Grüsse aus den Ferien

Zum Studium gehören auch Ferien, und wenn man eine Kulturwissenschaft studiert, bietet es sich durchaus an, die freie Zeit in einem entsprechenden Land zu verbringen. Bei geographisch breitgefächerten Studiengängen, wie der Islamwissenschaft, kann sich ein persönliches Lieblingsland etablieren. Bei mir ist es Ägypten bzw. die Stadt Kairo, in der ich mich gerade befinde.

Nun sind ich und andere Arabisch-Studenten, mit denen ich im Sommer ein Ägyptisch-Sprachaufenthalt absolvierte, pünktlich zum zweiten Jahrestag der Revolution nach Kairo zurückgekehrt. Die medienaffineren Leser unter euch wissen um die politische Situation Ägyptens und die damit einhergehenden blutigen Aufstände. Auf die momentanen Details möchte ich in diesem kurzen Blogeintrag nicht eingehen, da ich ihnen so nicht gerecht werden kann (für Interessierte verweise ich auf english.ahram.org.eg, www.aljazeera.com oder www.yourmiddleeast.com ). Allerdings sei hier ein – im Lichte des Jahrestags aufs Wesenstlichste beschränkte – Ferienbericht der letzten paar Tage präsentiert:

Zwei Tage (23.01.) vor dem Jahrestag, als wir mit einem Taxi die 6. Oktober-Brücke (eine der wichtigsten Brücken Kairos) befuhren, sahen wir uns in deren Mitte mit einer Strassensperre konfrontiert. Diese war aber nicht etwa von der Regierung aufgestellt worden, sondern bestand aus Ultras, die sich auf die Strasse gelegt hatten. So mussten sämtliche Autos wie Geisterfahrer auf der Einbahnstrasse zurückkehren, ehe ihre Autoreifen angezündet wurden. Später erfuhren wir, dass sie andere wichtige Strassen und die Börse ebenfalls blockiert hatten. Mit dieser Aktion haben die Ultras demonstriert, dass sie fähig sind, essentielle Teile der Infrastruktur in Kairo lahmzulegen.

Am Jahrestag der Revolution (25.01) besuchten wir den vollen Tahrirplatz, wo mit einer ungeheuren emotionalen Kraft demonstriert wurde. Wir gingen bei Tageslicht, um Eskalationen zu vermeiden. Am selben Abend konnten wir von unserer Wohnung aus schwarzen Rauch vom Tahrir aufsteigen sehen, hörten ständig Ambulanz- und Polizeisirenen und irgendwann auch einen lauten Knall, der sogar unser Gebäude zum Beben brachte. Anscheinend sei ein Gaskanister explodiert, wobei eine Schule Feuer fing. Als wir später zu Freunden im Viertel Maadi fahren wollten, mussten wir einen Umweg machen, da die Strassen wieder blockiert worden waren.

Am nächsten Tag wurden wir von Lärm von der Strasse geweckt. Von unserem Balkon aus sahen wir, wie Demonstranten und Anhänger der Muslimbruderschaft sich mit Steinen beschmissen. Anfangs waren beide Seiten relativ ausgeglichen, bis ein Menschenstrom vom Tahrir um die Ecke aus der Mohammed Mahmoud-Strasse kam und die Muslimbrüder zurückdrängte. Allerdings befand sich das Gebäude des Innenministeriums und damit die Polizei hinter ihnen, weshalb die Polizei vorstürmte und Tränengaskanister abfeuerte. Die Demonstranten flüchteten und wir durften – glücklicherweise in nicht allzu hoher Konzentration – unser erstes Tränengas riechen. Wer die Szene selbst sehen will, kann sich die Aufnahme von unserem Balkon anschauen.

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