Stramm zu Tisch oder fehl am Platz? Zu Besuch bei einer Studentenverbindung

Studentenverbindungen sind für mich ein bisschen wie Hacker. Ich weiss zwar, sie existieren, aber ich habe keine Ahnung, was die da genau treiben. Dem wollte ich ein Ende bereiten. Ich habe mich an den Stammtisch der AV Froburger gesetzt und über Füxe, Mensuren und Traditionen gesprochen.

Es ist Abend und ich bin eigentlich zu müde, um nochmals raus zu gehen. Ich habe die ganze Woche gearbeitet und würde mich am liebsten mit der Suppenschüssel auf dem Schoss ins Bett legen, aber ich bin verabredet, in einem Lokal, das ich bislang nur von den Blicken aus meinem Fenster kannte. Seit zwei Jahren wohne ich nebenan, betreten habe ich das Restaurant Rebhaus noch nie.

Es geht mir oft so mit dem Unbekannten: der Reiz ist immer da, es zieht mich an, und dennoch braucht es stets einen gewissen Kick, um den Blick über den eigenen Tellerrand zu wagen. Manchmal habe ich das Gefühl, dieser Rückzug ist ein Zeichen unserer Zeit, in der sich Menschen zunehmend in ihre Lager verkriechen, um die eigene Sippe eine Grenze ziehen und dann im Netz die sogenannten Anderen über die hochgezogenen Mauern mit Steinen bewerfen. Oft scheint es mir, als würden wir die Reibung mit dem Fremden zunehmend scheuen. Ich raffe mich also auf, raus in die Kälte, zu meiner Verabredung an den Stammtisch der AV Froburger.

Prämisse
Studentenverbindungen sind mir grundsätzlich suspekt. Ich habe meine Mühe mit Uniformen, betrauere das Revival der Bezeichnung «Ehrenmann» und mag kein Bier – es schmeckt mir einfach nicht. Nicht gerade die ideale Voraussetzung, um sich an den Stammtisch einer Studentenverbindung zu setzen. Mit vielen Fragen und Vorurteilen im Kopf wage ich es dennoch.

Die erste Sorge bereitet mir bereits die Begrüssung. Ich bin verabredet mit Reto Flütsch, Senior Designatus der Studentenverbindung AV Froburger. Er hat seine Mails stets auch mit seinem Verbindungsnamen Parzival unterschrieben. Ich weiss nicht, wie ich ihn ansprechen soll und entscheide mich kurzerhand für Reto.

Reto führt mich in einen Hinterraum an einen massiven Holztisch, wo bereits einige Froburger in Mutz und Band vor einem Bier gemütlich beieinander sitzen. Er stellt mir Belana Steinauer vor, die im kommenden Semester als Fuxmajor für die Ausbildung der neuen Mitglieder, der sogenannten Füxe, verantwortlich sein wird. Beide begrüssen mich herzlich, sie sind sichtlich erfreut über meinen Besuch. «Es gibt leider noch immer viele Vorurteile gegenüber Studentenverbindungen und wir sind froh um jede Chance, diese aus der Welt zu räumen», hatte mir Reto bereits in seiner Mail geschrieben.

Du bist, wo du sitzt
Entsprechend ihrem Rang sitzt Belana am Kopfende des Tisches und trägt zwei Bänder über ihrer rechten Schulter. Neben mir hat ihr Vater Platz genommen, er ist Altherr der Studentenverbindung Helvetia Basel. Es sei üblich, dass sich unterschiedliche Verbindungen an ihren jeweiligen Stammtischen besuchen, erklärt er mir.
Das Verbindungsstudententum wurde Belana in die Wiege gelegt. «Ich bin aufgewachsen mit Verbindungen, ich hatte sozusagen keine andere Wahl.» Sie lacht und erzählt weiter: «Schon auf dem Weg zum Kindergarten habe ich typische Studentenverbindungslieder gesungen. Im Gymnasium bin ich dann einer Verbindung beigetreten und das hat mir sofort gepasst».

