Ein Tag am Birsköpfli

Am Rhein gibt es viele kleine Juwelenplätze, an denen man den Fluss in vollen Zügen geniessen kann. Dort, wo die Birs in den Rhein mündet, liegt einer von ihnen: das Birsköpfli. Vielleicht warst du schon einmal, vielleicht bereits hundert Mal da und bist schwimmen gegangen oder hast dir ein Apéro auf der Veranda Pellicanò schmecken lassen. Ich habe von morgens bis abends am Birsköpfli ausgeharrt und dabei das Tagesgeschäft beobachtet:

Ich strample auf meinem Fahrrad durch Kleinbasel, vorbei am Tinguely-Museum, über die Schwarzwaldbrücke Richtung Birsköpfli. Jogger, zum Teil in fragwürdigem Partnerlook, begegnen mir frühmorgens. Sonst ist die Stadt noch ruhig, schlummert, schläft am Wochenende einmal aus.

Schon von Weitem kann ich die grünen Wiesen und die hohen Zipfel der Pappeln ausmachen, quasi eine Grün-grün-Situation. Doch als ich näher komme, kann ich meinen Augen kaum trauen. Da sind immer noch die grünen Wiesen, die hohen Pappeln, aber sonst ist da nichts. Gar nichts. Kein Mensch verweilt am Birsköpfli. Sie springen vielleicht vorbei, machen kurz Dehnübungen, aber die Wiesen sind nackt.

«Denkst du, ein Sonnenaufgang wäre schön am Birsköpfli?», frage ich einen guten Freund beim mitgebrachten Brunch. Im Osten geht die Sonne auf, im Süden nimmt sie ihren Lauf… Wir diskutieren über alle Himmelsrichtungen und sind überzeugt davon, dass hier das Morgenrot wohl wundervoll zu bestaunen sei. Der frühe Vogel fängt den Wurm! Für alle Frühaufsteher: Um diese Jahreszeit steht der Wurm wohl so circa um 05:30 Uhr auf. 

Der Brunch zieht sich in die Länge. Es wird  gequatscht, gegessen, gelacht, gegessen. Noch immer ist da niemand, bis auf eine Kleinkindfamilie im Schatten. Und da passiert es: Eine Gans hat ihren grossen Auftritt. Stolz überquert sie die fast menschenleere Wiese – sie hat unsere Pizza gerochen. Das gleichgrosse, also ganshohe Kind nähert sich ebenfalls und gluckst vor Lachen über die wunderfitzige Gans. Da stehen sie, reissen entweder Gräser aus oder lachen. Das ist bereits das Ende der Vorstellung. Beide gehen wieder und wir sind alleine. Allein, allein.

Um 12 Uhr schuf er den Grill
Zwischen elf und zwölf trudeln die ersten Grillbegeisterten ein. Hier und da, vor allem im Schatten, formen sich Kreise aus bunten Tüchern und bekleideten Menschen, die sich im Fünfminuten-Takt ein Kleidungsstück nach dem anderen ausziehen. Nicht nur die Würste auf dem Grill werden heute gebraten.

Die wunderschön mediterrane Veranda Pellicanò geht um 11:00 Uhr auf und die ersten Espressos werden bestellt. Die Boule-Bahn liegt noch unberührt neben der Holzterrasse, doch auch da wagen sich die Kleinkinder langsam heran. Um fünf vor zwölf macht sich ein unverkennbarer Duft auf dem Birsköpfli breit, es riecht nach Sommer, Ferien, Freiheit: Der erste Grill wurde angeschmissen.

Ein Sprung ins kalte Wasser
Inzwischen sind die meisten mehr aus-, statt angezogen. Bunte Bikinis motzen die Farbpalette auf. Kinder spielen in den seichten Abschnitten, Pärchen wagen sich Händchen haltend in das erfrischend kühle Wasser. Die Kommunikation zwischen den kleinen Gruppen wird angeregt: «Kannst du kurz ein Auge auf meine Sachen halten? Wir wollten kurz ins Wasser springen.»

Der Sirenengesang erreicht auch unsere Ohren. Schlendernd laufen wir über die Brücke auf die andere Seite, springen, stolpern über die angrenzende grosse Grünfläche, inspizieren den Spielplatz, klettern auf eine wunderschöne Buche, versuchen uns in Kraftübungen auf dem kleinen Sportplatz und besuchen den mehr oder weniger bequemen Barfussweg etwa 200 Meter rheinaufwärts, bevor wir endlich in das kühle Nass eintauchen.

Zusammen mit grossen und kleinen Wickelfischen sowie anderen abkühlungsbedürftigen Menschen lassen wir uns treiben. Die Strömung ausserhalb der kinderfreundlichen seichten Zone ist ziemlich stark. Man wird wortwörtlich mitgerissen. Wo die Birs in den Rhein mündet, erfährt man noch eine zusätzliche Abkühlung und weiss, dass man jetzt landeinwärts schwimmen muss, wenn man nicht beim Münster landen möchte.

Schichtwechsel
Gegen Abend werden nach und nach die Kleinkindfamilien von Jugendlichen, Studierenden, grossen Gruppen und Festen abgelöst. Bälle rollen über das Gras oder fliegen durch die Luft. Grundsätzlich kann man aber alles Erdenkliche und Unerdenkliche erwarten. Es wurden hier bereits Hochzeiten gefeiert, Mondschein-Pontonier-Sport-Wettkämpfe ausgetragen und viele Post-Prüfungsfeste zelebriert.

Man kann immer damit rechnen, etwas Neues zu bestaunen. Heute zum Beispiel: Eine Frau mit zwei Stöcken in den Händen an denen faustgrosse Kugeln hängen, die sie mit Leichtigkeit in der Luft herumwirbelt und sich dabei in unmöglich erscheinender Eleganz keinen an den Kopf schlägt. Amen.

Waren die Wiesen morgens noch leer, erreicht die Dichte der bunten Badetücher um vier Uhr ihren Gipfel und nimmt gegen sieben Uhr wieder ab. Im Pellicanò werden unter der Woche bis 23:00 Uhr, am Freitag und Samstag bis Mitternacht nun Cocktails und leckere Burger bestellt, Popmusik erfüllt die Luft, Kleidungsstück nach Kleidungsstück wird etwas widerwillig wieder angezogen. Der Wurm geht ungefähr um 22:30 Uhr wieder schlafen. Dann zieht es mich auch langsam nach Hause, obwohl es noch immer Gruppen gibt, die friedlich und leise zusammensitzen und noch ihr letztes Bier austrinken. Morgen werden die Wiesen wieder sauber und nackt daliegen, bereit für die nächsten kleinen Abenteuer.

PS: Unter Medizinern wird das Birsköpfli vor allem nach Anatomieprüfungen auch noch anders genannt, nämlich: Capitulum birsi.

Josefin Kaufmann

Mit viel intrinsischer Motivation studiert Josefin Kaufmann Medizin; der Schlüssel zum Erfolg ist der Kaffee. Bunt gekleidet, oft zu spät, immer am Lachen. Obwohl sie es geniesst, Köstlichkeiten zu schmausen, befindet sich oft nur Licht und Senf in ihrem Kühlschrank. Auf dem Fahrrad recht gefährlich unterwegs, sind Sonntagsfahrer und rote Ampeln ihr ein Dorn im Auge. Fahrradhelm ist aber ein Muss, Medizinstudium sei Dank.

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