GeoCaching in Basel – ein völlig neuer Blick auf die kleinen Schätze der Stadt

Büchlein mit Log-Einträgen von GeoCaching
In den Logbüchern kann man seine Entdeckungen vom GeoCaching eintragen (Bild: Christoph Zäh).

Langeweile? Lange nicht mehr rausgekommen? Alles schon gesehen? Für all diese Phänomene gibt es eine einfache Antwort: GeoCaching. Aber was bedeutet das und was hat das mit dem Gleis neundreiviertel, Erbeben und Basilisken zu tun? Ich werde es dir am Beispiel eines August-Nachmittages berichten.

Bevor der Ball in Rollen gerät, muss ich nochmal ein paar Tage zurückspringen. Ich sitze mit einem Bekannten aus dem IT-Bereich an einem Tresen und wir sprechen über mein Vorhaben, einen Artikel über GeoCaching zu schreiben – etwas, von dem ich bis dato keine wirkliche Ahnung habe, geboren aus einer schnellen Idee in einem Redaktionsgespräch, nachdem ein anderes Thema weggefallen war.

«Ich weiss nicht einmal, was das Wort genau bedeutet. Ich weiss, dass Geo im Griechischen für Erde steht, aber was bedeutet Caching?» Fragend schaue ich meinem Gegenüber in die Augen.

Von altgriechisch γῆ gē «Erde» und englisch cache «Versteck, geheimes Lager»

«Pufferspeicher! Das bedeutet, dass du Daten zwischenspeicherst, um bei wiederholter Nutzung ressourcenschonend und schnell Zugriff darauf zu haben», erklärt mir mein Bekannter inbrünstig. Ich nicke, allerdings bin ich mir noch nicht hundertprozentig sicher, ob diese Erklärung den Nagel auf den Kopf trifft.

Wir springen also wieder zum Ausgangspunkt meiner Selbsterfahrung, ein klimatisch milder August-Nachmittag zur Feierabendzeit. Ich erinnere mich an den Dialog mit meinem Freund und schmeisse nochmal die Suchmaschine auf meinem Handy an:

«Geocaching ([…] abgeleitet von altgriechisch γῆ gē ‹Erde› und englisch cache ‹Versteck, geheimes Lager›), […] ist eine Art Schatzsuche, die sich Ende des 20. Jahrhunderts auszubreiten begann», wirft mir der Wikipedia-Artikel entgegen. Die Zwischenspeicher-Übersetzung, sprich eine Art im Hintergrund versteckter Speicher, war also gar nicht so schlecht. Ich lese noch ein bisschen weiter.

Screenshot von App

Auf der App sieht man, wo es mit der Schatzsuche weitergeht (Screenshot GeoCaching).

Das Konzept ist schnell erklärt: Es geht um das Verstecken witterungsgeschützter Logbücher an idealerweise interessanten Orten und das Aufspüren dieser mittels GPS und Texthinweisen. Drei Elemente scheinen hierbei zentral zu sein:

  1. Man sollte immer einen Stift mitführen, um sich selbst in den Logbüchern eintragen zu können.
  2. Ein GPS-fähiges Gerät ist unabdingbar, um die entsprechenden Stellen aufzuspüren.
  3. Es werden die Koordinaten zum Finden der GeoCaches benötigt.Oh, und fast hätte ich einen vierten, wichtigen Punkt vergessen:
  4. Wer nicht geocached, ist ein Muggel. Wie in der Harry Potter-Romanwelt, welche mit diesem Begriff die von der Zauberei und Magie gänzlich in Unkenntnis verbliebenen Menschen ohne Zauberkräfte bezeichnet, sind hiermit Menschen gemeint, welche keinen Bezug zum GeoCaching haben und die streunenden Aktivitäten einer geogachenden Person womöglich als sonderbar oder ungewöhnlich bezeichnen würden. «Gerade war ich noch Muggel.», denke ich mir und stürze mich wieder in die Informationsflut aus dem Web.