Bereits nach den ersten gewechselten Sätzen merke ich, dass die Froburger sich in einer eigenen Sprache unterhalten, die ich offensichtlich nicht beherrsche. Obwohl ich mir vorbildlich Notizen mache und immer wieder mit einem Auge auf mein Blatt zu spähen versuche, bin ich mit der Terminologie der Froburger komplett überfordert. Deshalb habe ich hier im Text ein kleines Wörterbuch der Grundbegriffe des Verbindungsstudententums als Hilfestellung eingefügt.

Fux – Azubi der Studentenverbindung. Der, der dem Burschen das Bier holen, es aber nicht bezahlen muss. Auch der, dem vergeben wird, wenn er sich nicht benimmt.
Bursche – Vollberechtigtes Mitglied einer Studentenverbindung. Der, dem das Bier geholt wird (und der es unter Umständen auch zahlen muss). Zugleich der, der wissen sollte, wie man sich zu benehmen hat.


Die feinen Unterschiede

Als Belana an die Universität wechselte, war klar, dass sie auch dort einer Verbindung beitreten würde. Weil bereits einige ihrer Freunde bei den Froburgern aktiv waren, entschied sie sich für jene Studentenverbindung. «Als Mann hat man wesentlich mehr Auswahl, man kann zwischen sechs Verbindungen wählen. Als Frau sind es nur zwei», erklärt sie mir. In Basel nimmt neben der AV Froburger nur die Studentenverbindung Schwizerhüsli Frauen auf.

«Gibt es denn krasse Unterschiede, zwischen den verschiedenen Studentenverbindungen?», erkundige ich mich. Belana erläutert: «Von aussen sehen alle Verbindungen gleich aus: Sie tragen Hüte, trinken Bier und kommen zusammen. Es gibt dennoch wesentliche Unterschiede. Einige Verbindungen sind sehr strikt, was Regeln und Formalitäten betrifft. Es gibt Verbindungen, die Fechten und solche, in denen ein Trinkzwang herrscht.» Belanas Stimme ist kräftig. Sie kennt sich aus, wenn es um Studentenverbindungen geht – ihr Wissen sprudelt nur so aus ihr raus.

Von Zwängen und Ritualen
«Also wie Trinkzwang?», hake ich nach. «Viele Verbindungen haben einen Trinkzwang in den Statuten», meint Reto. «Das ist der sogenannte Paragraph 11, der lautet: Es wird fortgesoffen!», ergänzt Belana. Wer an einem Anlass einer Verbindung mit Trinkzwang dennoch trocken bleiben will, muss sich im Voraus bierkrank melden, sonst wird gesoffen. «Bei uns wird vieles lockerer gehandhabt. Wir sind keine schlagende Verbindung, haben keinen Trinkzwang und deutlich flachere Hierarchien im Vergleich zu anderen Verbindungen», betont Reto.

Schlagende Verbindungen – Die, die fechten und danach Schmisse (Narben) im Gesicht tragen.
Nicht-schlagende Verbindungen – Die, deren Gesichter unversehrt bleiben.
Mensur – Fechtkampf

Die Froburger sind also die coolen Lehrer unter den Studentenverbindungen, die drücken auch mal ein Auge zu. «Wir haben bestimmte Formalitäten und Rituale, das wirst du gleich merken, wenn der Stamm eröffnet wird», erklärt mir Reto. In der Tat zucke ich kurz zusammen, als Belana sich erhebt und «Silentium!» in die Runde schreit. Als Ferienkommissär ist sie verantwortlich für die Führung der Anlässe. Sie hält eine kurze Rede zur Begrüssung der Anwesenden und beendet die Stille mit dem Ausruf: «Colloquium!».

Vor dem Essen werden die Mützen auf dem Tisch gestapelt und ein akademisches Gebet gesprochen, das wenig mit Religion zu tun haben scheint: «Ça, ça geschmauset, lasst uns nicht rappelköpfisch sein!  Wer nicht mithauset, der bleibt daheim. Edite, bibite collegiales, post multa saecula pocula nulla.»

