Einblicke in das Hollywood der Schweizer Literatur

Bild: Anaïs Steiner

Tamara, 21, studiert an der Universität Basel Germanistik und Medienwissenschaften. Am vergangenen Wochenende hat sie gemeinsam mit einem von Professor Alexander Honold geleiteten Seminar die Solothurner Literaturtage besucht und den dazugehörigen Blog geleitet. Jetzt lässt sie das Wochenende und die Eindrücke ihrer Mitstudierenden Revue passieren:

„Zuerst lese ich eine Geschichte und dann shotten wir zusammen,“ so die Aussage eines Mannes, der für seinen zweiten Roman „Vor dem Fest“ den Preis der Leipziger Buchmesse erhielt: Saša Stanišić. In diesem Moment sitzt der Autor mit uns an einem Tisch, macht Witze, outet sich als HSV-Fan und verspricht uns einen Gastbeitrag auf unserem Blog. Lange mussten wir darauf warten, dass er sich zu uns setzt. Es besteht kein Zweifel: Am Freitagabend ist er der Star der vorgelesenen Worte. „Shot Stories“ nennt sich die Veranstaltung im Rahmen der Solothurner Literaturtage, die Eins a auf das Studierendenklientel anspricht – also uns. Die Anwesenden müssen an die Bar gehen, um Shots und den Autor, den sie gerne hören würden, zu bestellen. Neben Stanišić lesen noch einige wortgewandte Jungautoren des Basler Literaturmagazins Narr. Nach jeder vorgelesenen Kurzgeschichte wird ein Kurzer konsumiert. Für Saša (alles andere als ein Du wäre in diesem Rahmen unangemessen) ist es der Achte. Für uns ist es mehr so, als würde man zum ersten Mal einem langjährigen Briefkumpel begegnen, von dem wir schon viel gelesen haben.

Wir, das sind eine Gruppe von Studierenden des Deutschen Seminars, der Universität Basel. Am vergangenen Wochenende haben wir uns unter die vorrangig grauhaarigen Besucher der Solothurner Literaturtage gemischt – und nein, das ist kein Vorurteil. Tatsächlich sind wir, neben den jungen Helferinnen und Helfern, die deutlich jüngsten Besucher. Vereinzelt sind Studierende in unserem Alter anzutreffen. Wieso sind die Literaturtage nicht auch ein Treffpunkt der jüngeren Generation? Gerade die Möglichkeit mit seinem Lieblingsautor mal einen Kaffee oder ein Öufi im Restaurant Kreuz zu trinken, sollte doch eigentlich auf unsere Generation verlockend wirken – auch wenn es manchmal komisch ist, genau diejenigen zu treffen, von denen der begeisterte Leser schon so viel gelesen hat. Es ist eben ein bisschen wie das Hollywood der Schweizer Literatur.

Wir nutzen das aus: Nora Gomringer und Noëlle Châtelet fragen wir, wie sich eine Schreibblockade anfühlt und Pierre Wazem beantwortet uns, wie es ist als Comiczeichner an einem Literaturfestival zu sein. Auch Sacha Batthany ist ein gefragter Mann an den Solothurner Literaturtagen: Sein Buch „Und was hat das mit mir zu tun?“, welches sich mit der düsteren Familiengeschichte des Autors auseinandersetzt, ist bereits am Sonntagmorgen in der Festivalbuchhandlung Lüthy ausverkauft. Ihm stellen wir die Fragen, die wir nach seiner Lesung unbedingt beantwortet haben wollten.

Die Aare glitzert in der Sonne und es ist heiss. Während im Hintergrund die allsamstäglichen Geräusche der Stadt Solothurn zu vernehmen sind, steht Franz Hohler auf dem Klosterplatz und liest mit einer inneren Ruhe, wie sie kein anderer besitzt. Er bringt mit seinen Pointen die Hörlustigen immer wieder zum Lachen. Das Aussenpodium ist öffentlich zugänglich und bietet, da fast alle Gäste hier eine Kurzlesung geben, den perfekten Einblick in die Literaturtage. Nach 15 Minuten ist alles vorbei. Aber Hohler nimmt sich noch Zeit für ein Gespräch. Danach sind wir uns sicher: Franz Hohler for President!

Für manch einen von uns war es das erste Mal an den Solothurner Literaturtagen. Für die alteingesessenen Solothurner ist jedoch klar: „Der Charme der Literaturtage, das sind eigentlich wir“. Fest steht, es werden viele Bilder des vergangenen Wochenendes in unseren Köpfen hängen bleiben: Wie es ist, Literatur nur zu hören, wie in einem einzelnen Moment das Eigene und das Fremde auseinanderklaffen und man sich auf eigentümliche Weise mit den Mithörern und Autoren nahe fühlt. Aber auch Diskussionsrunden, die die Erwartungen nicht erfüllen und ärgerliche Absagen, für die man ein Alternativprogramm mit Flair findet. Und plötzlich stellen wir fest: Die ganzen Eindrücke, Bilder und das Erlebte sind doch gar nicht so einfach in Worte zu fassen, wie wir dachten  – was aber bleibt? Na klar, die Erinnerung.

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