Ich gegen die Muggel

In meiner Recherche stosse ich auf eine App-unterstützte Plattform, welche mittlerweile über 3 Millionen aktive GeoCaches beherbergt. Eine E-Mail-Registrierung später bin ich dabei – vielleicht nicht ganz so spektakulär wie der Sprung des jungen Harry durch die massiv scheinende Ziegelmauer des berühmten Gleis neundreiviertel, und eine Eule hab ich auch nicht dabei, aber auf dem Boden meines Rucksackes finde ich einen beinahe zauberstabähnlichen, grünen Fineliner und zumindest auf der Kartenanzeige der App tut sich vor mir eine neue Welt auf.

Ich scheine jetzt also alle Bedingungen zu erfüllen, mein Smartphone versorgt mich über die App mit nahgelegenen Cache-Informationen und der GPS-Ortung, mein Fineliner wird später die Dokumentation meiner Zielerreichung leisten – hoffentlich. Da stehe ich also auf dem Vorhof der alten Universität und weiss nicht so recht, wie ich jetzt anfangen soll.

Fachwerkhaus

Erster Halt: «Meister Sonnenfros Hus» (Bild: Christoph Zäh).

In der Kartenanzeige der App sehe ich meinen eigenen Standort, ein blauer, unscheinbarer Kreis am Rande des Rheins. Doch was ist das? Nur ein paar Meter von mir entfernt leuchtet ein grüner «Kasten» auf. Ich drücke intuitiv mit dem Finger darauf, ein Name erscheint in der Anzeige: «Meister Sonnenfros Hus», ich drücke erneut und habe plötzlich ein vielfältiges Menü vor mir. Im Reiter «Aktivität» steht das gestrige Datum, der Cache scheint also gerade erst entdeckt worden zu sein. Ein weiterer Klick auf den Reiter offenbart mir die Erfahrungen meiner Vorgänger in Kommentarform, der Cache scheint vielgelobt und vielgefunden. Unter «Fotos» ist ein Bild des alten Fachwerkhauses am Rheinsprung zu sehen. Und tatsächlich: Sobald ich meinen Kopf vom Handy erhebe, kann ich mein Ziel bereits erblicken.

Schwierigkeit 1.0, Terrain 1.5, Grösse Mikro

Es gibt noch weitere Funktionen, die sich mir nicht alle auf den ersten Blick erschliessen. Sie tragen Namen wie: «Wonders of the World», «Trackables» und «Wegpunkte», noch eine GPS-Navigationsfunktion und eine Kurzinfo: Schwierigkeit 1.0, Terrain 1.5, Grösse Mikro. Die Werte sind als Balken auf einer Skala von 1 bis 5 angegeben – klingt eigentlich nach einem idealen Einsteigercache. Ich stapfe also los, das GPS, auf diese paar Meter in etwa so sinnvoll wie ein geplatzter Reifen, bewegt sich tapfer und zielstrebig mit.

Unter «Listing» stehen einige interessante Informationen zum Gebäude. Die gesamte Häuserreihe sei nach dem grossen Erdbeben im 14. Jahrhundert errichtet worden und «Meister Sonnenfros Hus» habe sich seither gehalten. Ich stakse also mit musterndem Blick um das Gebäude, allerdings will mir nicht so recht einleuchten, wonach ich genau suche. Ausserdem möchte ich an diesem Gebäude keine Spuren hinterlassen. Also drehe ich mit dem Blick suchend meine Runden, der Mann mit dem Besen gegenüber muss mich für desorientiert, überneugierig oder planerisch kriminell halten, so oft wie ich Scheiben, Hauseingang und Seitentüre mustere. Ich gebe auf.

Eingang zum Spalenberg von Lys aus

Die Standorte fürs GeoCaching sind in der ganzen Stadt verteilt (Bild: Christoph Zäh).

Nein, noch nicht! Unter dem Reiter «Hinweis» finde ich einen kurzen Tipp und es vergehen weitere erfolglos kreisende 10 Minuten. Als ich schliesslich erneut davor bin, aufzugeben, fallen mit die «Aktivitäten» ein, die Kommentare meiner Vorgänger. Selbstverständlich gibt sich niemand in den Kommentaren die Blösse, das Versteck zu spoilern, aber ein indirekter Hinweis zum Suchprozess gibt mir neue Hoffnung und ich kann den Cache tatsächlich bergen. Ein gutes Gefühl, endlich einen Namen einzutragen. Meinen ersten Cache habe ich dem Beast-Blog gewidmet.

