For x in text: words.append(x) – Mein erster literarischer Hackathon

Nervöses Tastenhauen, die letzten Asse werden aus den Ärmeln geschüttelt. Unsere Gruppe sitzt angespannt im Hinterzimmer, die anderen Teams wuseln bereits  zwischen den Räumen hin und her, schlängeln sich durch Journalisten und Gönner durch. Es werden Plakate aufgehängt und Präsentationen geübt. In fünfzehn Minuten sollen wir unsere Resultate des literarischen Hackathons «Der Fontane-Code» präsentieren. Doch fangen wir von vorne an:

Wer den Begriff Hackathon kennt, der wird sich vielleicht über das Adjektiv «literarisch» wundern. Ein Hackathon ist eigentlich ja ein Eventkonzept aus der Informatik: Die Arbeitsgruppen finden sich am Eventort ein, meistens ohne grosse Vorbereitung, und bekommen dort eine Fragestellung oder eine Aufgabe, die innerhalb von 24-72 Stunden (je nach Hackathon) gelöst bzw. programmiert werden soll. Der literarische Hackathon verbindet nun dieses Eventkonzept mit Fragen aus der digitalen Literaturwissenschaft, ein Teilgebiet der jungen Disziplin Digital Humanities. Digital Humanities beschreibt die Anwendung von computergestützten Methoden in den Geistes- und Kulturwissenschaften.

Unser Projekt
Unsere Dozentin hat uns angefragt, ob wir Lust hätten, an einem Theodor Fontane-Hackathon teilzunehmen. Die meisten von euch kennen Fontane vermutlich für seine Romane «Effi Briest», «Irrungen, Wirrungen» oder «Stine» und werden nun vielleicht die Stirn runzeln. Er war wohl nicht jedermanns Lieblingsmaturlektüre.

Verwunderlich am literarischen Hackathon: Man liest kaum. Hier gilt das sogenannte «Distant Reading». Der Begriff umschreibt das Analysieren und Untersuchen von Texten mithilfe von Algorithmen, ohne diese (vollständig) lesen zu müssen.

Im Voraus hatten wir uns als Gruppe auf ein Projekt zur Trope Personifikation geeinigt. Eine Personifikation stellt in der Literatur eine «Belebung» von nicht belebten Gegenständen dar. Wenn die Blätter im Wind tanzen, dann werden sie durch das Verb «tanzen» belebt dargestellt. Unser Ziel war es, bei Fontane die Personifikationen maschinell herauszuarbeiten, indem wir den Subjekten das Attribut «belebt» oder «unbelebt» zuordnen und bei den Verben bestimmen, ob es ein belebtes und/oder unbelebtes Subjekt fordert. Diesen Zuordnungsprozess nennt man auch «Tagging».

Ein Hoch auf das MVP
Nach einer gründlichen Vorbereitung durch unsere Dozentin geht im Juli los. Chris, der Anglistik und Informatik studiert, und ich machen uns mit dem Nachtzug nach Potsdam ins Theodor-Fontane-Archiv auf. Auch unsere beiden Gruppenpartner aus Göttingen, mit denen wir zuvor per Skype unser Projekt besprochen haben, treffen bald ein. Prof. Dr. Peer Trilcke, der Leiter des Archivs, begrüsst uns herzlich und übertönt mit seiner Gelassenheit den Ärger über den zugbedingt steifen Nacken. Er hat den Fontane-Hackathon initiiert, schon im Vorblick auf das Jubiläumsjahr 2019 «fontane.200».

Peer erklärt uns in seiner Begrüssung, was ein Hackathon ist, und dass die Ziele an solchen oftmals zu hoch gesteckt werden. Daher empfehle er das Festlegen eines MVPs, eines «Minimum Viable Product», also ein minimal überlebensfähiges Produkt. Das wir uns bis zur letzten Minute an dieses Produkt festklammern müssen, ahnen wir zum Zeitpunkt des Vortrags noch nicht, wir sind noch guter Dinge. Es bleibt auch keine Zeit, um darüber nachzudenken: Der Hackathon wird nun mit Studentenfutter und Club Mate eröffnet.