Es wird viel gesungen am Stammtisch der Froburger, ein polyphoner Chor aus unterschiedlichen Tonlagen, Melodien und Strophen, denn Spass scheint an dieser Tafel an erster Stelle zu stehen. Doch das Chaotische wird stets durch Regeln in Bann gehalten. Möchte ein Fux zum Beispiel ein bestimmtes Lied singen, muss er diesen Vorschlag einem Burschen mitteilen, indem er sich cantus-schwanger meldet. Diese Sitten sind im Comment niedergeschrieben. Es sind dermassen viele, dass sich die auszubildenden Füxe in der Regel vier Semester lang in der Fuxenstunde einmal wöchentlich auf die Beitrittsprüfung vorbereiten.

Veranstaltungen, Handlungen und Gesten sind in Studentenverbindungen streng ritualisiert. Im Laufe des Abends habe ich mehrmals das Gefühl, dass ich durch ganz normale Akte in tiefe Fettnäpfchen treten könnte. Ich äussere meine Verunsicherung: «Ganz ehrlich, bei so vielen Regeln verstehe ich nicht, weshalb man überhaupt einer Verbindung beitreten sollte?»

Mein Bier ist dein Bier
Für Reto steht das Gemeinschaftsgefühl an oberster Stelle, für ihn ist es der wichtigste Grund seiner Mitgliedschaft in einer Studentenverbindung. «Das Coolste an der Verbindung ist, dass ich überall in der Schweiz bei einer Studentenverbindung desselben Dachverbandes reinlaufen kann und weiss: Ich kriege ein Bier, ein Bett und Freunde – ob in Zürich, Lausanne oder Chur.» Belana betont, dass neben dem Spass und dem Austausch mit Gleichgesinnten, auch Networking für Mitglieder einer Studentenverbindung ein wichtiger Vorteil sein kann. Reto ergänzt: «Für mich ist es nicht der Hauptgrund, aber rein objektiv betrachtet ist die Mitgliedschaft in einer Studentenverbindung einer der grössten Vorteile bei der Jobsuche.»

Bereits um neun merke ich, wie ich müde werde. Die Verarbeitung der Eindrücke scheint mir mehr abzuverlangen als gedacht. Vieles bleibt mir bis zum Schluss befremdlich. Die Lieder, deren Melodien ich nicht kenne, der Hut, den ich nicht trage und die Sprache, die ich nicht verstehe. Ich bin komplett fehlplatziert an diesem Stammtisch und dennoch fühle ich mich willkommen und interessiert an dieser Welt, der ich zu Beginn des Abends noch mit Skepsis begegnet bin. «Das mag vielleicht für viele komisch klingen, aber ich fühle mich sehr wohl in hierarchischen Strukturen», meint Reto gegen Ende unseres Gesprächs. Das, was viele Zeitgenossen befremdet, scheint ihm zu entsprechen. Und wer bin ich eigentlich, die Anderen vorschreibt, was sie zu mögen haben? «Mir ist wichtig zu betonen, dass wir keine politischen Ziele verfolgen. Bei uns sind alle willkommen», ergänzt Reto, und diese Willkommenskultur spürt man, auch wenn man ohne Bier vor der Nase am Stammtisch der Froburger Platz genommen hat.

Lisa Gianotti

Beim Betrachten einer zerbrechlich verkrampften Hand von Egon Schiele hat sich Lisa Gianotti dazu entschieden, Kunstgeschichte zu studieren. Von der schwerwiegenden Nebeldecke über dem Aargau ist sie der Sonne nach Basel gefolgt. In Museen findet sie die Ruhe, die in ihrem Kopf nicht immer herrscht. Wenn sich keine Leinwand vor ihren Augen befindet, dann tönen Klänge im Ohr. Sie würde gerne seltener Seminararbeiten und öfter Gedichte schreiben und ist in allem, was sie tut, nur halb so schnell wie ihre Mitmenschen.

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