Entspannend und leicht überfordernd

Ich habe Blut geleckt, der Cache ist replatziert, es folgt wieder der Blick auf die Karte. «Spiesshof», nicht weit von mir, viel gelobt, nicht immer gefunden und eine einladende Beschreibung. Auf dem Fahrrad treibe ich durch die Gassen der Basler Altstadt. «Wie schön es hier ist, wieso bin ich eigentlich nicht öfter in einem der kleinen Kaffees in den Seitengassen?», denke ich mir und merke, dass ich es geniesse, Basel mal wieder ohne einen nahenden Termin, nicht auf einem Berufsweg und ohne terminierte Zeitfenster zu erleben. Eine kleine Reise nur für mich und meine Eindrücke, das hat schon was für sich.

Beinahe meditativ erreiche ich den «Spiesshof» und bin etwas überfordert. Viele Winkel gibt es hier auf den ersten Blick nicht und der Cache ist mit der unspezifischen Grösse «Sonstige» angegeben. Ausserdem scheinen in den Kommentaren andere GeoCacher sogar mehrfach vergeblich ihr Glück versucht zu haben. Und auch ich muss mich schliesslich geschlagen geben. Auch nach reiflicher Begehung und dem optischen Scannen der gesamten Fläche bin ich ratlos. Ich beschliesse, den Cache auf meine Bucketlist zu verfrachten und mir einen anderen Cache aus der vielfältigen Auswahl auszusuchen. Der Misserfolg spornt mich zusätzlich an.

Erst die Suche, dann die Begeisterung

Ich finde einen Cache-Vorschlag mit dem vielversprechenden Namen «Gegenüber vom Basilisk». Er wird als Anfänger-Cache beschrieben und weckt in mir grosse Hoffnung, mit einem Erfolg abschliessen zu können. Die Reise geht zur Wettsteinbrücke, wo ich von rheinischer Nachmittagssonne begrüsst werde. Die Geschichte des namensgebenden Basilisken, in der Cache-Beschreibung ausführlich zugänglich, zieht mich kurzzeitig in seinen Bann, dann aktiviere ich das GPS und lasse mich vom Basilisken weglotsen, der Cache ist schliesslich nicht beim Basilisken, sondern gegenüber.

Am Ausgangspunkt habe ich ziemlich zu kämpfen, mir fallen unzählige Versteckmöglichkeiten auf und das theoretisch abgehbare Areal ist gross. Zwei Pausen und einiges an Ausprobieren später finde ich schliesslich den Cache und bin absolut begeistert von dem Versteck.

Blick von Wettsteinbrücke auf Rhein und Münster

Und immer wieder: schöne Ausblicke auf die Stadt (Bild: Christoph Zäh).

Der GeoCacher-Codex verbittet sich natürlich, zur Sache zu spoilern. Nur so viel: durch das kreative und herausfordernde Versteck fühlte sich der Eintrag im Logbuch gleich doppelt belohnend an. Als ich den Eintrag tätige, läuft eine Muggel-Familie an mir vorbei und begutachtet mich misstrauisch, ich scheine in Position und Verhalten aufzufallen. Ich lächle, woraufhin die Muggel schnell den Blick abwenden – eigentlich schade, sie wissen gar nicht, welches Abenteuer ihnen da in ihrer Heimatstadt entgeht.

Ich bin jedenfalls hochzufrieden. Schlendernd hole mein Fahrrad und werfe nochmal erfolgsverwöhnt einen letzten Blick auf den Rhein. Was für ein genialer Nachmittag.

Christoph Zäh

Während seiner Ausbildung zum Heilerziehungspfleger wurde Christoph Zäh klar, dass er seine Zukunft der Arbeit mit Menschen widmen möchte. Das Psychologiestudium soll nun die absolute Erleuchtung bringen. Wenn er sich nicht gerade durch die Statistiken der Welt wühlt oder in Embryonalstellung vor sich hin wimmert, weil Druckertinte jetzt teurer ist als menschliches Blut, dann boxt er sich den Kopf im Boxkeller frei oder sucht sich auf dem Rennrad, mit dem Snowboard oder im Kajak neue Herausforderungen.

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