Peer erklärt im Theodor-Fontane-Archiv, was ein Hackathon und ein MVP sind

Drei Tage Hackathon: Was bleibt?
Alles, was darauf bis zur Präsentation folgt, wurde in meinem Gedächtnis als verschwommener Film abgespeichert, worin immer wieder Bilder auftauchen von nicht funktionierenden Python-Programmen, von ungläubigem Kopfschütteln und nervösem Lachen, von Pizzastücken, die auch kalt direkt vor dem Bildschirm gegessen werden, und von nachgeholten Arbeiten spätabends im Hotelzimmer. Es waren krasse drei Tage. Bei diesem inneren Rückblick betrachte ich zwischendurch immer wieder einen Aufkleber mit einem Gedichtzitat, den ich an einer Fontaneausstellung erhalten haben:

«Ich weiss dein Schicksal nicht
nur eines weiss ich
Vorwärts ohne Sinn und Plan
als wären wir nicht allein.»

Theodor Fontane

Vorwärts ohne Sinn und Plan, das hätte unser Motto sein können, denke ich.

Was mir aber auch geblieben ist, ist die Hilfsbereitschaft unter den Gruppen. Wir tauschten Wissen und Know-how aus und motivierten uns gegenseitig. Und auch die Abende, an denen nicht gearbeitet werden musste, verbrachten wir gemeinsam im Team. Nicht zuletzt hat mich auch die Kollegialität überrascht, die zwischen Studierenden und Professoren, Experten und Laien entstehen konnte. Es waren krasse, aber schöne drei Tage, an denen ich unglaublich viel lernen konnte.

Von Resultaten und Fehlern und verdientem Bier
Bis zur letzten Sekunde vor der Präsentation kratzen wir unsere Daten zusammen und stellen dann unser MVP vor: Eine Tabelle. Hört sich weder wirklich schmackhaft noch sagenhaft an im Vergleich zu den schönen Diagrammen, welches manch anderes Team bieten kann. Diese Tabelle enthält allerdings für uns wichtige Informationen: Sie listet die Verben und Subjekte aus den Romanen Fontanes auf, wie auch unsere zusätzliche Information, unser Tagging. In dieser Form ist sie überlebensfähig: Es fehlen nur noch ein oder zwei kleine Python-Programme bis zur Extraktion von Personifikationen.

Ein Ausschnitt aus unserem Programmiercode

Allerdings gehört zu unseren Resultaten eine lange Liste an Fehlerquellen, die für die Zukunft zu reflektieren wären: Bestimmt der Computer wirklich schon genau genug, ob es sich bei einem Wort bei Fontane um ein Verb/Subjekt handelt? Welche Qualität weisen unsere Ressourcen auf, aus denen wir die Informationen für das Tagging gezogen haben? Wie beurteilen wir dabei uns selbst als mögliche Ressource? Wir enden unsere Präsentationen mit dieser Liste, für uns bleiben die Resultate der Fehlerquellen fast schon die wichtigsten.

Die anderen Gruppen können etwas handfestere Resultate vorstellen: Figurenreden und dadurch bestimmte Figurenkonstellationen; Ähnlichkeitsbeziehungen zwischen den Romanen und Referenzromanen anderer Autoren; Merkmale der von Fontane verwendeten Hapax Legomena (Worte, die nur ein einziges Mal in einem Werk vorkommen) – wir sind beeindruckt.

Doch trotz unserer Verwicklungen in Arbeitsstränge, die in noch mehr Arbeit resultierten und unser MVP zu einem echten «Minimum» werden liessen, bekommen wir nach dem Vortrag auch viele Komplimente für die zielstrebige Arbeit. Wir waren drei Tage lang richtig, richtig fleissig. Das kühle Bier in der freundschaftlichen Abschlussrunde haben wir uns wirklich verdient.

Andjelka Antonijevic

Andjelka Antonijevic studiert Germanistik und Mathematik und fällt regelmässig in kleine Identitätskrisen, wenn sich ein gedehnter Vokal oder aspiriertes 'k' in ihren Aargauer Dialekt verirrt. Sie verbringt viel Zeit beim Stöbern in Brockis, möchte aber eigentlich gerne mehr Kurzgeschichten schreiben. Nach Lernphasen flüchtet sie mit Rucksack und Zelt aus dem Basler Alltag.

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