt an seinem Glas und erzählt: «Mein Hausarztpraktikum war gut. Ich habe viel gelernt, mein Arzt hat mich von Anfang an eingebunden und selbst Patienten untersuchen sowie Gespräche führen lassen. In einer Art Übergabe musste ich ihm dann anschliessend erzählen, was der Patient mir berichtet und was ich alles untersucht habe. Am Ende hat er dann nochmals alles kontrolliert. Da war ich manchmal eine halbe bis dreiviertel Stunde mit einem Patienten alleine. Dazu kommt noch, dass wir Hausbesuche gemacht haben, was ich sehr spannend fand.»

Bière blonde Nr. 1 hängt da gleich ein: «Hausbesuche habe ich auch gemacht! Das war wirklich interessant. Es gibt so viele Menschen, die einfach zu Hause bleiben, die man nie in der Öffentlichkeit sieht. Das ist fast erschreckend. Ohne das Hausarztpraktikum hätte ich das wohl nie so hautnah erfahren…»

Weisswein Nr. 2 machte gemischte Erfahrungen: «Ich war sehr motiviert am Anfang, aber in der Hausarztpraxis bei der ich mein Praktikum mache, gibt es nur ein Sprechzimmer, deshalb kann ich nie etwas selbstständig machen. Also ab und zu darf ich kleine Untersuchungen machen, wenn der Arzt im Zimmer ist. Alleine mit dem Patienten Gespräche zu führen, lag wegen mangelndem Räumlichkeiten aber bisher nicht drin. Das ist echt schade, deshalb empfehle ich jedem das Hausarztpraktikum in einer Gemeinschaftspraxis zu machen, [Alle Gläser prosten ihr Einverständnis] da es da bestimmt mehr Kapazitäten gibt und man vielleicht auch einmal rotieren kann. Ausserdem habe ich gehört, dass eine Praxis auf dem Land noch viel mehr Vielfalt in das Patientenspektrum bringt, also jung bis alt mit allen möglichen Beschwerden. Das Spital und die Spezialisten sind halt einfach weiter weg.»

Weisswein Nr. 3 quält sich ein wenig um die Antwort: «Ich hatte mich auch sehr auf das Praktikum gefreut und, um ehrlich zu sein, jetzt gefällt es mir nicht so gut wie gedacht. Ich darf nicht so viel selbst machen, eigentlich gar nichts. Um die Wahrheit zu sagen, ich finde meine Ärztin auch nicht so kompetent…“

«Weisswein Nr. 3, wie meinst du das genau?“
Weisswein Nr. 3, etwas verlegen: «Na ja, weisst du, manchmal hat sie den Patienten nicht einmal körperlich untersucht, was ich in diesem Moment als immens wichtig empfunden hätte. Wenn sie es doch getan hatte, sass der Schmerz nämlich teilweise an einem anderen Ort und nicht unbedingt da, wo der Patienten ihn zuerst beschrieben hatte. Uns wird im Studium immer beigebracht, dass die körperliche Untersuchung einfach dazu gehört! Am Anfang war ich echt schockiert.»

Weisswein Nr. 4 wie aus der Pistole geschossen: «Ja, dem stimme ich vollkommen zu. Ich dachte mir vor dem Hausarztpraktikum, dass man bestimmt viele Tipps und Tricks aufschnappt, die man in der späteren Karriere dann selber anwenden kann. Das ist bestimmt auch der Fall, aber ich habe vor allem auch gelernt, wie ich es später nicht machen möchte. Mein Hausarzt ist zwar fachlich Wissen auf dem neusten Stand, aber bei der Gesprächsführung habe ich manchmal das Gefühl, fünfzig Jahre in der Zeit zurück geworfen zu werden.“

Das Bière blonde Nr. 1 meldet sich nun zu Wort: «Ja, das kenne ich. Mein Hausarzt ist sehr autoritär. Patient und Arzt sind überhaupt nicht auf Augenhöhe, sondern der Arzt wird immer noch mit ‚Herr Doktor‘ angesprochen und wer in der Sprechstunde die Entscheidungen trifft, ist auch klar. Im Ernst, da fühle ich mich manchmal ein wenig fehl am Platz.»

Nun kommt auch der Weisswein Nr. 5 zu Wort: «Mein Praktikum ist der Hammer! Meine Ärztin liess mich von Anfang an Patienten empfangen, sie untersuchen, Differentialdiagnosen stellen, sogar Medikamente vorschlagen… Ich habe mich gefühlt wie ein Mini-Doktor! Von Pneumologie über Orthopädie bis Gynäkologie konnte ich überall ein wenig reinschauen. Am Anfang war das natürlich echt schwierig, so ganz alleine mit dem Patienten, aber ich werde ja gut überwacht und kann meine Betreuerin jederzeit anrufen, wenn ich nicht mehr weiter weiss oder mir unsicher bin.»

«Hattest du nicht auch noch einen Notfall?»
Der Weisswein Nr. 5 errötet: «Doch! Ich hatte einen Fall von Pneumonie! Es war genau wie in der Vorlesung, das war wirklich faszinierend zu sehen. Allgemein kommen mir immer wieder Bilder aus der Vorlesung in den Sinn, die mir dann bei der Diagnose helfen und das ist dann richtig toll! Ganz viele kleine Erfolgserlebnisse!»

 «Und wie lautet euer Fazit? Hat sich euer Bild vom Hausarztberuf verändert? Könnt ihr euch vorstellen Hausarzt zu werden?»
Bière blonde Nr. 1 ist kritisch: «Vor dem Praktikum hätte ich es mir vorstellen können. Jetzt denke ich: Die Medizin ist sehr breit gefächert, vielleicht muss ich mich noch einmal ein wenig umschauen…»

Weisswein Nr. 1 gibt zu Bedenken: «Was einfach schade beim Hausarztberuf ist: die fehlende Diagnose. Man hat vielleicht einen Verdacht und schickt die Patienten deshalb zu einem Experten und sieht sie dann wieder zur Nachkontrolle, wenn das Problem behoben wurde. Die Diagnose an sich stellt man aber selten, ausser bei Grippeinfektionen, etc. . Das würde ich auf jeden Fall vermissen, deshalb kommt bei mir Hausarzt nicht in Frage.»

[Weisswein Nr. 2, Weisswein Nr. 3 und Bière blonde Nr. 1 murmeln ihr Einverständnis.]

Bière blonde Nr. 2 ist da positiver eingestellt: «Ich finde gut, dass ich jetzt ein wenig weiss, was man in einer Hausarztpraxis zu erwarten hat: Viele alte Menschen, Nachkontrollen, Arztzeugnisse, Erkältungen im Winter… Vor dem Praktikum konnte ich mir durchaus vorstellen Hausärztin zu werden. Das Praktikum hat mich zwar nicht gerade bestärkt oder motiviert, aber ich kann es mir immer noch vorstellen.»

Mehr über das Medizinstudium an der Universität Basel erfährst du hier.

Josefin Kaufmann

Mit viel intrinsischer Motivation studiert Josefin Kaufmann Medizin; der Schlüssel zum Erfolg ist der Kaffee. Bunt gekleidet, oft zu spät, immer am Lachen. Obwohl sie es geniesst, Köstlichkeiten zu schmausen, befindet sich oft nur Licht und Senf in ihrem Kühlschrank. Auf dem Fahrrad recht gefährlich unterwegs, sind Sonntagsfahrer und rote Ampeln ihr ein Dorn im Auge. Fahrradhelm ist aber ein Muss, Medizinstudium sei Dank.

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